Börse Frankfurt Magazin: “Corporate Bonds – ein Ausweg aus der Zinsfalle?”

By   /  October 27, 2016  /  Comments Off on Börse Frankfurt Magazin: “Corporate Bonds – ein Ausweg aus der Zinsfalle?”

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MIL OSI – Source: Boerse Frankfurt –

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31. Oktober 2016. MÜNCHEN (menthamedia). Die expansive Geldpolitik der weltweit wichtigsten Notenbanken hat ihre Wirkung an den Anleihemärkten nicht verfehlt und die Renditen kräftig nach unten gedrückt – so weit, dass viele Staatsanleihen mittlerweile negative Renditen ausweisen. Einer aktuellen Auswertung von Allianz Global Investors zufolge sind weltweit gegenwärtig Staatsanleihen im Wert von 9 Billionen US-Dollar und damit fast 39 Prozent des Staatsanleiheuniversums der Industrieländer mit einer negativen Rendite behaftet.
Spitzenreiter in diesem skurrilen Ranking ist Japan, aber auch die europäischen Finanzminister konnten in den zurückliegenden Monaten mitunter sogar zehnjährige Staatsanleihen emittieren, ohne den Käufern der Papiere hierfür einen Zinskupon anbieten zu müssen. In der Schweiz wiesen zuletzt selbst 20-jährige Staatsanleihen negative Vorzeichen aus, sodass es institutionellen Investoren derzeit praktisch unmöglich ist, mit bonitätsstarken Staatspapieren überhaupt eine Rendite zu erwirtschaften.
Blickt man darüber hinaus auf die Inflation, die sich in den kommenden Monaten beschleunigen soll, erwirtschaften Investoren selbst mit Staatsanleihen, die noch eine Mini-Verzinsung abwerfen, real betrachtet eine negative Rendite. Die eigentliche Idee einer Anleihe wird damit ad absurdum geführt.
Bei einer Anleihe handelt es sich um ein festverzinsliches Wertpapier, dessen Emittent am Kapitalmarkt einen Kredit aufnimmt und sich in diesem Zuge beim Käufer der Anleihe verschuldet. Bereits im Vorfeld werden die Kreditkonditionen dieser Schuldverschreibung wie etwa Laufzeit, Tilgung oder eben auch die Verzinsung der Anleihe festgelegt. Im Gegensatz zu Aktien werden Anleihen an der Börse nicht in einer Währung, sondern in Prozent gehandelt, weshalb der Käufer nicht eine Stückzahl der Anleihe, sondern den gewünschten Nominalbetrag kauft.
Corporate Bonds als Alternative zum Bankkredit
Dieser Zugang zum Kapitalmarkt steht nicht nur Ländern, sondern auch Unternehmen offen. Die im angelsächsischen Raum Corporate Bonds genannten Wertpapiere sind für die Unternehmen oftmals eine attraktive Alternative zu einem herkömmlichen Bankkredit, für den oft hohe Sicherheiten nachgewiesen werden müssen. Auch bei der Auflegung einer Unternehmensanleihe werden im Vorfeld die Konditionen definiert, zu denen die Gesellschaft das Fremdkapital aufnimmt. Während der Laufzeit erhalten die Investoren in regelmäßigen Abständen Zinsgutschriften auf das zur Verfügung gestellte Kapital. Die Unternehmensanleihen können in der Regel über den regulären Börsenhandel erworben und veräußert werden. Am Ende der Laufzeit erfolgt die Rückzahlung der Anleihe üblicherweise zum Nominalwert.
Entscheidenden Einfluss auf den Zinssatz eines Corporate Bonds hat die Bonität des emittierenden Unternehmens, die von Rating-Agenturen wie Moody’s, Standard & Poor’s oder Fitch festgestellt wird. Grundsätzlich gilt: Je schlechter die Finanzlage des Unternehmens, desto höher ist die Rendite der Anleihe. Denn wer ein größeres Risiko eingeht und Gesellschaften mit schwacher Bilanz Kapital zur Verfügung stellt, muss auch mit einem höheren Zins entlohnt werden. Kann ein Unternehmen die Anleihe am Fälligkeitstag nicht zurückzahlen, droht dem Inhaber der Corporate Bonds im schlimmsten Fall der Totalverlust.
Corporate Bonds auf den Spuren der Staatsanleihen
Durch die von den Notenbanken in den vergangenen Jahren provozierte drastische Veränderung der Zinslandschaft ähnelt die Situation bei den Corporate Bonds inzwischen jener bei den Staatsanleihen. Mitunter gibt es bei Unternehmensanleihen noch nennenswerte Zinsen, gerade aber Wertpapiere von Emittenten mit einer guten Bonität werfen lediglich noch eine geringe Rendite ab – wenn überhaupt: Siemens zum Beispiel hat derzeit drei Papiere im Volumen von 4,85 Mrd. Euro ausstehend, die negative Renditen bringen – das sind 79 Prozent aller von Siemens ausgegebenen Eurobonds. Bei BMW liefert die Hälfte der ausstehenden Bonds negative Renditen, bei Daimler immerhin ein Drittel. Am 7. September hat mit Henkel erstmals ein deutsches Unternehmen eine Neuemission mit einer negativen Rendite an den Markt gebracht – zeitgleich mit dem französischen Pharmaproduzenten Sanofi. Damit müssen Anleger die Firmen bezahlen, damit sie ihnen Geld leihen dürfen.
Während bisher das Emissionsvolumen der Unternehmensanleihen meist im unteren dreistelligen Millionenbereich liegt, mithin aber auch die Milliardengrenze überschreiten kann, sind in den vergangenen Jahren vermehrt Anleihen mittelständischer Unternehmen mit einem Emissionsvolumen zwischen 15 Mio. und 150 Mio. Euro auf den Markt gekommen. Meist kleinere Stückelungen und häufig höhere Zinskupons machen die Mittelstandsanleihen für viele Privatanleger attraktiv. Aufgrund des kleineren Emissionsvolumens zeigt sich der börsliche Handel mit den Wertpapieren teilweise allerdings recht illiquide. Auch hier gilt: Je höher das Zinsversprechen, desto höher ist in der Regel das Risiko, das Anleger beim Kauf der Anleihe eingehen. Ratingagenturen bieten aber auch bei Mittelstandsanleihen eine zuverlässige Orientierungshilfe.
von: Ralph Stemper, © Oktober 2016Das Börse Frankfurt Magazin ist ein vierteljährlich erscheinendes Journal für Anleger. Es bietet Ihnen relevante Informationen und Hintergrundberichte zu Investments über die Börse, seien es Aktien, Anleihen, ETFs, Fonds oder Zertifikate. Sie können es sich auf boerse-frankfurt.de kostenlos herunter laden.

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