Begrüßungsrede von Gernot Erler, dem Sonderbeauftragten für den OSZE-Vorsitz 2016, bei der Vorkonferenz der Zivilgesellschaft zur OSZE-Vorsitzkonferenz zu Toleranz und Vielfalt

By   /  October 20, 2016  /  Comments Off on Begrüßungsrede von Gernot Erler, dem Sonderbeauftragten für den OSZE-Vorsitz 2016, bei der Vorkonferenz der Zivilgesellschaft zur OSZE-Vorsitzkonferenz zu Toleranz und Vielfalt

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MIL OSI – Source: Auswärtiges Amt –

Headline: Begrüßungsrede von Gernot Erler, dem Sonderbeauftragten für den OSZE-Vorsitz 2016, bei der Vorkonferenz der Zivilgesellschaft zur OSZE-Vorsitzkonferenz zu Toleranz und Vielfalt

19.10.2016Liebe Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft,meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich darf Sie alle herzlich zu diesem Treffen am Vortag unserer OSZE-Vorsitzkonferenz zu „Toleranz und Vielfalt“ hier im Auswärtigen Amt begrüßen.

Diese Treffen und auch die Beschäftigung mit den Themen Toleranz und Vielfalt in der OSZE sind kein Novum, sondern haben eine lange und bewährte Tradition.

Vor über zehn Jahren, 2005 in Cordoba, – einige von Ihnen werden sich noch daran erinnern – hat die OSZE zum ersten Mal ein solches Treffen zur Bekämpfung verschiedener Formen von Intoleranz veranstaltet. Seitdem haben wir diese Reihe in den vergangenen Jahren fortgesetzt bis hin zur zweiten großen Konferenz zur Bekämpfung von Antisemitismus im November 2014 hier in Berlin.

Die enge Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft gehört seit der Schlussakte von Helsinki zur „DNA“ der KSZE und später der OSZE. Aber auf nur wenigen Feldern ist sie so eng und so etabliert wie in den Bereichen Toleranz und Nicht-Diskriminierung. Gerade hier ist sie aber auch besonders notwendig.

Intoleranz von Regierungen gegenüber ihren Bürgerinnen und Bürgern und Intoleranz zwischen einzelnen Menschen und ganzen Gruppen innerhalb unserer Gesellschaften sind eine Gefahr für unsere gemeinsame Sicherheit und Stabilität. Daher hat bereits die Schlussakte von Helsinki das Fundament für die Arbeit der OSZE in diesen Bereichen gelegt.

Im zentralen siebten Prinzip der Schlussakte verpflichten sich die Teilnehmerstaaten dazu „die Menschenrechte und Grundfreiheiten, einschließlich der Gedanken-, Gewissens-, Religions- oder Überzeugungsfreiheit für alle ohne Unterschied der Rasse, des Geschlechts, der Sprache oder der Religion [zu] achten.“

Diese Verpflichtung erlangte nach 1989 im Zeichen des umfassenden Wandels in Europa große Bedeutung. Die Kriege im ehemaligen Jugoslawien und andere innerstaatliche Konflikte, Flüchtlingswellen, wieder aufkommende nationalistische Bewegungen – sie alle haben uns die Gefahr von Intoleranz, gegenseitiger Entfremdung und entfesseltem Hass vor Augen geführt.

Die in dieser Zeit aufgerissenen Gräben konnten nur langsam durch beständigen Dialog und den Aufbau von Vertrauen wieder überbrückt werden und die OSZE hat bei der Bewältigung und Aufarbeitung dieser Konflikte mit ihren Missionen vor Ort einen wichtigen Beitrag geleistet.

Aber die OSZE hat auf die Herausforderungen von Intoleranz und Diskriminierung für Stabilität und Sicherheit auch durch die Schaffung von Institutionen und Formaten reagiert, um die Stärkung von Toleranz und den wirksamen Schutz vor Diskriminierung zu unterstützen und dadurch neuen Konflikten vorzubeugen. Gerade das Hochkommissariat für nationale Minderheiten, die Beauftragte für die Freiheit der Medien und das Büro für demokratische Institutionen und Menschenrechte – abgekürzt ODIHR – der OSZE haben sich hier zu unverzichtbaren Instrumenten der Frühwarnung und Unterstützung entwickelt.

Und wir haben im Lichte dieser neuen Herausforderungen die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft innerhalb der OSZE weiter intensiviert.

Viele seitdem getroffene Maßnahmen gegen Intoleranz und Diskriminierung gehen auf die Anregungen von Ihnen, von zivilgesellschaftlichen Gruppen und Initiativen, zurück.

Bei Prävention, Monitoring, der Hilfe für Betroffene und der Aufklärung verfügen Sie durch Ihre besondere Nähe zu den Risikound Betroffenengruppen über Zugang und Wissen, von denen staatliche Stellen, Polizei und Justizkräfte in hohem Maße profitieren können.

Mit der Berichterstattung über Hasskriminalität in der OSZE-Region etwa setzt ODIHR Empfehlungen um, die bei den zivilgesellschaftlichen Vorkonferenzen 2007 in Bukarest und 2010 in Astana formuliert worden sind. Die entsprechenden Informationen werden in enger Zusammenarbeit von ODIHR, den OSZEMissionen vor Ort und zahlreichen Gruppen und Organisationen der Zivilgesellschaft gesammelt und ausgewertet.

Für die Aufnahme von Impulsen zur Förderung von Toleranz aus der Zivilgesellschaft durch die OSZE und die gemeinsame Umsetzung ließen sich noch viele weitere Beispiele nennen.

Besonders erwähnen möchte ich die Einrichtung einer Kontaktstelle für Fragen der Roma und Sinti bei ODIHR 1994 und den 2003 verabschiedeten Aktionsplan der OSZE zur Verbesserung der Situation von Roma und Sinti. Nicht zuletzt auf entsprechende Anregungen aus der Zivilgesellschaft geht auch die Gründung der eigenständigen Toleranz- und Nichtdiskriminierungsabteilung bei ODIHR im Jahr 2005 zurück, die seitdem die entsprechenden Bemühungen unter dem Dach der OSZE bündelt und koordiniert und ihrerseits ganz konkrete Impulse und Hilfestellungen an die Teilnehmerstaaten gibt.

So hat diese Abteilung etwa zusammen mit dem Anne-Frank-Haus in Amsterdam Unterrichtsmaterialien zur Bekämpfung von Antisemitismus entwickelt, welche in den vergangenen Jahren Eingang in die Lehrpläne einer ganzen Reihe von OSZE-Teilnehmerstaaten gefunden haben.

Meine Damen und Herren,

heute stehen unsere Bereitschaft zur Toleranz und auch die Instrumente zur Verhinderung und Bekämpfung von Intoleranz und Diskriminierung vor neuen Herausforderungen.

Die Mobilität in unserer globalisierten Welt und insbesondere die Migrations- und Fluchtbewegungen der jüngsten Zeit erhöhen die Vielfalt unserer Gesellschaften. Diese immer weiter wachsende Vielfalt macht Toleranz mehr denn je notwendig. Nur mit Toleranz werden wir mit dieser Vielfalt umgehen und sie vor allem als Chance, als Bereicherung, und nicht als Bedrohung empfinden.

Unter diesen Bedingungen aber muss Toleranz auf mehreren Ebenen geübt, eingefordert und auch verteidigt werden:

Auf einer politischen Ebene durch die Garantie grundlegender Rechte wie der Meinungs-, Gedanken- und Religionsfreiheit und mit der Durchsetzung des Verbots der Diskriminierung des Einzelnen.

Auf einer gesellschaftlichen Ebene durch den Respekt unterschiedlicher Gruppen mit ihren je eigenen Traditionen oder Religionen untereinander.

Und auf der zwischenmenschlichen Ebene durch unsere individuelle Bereitschaft zur Toleranz gegenüber Orientierungen, Meinungen und Handlungen, die uns zunächst fremdartig und unverständlich erscheinen mögen.

Letztlich, so hat der US-amerikanische Philosoph Michael Walzer einmal geschrieben – ich zitiere – ist „tolerieren und toleriert zu werden die Leistung und das Werk demokratischer Bürger“.

Wir brauchen diese demokratischen Bürgerinnen und Bürger und ihre Organisationen in einer aktiven Zivilgesellschaft zur Einübung von Toleranz auf allen diesen Ebenen.

Wir brauchen das gesellschaftliche Engagement für demokratische Werte und Menschenrechte als Grundlagen von Toleranz und Nicht-Diskriminierung.

Und wir brauchen eine erhöhte Sensibilität und auch ein entschlossenes Eintreten gegen die zunehmenden Anfeindungen und Hassbotschaften im öffentlichen Raum und in den sozialen Medien. Gerade in der virtuellen Welt des Internets sind neue und erschreckende Formen der Verbreitung von Intoleranz und Hass aufgekommen, die Fragen hinsichtlich der Grenzen der freien Meinungsäußerung aufwerfen.

Gerade was die Aufklärung und die Einübung eines kritischen Umgangs mit derartigen Botschaften durch die junge Generation angeht, müssen wir unsere Anstrengungen erhöhen und bündeln und unsere Instrumente kontinuierlich verbessern und erweitern.

Menschenrechtserziehung durch entsprechende Module in der schulischen und außerschulischen Bildung etwa kann ein Weg zur Förderung gegenseitiger Achtung und Toleranz sein.

Meine Damen und Herren,

überall in Europa, auch hier in Deutschland, wird uns die Bewältigung der neuen Herausforderungen für den Zusammenhalt unserer Gesellschaften nur gelingen, wenn wir in enger Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft und im ständigen Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern stehen.

Die OSZE kann hier einen noch größeren Beitrag leisten, um Dialog und Vertrauen innerhalb der Gesellschaften zu fördern. Diese Konferenz heute soll insbesondere dem Austausch über entsprechende Erfahrungen und Instrumente dienen.

Wir werden auf dieser Konferenz einige Programme vorstellen, die wir in Deutschland zur Unterstützung zivilgesellschaftlicher Aktivitäten im Bereich Toleranz und Diversität aufgebaut haben. Vor allem das 2015 geschaffene Programm „Demokratie leben!“, dessen Leiter Thomas Heppener morgen auf einem der Panel sprechen wird, bietet vielen Nichtregierungsorganisationen eine Plattform zur Weiterentwicklung ihrer Angebote.

Auch beim Engagement gegen die Verbreitung von „Hate speech“ im Internet setzen wir in besonderem Maße auf Initiativen zivilgesellschaftlicher Akteure. Das Portal „Jugendschutz.net“ ist eines der von der deutschen Bundesregierung unterstützten Projekte im Kampf gegen Hassreden, Hasspropaganda und Vorurteilskriminalität in sozialen Medien und wäre ohne den Einsatz und die Tatkraft gesellschaftlicher Träger nicht denkbar.

Und erst in den vergangenen Wochen ist die unabhängige Evaluierung der Umsetzung unserer OSZE-Verpflichtungen in Menschenrechtsfragen durch das Deutsche Institut für Menschenrechte veröffentlicht und vorgestellt worden. Der Berichtsteil zur Bekämpfung von Diskriminierung und Hasskriminalität, der unter anderem auf Erhebungen unter NGOs beruht, zeigt uns, dass auch hier in Deutschland weiterhin Handlungs- und Informationsbedarf besteht, etwa bei der Datenerhebung zur Erfassung von Hasskriminalität oder der Aus- und Fortbildung für Polizei und Justiz.

Meine Damen und Herren,

diesem Austausch über neue Entwicklungen und Herausforderungen, aber vor allem auch über Erfahrungen und Reaktionsmöglichkeiten dient diese Konferenz.

Vier Aspekte, zu denen bereits umfangreiche Verpflichtungen der OSZE-Teilnehmerstaaten bestehen, werden dabei heute im Mittelpunkt stehen:

Erstens: Die Bedeutung der Menschenrechtserziehung für die Förderung von Toleranz und Vielfalt, deren Bedeutung die OSZE-Teilnehmerstaaten erstmals bei ihrem Moskauer Treffen zur menschlichen Dimension 1991 besonders betont haben.

Zweitens: Das Spannungsfeld zwischen der Garantie der Meinungsfreiheit, auch im Internet, und dem Umgang mit Äußerungen mit rassistischen, fremdenfeindlichen oder in anderer Weise diskriminierenden Inhalten.

Drittens: Der Aufbau nationaler Institutionen zur effektiven Durchsetzung des Verbots von Diskriminierung und die Verabschiedung entsprechender Strategien und Aktionspläne, die zuletzt der Ministerrat von Madrid 2007 empfohlen hat.

Und zuletzt viertens: Die aktive Unterstützung zivilgesellschaftlicher Aktivitäten und Partnerschaften zur Einrichtung lokaler, regionaler und nationaler Beratungsmechanismen zur Förderung von gegenseitigem Respekt und der Bekämpfung von Intoleranz.

Für Deutschland als diesjähriger Vorsitz in der OSZE ist die Umsetzung der Verpflichtungen in der dritten OSZEDimension insgesamt ein besonderer Schwerpunkt.

Und auch im Bereich Toleranz und Nicht-Diskriminierung besteht weniger der Bedarf nach neuen Absichtserklärungen und Verpflichtungen, sondern es ist die effektive Umsetzung der bestehenden Vereinbarungen und Empfehlungen, auf die wir unser Hauptaugenmerk richten sollten. Dies gilt gerade im Hinblick auf die neuen Herausforderungen, vor die wir uns gestellt sehen.

Daher lade ich Sie dazu ein, Ihre Diskussionen heute auch zur Formulierung möglichst konkreter Empfehlungen zu nutzen, die morgen dann Eingang in die Beratungen der OSZE-Teilnehmerstaaten und Experten finden können. Lassen Sie uns damit den Austausch weiterführen, der in der Vergangenheit gerade im Bereich Toleranz und Nicht-Diskriminierung so fruchtbar gewesen ist und auf den wir auch heute mehr denn je angewiesen sind.

Meine Damen und Herren,

lassen Sie mich zum Ende noch all denjenigen danken, die durch ihr Engagement und ihre Beiträge als Diskutierende, als Moderatorinnen und Moderatoren oder in der Vorbereitung diese Konferenz ermöglicht haben.

Danken möchte ich auch dem Vorbereitungsteam im Arbeitsstab des Auswärtigen Amtes und den Kolleginnen und Kollegen im Zentrum für Internationale Friedenseinsätze.

Und schließlich gilt mein Dank – das wird zu oft vergessen – den Übersetzerinnen und Übersetzern, die bereits tatkräftig damit begonnen haben, uns die Unterhaltung in mehreren Sprachen zu ermöglichen.

Meine Damen und Herren,

damit übergebe ich an Almut Möller und drei erfahrene Expertinnen und Experten, die in der folgenden Diskussionsrunde Bedeutung und Herausforderungen der Zusammenarbeit zwischen nichtstaatlichen und staatlichen Akteuren eingehender betrachten werden. Ihnen allen wünsche ich aufschlussreiche Begegnungen und ergiebige Gespräche im Sinne einer Art von Toleranz, die nicht auf Duldung, sondern auf die aktive Auseinandersetzung und Anerkennung bisweilen auch unbequemer Ansichten gerichtet ist.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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