An der FU Berlin ist Integrieren einfach

By   /  October 21, 2016  /  Comments Off on An der FU Berlin ist Integrieren einfach

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MIL OSI – Source: Deutschland Bundesregierung –

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Im Studienkolleg der Freien Universität Berlin lernen Flüchtlinge bei der pensionierten Studienrätin Hannelore Harmsen Mathe in deutscher Sprache. Da geht Integrieren ganz einfach. Im Wintersemester beginnen neue Kurse.

Geflüchtete Studenten aus Syrien und Iran besuchen einen Mathematik-Deutschkurs an der FU Berlin
Foto: Judith Affolter

“Das geht ganz einfach zu integrieren”, sagt Hannelore Harmsen und zeigt auf ein paar Gleichungen an der Tafel. Dort steht – angeführt von dem Integrieren-Zeichen ∫ – ein Bruch mit Potenz, Variablen und Zahlen in der Klammer, der addiert werden soll.”Partialbrüche zerlegen” heißt das Thema der heutigen Mathe-auf-Deutsch-Stunde. Zwei junge Frauen und sechs junge Männer üben bei Hannelore Harmsen, wie man höhere mathematische Sachverhalte rechnet. Und auf Deutsch ausdrückt. Sie kommen aus Syrien und dem Iran.
Mathe-Deutsch fürs BWL-Studium

Das Mathe-Deutsch benötigen sie, wenn sie später BWL, Statistik oder Maschinenbau studieren werden.

Die pensionierte Studienrätin Hannelore Harmsen unterrichtete im Sommersemester montags und donnerstags am speziell für Flüchtlinge eingerichtet Studienkolleg der Freien Universität Berlin. In ihrer aktiven Zeit lehrte sie an einem Gymnasium die Leistungskurse in Mathe und Physik.

Für jemanden der Mathematik studieren will und den Abi-Leistungskurs hat, ist Integrieren eine leichte Sache. Für jemanden, bei dem das schon länger her ist, wird’s kompliziert. Besonders kompliziert scheint es aber zu werden, wenn das Ganze noch in einer fremden Sprache absolviert werden muss.
Eine “Schar von Gleichungen”

Doch die jungen Syrer und Iraner beherrschen beides inzwischen sehr gut. Sie sprechen Sachen wie “Schar von Gleichungen” oder “Extrempunkt” ganz selbstverständlich. Sie wissen auch, was damit gemeint ist.

Mahmoud Almizel erklärt an der Tafel eine Gleichung, bei der im Nenner Variable zum Quadrat stehen. Das macht er sehr gut auf Deutsch. Allein, wenn er “X” ausspricht, klingt es immer ein wenige wie “ickse”. Sein Bruder absolviert am gleichen Tag sogar die Aufnahmeprüfung für das Studium in Rostock. Harmsen fragt: “Was heißt LGS nochmal?” “Line-äh Gleichungssystem”, sagt Mahmoud. Harmsen hilft: “Lineares Gleichungssystem”. Jetzt will Hannelore Harmsen, dass Mahmoud ein Integral in zwei aufteilt. Das gelingt ihm nicht. Mitschülerin Leen* hilft.
Nicht-die-Hand-geben gibt es hier nicht

Das fällt auf: Der Umgang untereinander ist sehr kameradschaftlich. Harmsen kennt die Schüler schon länger: “Es gibt keinen Streit. Das Verhältnis zwischen Frauen und Männern ist ganz entspannt. Nicht- die-Hand-geben gibt es hier nicht.”

Wenn sich die jungen Leute gegenseitig etwas erklären, rutschen sie manchmal ins Arabische. Da schreitet Lehrerin Harmsen ein: “Nein, nicht auf Arabisch”. Sofort schalten die Teilnehmer in die neue Sprache um.
Ein Lob von Harmsen

Das Integrieren geht weiter. Harmsen: “Was könnte man machen? Man sieht, dass der Exponent im Zähler um eins kleiner ist als im Nenner.” Mahmoud sagt: “Minus einhalb Logarithmus des Nenners?” Harmsen erklärt: “Wissen Sie was das ist? Arcus tangens des Nenners. Aber das müssen wir jetzt nicht herleiten.” Mahmoud bekommt ein Lob: “Das haben Sie super gemacht”.
Fördergelder vom Bundesbildungsministerium

Super machen die wissbegierigen jungen Leute alles. Natürlich werden sie von der Uni unterstützt, die wiederum Fördergelder für ihr Programm Welcome@FUBerlin vom Bundesbildungsministerium erhält. Bis 2019 gibt das Bundesbildungsministerium dafür rund 100 Millionen Euro aus.

Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) verfügt über das Knowhow, jährlich 320.000 herausgehende als auch hereinkommende Studierende zu betreuen. Deshalb ist er für die Programme verantwortlich.

Integra ist ein Programm für Vorbereitungs- und Sprachkurse. In dieser Art gebe es 34 Flüchtlingsprojekte an Studienkollegs und 118 Projekte an den Hochschulen.

Das Programm Welcome hilft, sich an den Hochschulen zu orientieren und ins studentische Leben zu integrieren. Beispielsweise werden bundesweit 700 studentische Hilfskräfte gefördert, die den Flüchtlingen beim Einstieg in die Hochschulen helfen. Andere sind Mentoren oder es gibt Lerncafés und Tandemprogramme.

Insgesamt lernten im Sommersemester 60 Geflüchtete an der Freien Universität Berlin. 25 Wochenstunden lang müssen sie büffeln. Davon zehn Stunden Fachunterricht wie Mathe oder Physik, um Kenntnisse aufzufrischen und 15 Stunden Sprachunterricht. Jetzt im Wintersemester gibt es neue Kurse.
Die meisten müssen noch Formalitäten klären

Mathe-Lehrerin Harmsen, nötigt es Respekt ab, wie gut die jungen Leute sind und wie sie dranbleiben. Haben die meisten doch noch viele Formalitäten hinsichtlich ihrer Aufenthaltserlaubnis oder der Bewerbung für ein anschließendes Studium zu klären.

Alle sind ohne ihre Familie hier. Zum Beispiel die 30-jährige Leen*. Sie hatte in Aleppo ihr Studium zur Mathelehrerin fast abgeschlossen, ist geflohen. Ihr Mann und die einjährige Tochter sind noch da. In Deutschland möchte sie gern als Lehrerin arbeiten. Doch für das Lehramt muss sie noch ein zweites Fach studieren. Gerne will sie Tochter und Mann nachholen.
Flucht im Schlauchboot

Oder der 18-jährige Mahmoud aus Damaskus. Er hat in Syrien Abi gemacht. Im Schlauchboot floh er von der Türkei nach Griechenland. Dann Balkanroute. Ab nächstem Sommersemester möchte er Maschinenbau studieren, um später in der Medizintechnik zu arbeiten. Zuerst wollte er Medizin studieren. Doch einen Notendurchschnitt von 1,0 hatte er im Abi nicht. Den braucht man aber in Berlin, um Medizin zu studieren.

Er lebt jetzt in Hermsdorf, hat also eine recht weite Anreise bis in die Freie Universität im Berliner Süden.
Seyed will Sport studieren

Oder Seyed. Er stammt aus dem Iran und ist mit einem Lkw geflohen, der irgendwo losfuhr. Die Route kannte er nicht. Die Türen gingen erst auf, als er in Deutschland war. Seine Familie lebt noch im Iran. Hier will er Sport studieren. Zu Hause war er Profi-Fußballer. Zur Zeit lebt er in einem Wohnheim in Lichtenberg.
Zu Hause ist es zu gefährlich

Alle, die hier lernen, wollen nicht in ihre Heimatländer zurück, weil es zu gefährlich ist. Sie wollen sich ein ordentliches leben aufbauen: Lehrerin oder Ingenieur werden.

Oder die 20-jährige Raghad. Sie stammt ebenfalls aus Aleppo. Den Fachsprachkurs braucht sie, weil sie in Cottbus danach Maschinenbau studieren möchte.
Aus dem Traum einer Reise wurde die Flucht nach Deutschland

Oder Scharif. Der 25-jährige hat in Aleppo zuvor Mathematik und Statistik studiert. Er träumte immer von einer Reise nach Deutschland. Denn viele seiner Profs an der Uni hatten in Deutschland studiert. Dann kam der Krieg. Er musste fliehen. Nun ist er in Deutschland, nur nicht als Tourist.
Am Abend die What’sApp-Lerngruppe

So reiht sich bei Hannelore Harmsens Schülern Fluchtschicksal an Fluchtschicksal. Eines eint alle: sie wollen ihre Ausbildung weitermachen, wollen studieren, sind sehr fleißig und haben ein klares Ziel vor den Augen.In der Freizeit lernen sie viel, sind natürlich auch am Smartphone. Aber selbst dort wird gelernt: Untereinander haben sie eine What’sApp-Gruppe zum Deutschlernen eingerichtet.

* Name geändert
Freitag, 21. Oktober 2016

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