„Die haben gedacht, wir waren das.”

By   /  November 4, 2016  /  Comments Off on „Die haben gedacht, wir waren das.”

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MIL OSI – Source: Bundestag – BÜNDNIS DIE GRÜNEN BUNDESPARTEI –

Headline: „Die haben gedacht, wir waren das."

Autor: Cem Özdemir Enver Şimşek war ein erfolgreicher Geschäftsmann. Der 38-jährige zweifache Vater betrieb einen Blumengroßhandel mit Läden und Blumenständen. Am 9. September 2000 wurde er am Rande von Nürnberg kaltblütig niedergeschossen. Zwei Tage später verstarb er im Krankenhaus. Sein Leben wurde ausgelöscht, das seiner Familie zerstört.
Abdurrahim Özüdoğru arbeitete gerade in seiner Nürnberger Änderungsschneiderei, als am Nachmittag des 13. Juni 2001 zwei Männer das Geschäft betraten und ihn mit mehreren Kopfschüssen töteten. Er wurde mit nur 49 Jahren aus dem Leben gerissen und hinterließ eine 19-jährige Tochter.
Süleyman Taşköprü hatte erst kürzlich die Leitung des Familiengeschäfts „Tasköprü Market“ in Hamburg-Bahrenfeld übernommen. Am 27. Juni 2001 fand ihn sein Vater um die Mittagszeit hinter der Kasse. Ihm wurde mehrfach in den Kopf geschossen. Die herbeigerufenen Rettungssanitäter konnten ihm nicht mehr helfen. Der Vater einer dreijährigen Tochter starb mit nur 31 Jahren in seinem Geschäft.
Habil Kılıç war Mitarbeiter auf dem Münchner Großmarkt. Daneben half er im „Frischemarkt“ seiner Frau im Stadtbezirk Ramersdorf-Perlach mit. Am 29. August 2001 schossen ihm seine Mörder dort mehrfach in den Kopf. Der Vater einer 12-jährigen Tochter starb wenige Minuten später. Er wurde nur 38 Jahre alt.
Mehmet Turgut half am Döner-Imbissstand eines Freundes am Rand von Rostock-Dierkow aus. Am Vormittag des 25. Februar 2004 schossen ihm seine Mörder in den Kopf. Wie bei den anderen Morden wurde auch weiter auf ihn geschossen, als er bereits am Boden lag. Der 25-Jährige starb auf dem Weg ins Krankenhaus.
İsmail Yaşar gehörte der „Scharrer Imbiss“ in der gleichnamigen Straße im Nürnberger Stadtteil St. Peter. Die Täter ließen ihm keine Chance, sie gaben eine ganze Salve von Schüssen auf ihn ab. Der 50-jährige Vater einer erwachsenen Tochter und eines Sohnes im Teenageralter verblutete am 9. Juni 2005 noch am Tatort.
Theodoros Boulgarides hatte gerade erst mit einem Geschäftspartner einen Schlüsseldienst im Westen von München eröffnet. Am Abend des 15. Juni 2005 betraten seine Mörder den Laden. Sie eröffneten unvermittelt das Feuer auf ihn. Als er bereits am Boden lag, schossen sie ihm noch mehrfach in den Kopf. Er wurde nur 41 Jahre alt und hinterließ zwei Töchter.
Mehmet Kubaşık war dreifacher Vater. Er betrieb gemeinsam mit seiner Frau einen Kiosk in der Dortmunder Nordstadt. Am 4. April 2006 wurde er in seinem Geschäft regelrecht hingerichtet. Die Mörder schossen ihm aus kurzer Distanz zwei Mal in den Kopf. Der 39-Jährige war sofort tot.
Halit Yozgat betrieb ein Internet-Café in seiner Heimatstadt Kassel. Nebenbei machte er seinen Realschulabschluss an der Abendschule. Zwar war das Internet-Café am 6. April 2006 gut besucht, dennoch gaben die Gäste – darunter auch ein Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes – später an, nicht bemerkt zu haben, wie er hinter der Theke durch Schüsse in den Kopf ermordet wurde. Seinem Leben wurde mit nur 21 Jahren ein Ende gesetzt.
Michèle Kiesewetter kam ursprünglich aus Thüringen und arbeitete in Heilbronn als Polizistin. Am 25. April 2007 machten sie und ihr Kollege gerade eine Pause in ihrem Dienstwagen, als den beiden Polizisten aus nächster Nähe von hinten in den Kopf geschossen wurde. Bevor die Täter flohen, entwendeten sie noch die Dienstwaffen und weitere Ausstattungsgegenstände. Während ihr Kollege schwer verletzt überlebte, kam für sie jede Hilfe zu spät. Mit nur 22 Jahren starb sie noch am Tatort.
Bei mehreren Sprengstoffanschlägen wurden Menschen verletzt. Im Januar 2001 explodierte in einem Kölner Lebensmittelgeschäft eine Dose, als die Tochter des Inhabers eine dort abgestellte Dose öffnen wollte. Sie wurde schwer verletzt. Am 9. Juni 2004 detonierte in der Kölner Keupstraße eine mit Zimmermannsnägeln gespickte Bombe. Mehr als 20 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.
Dieser Text soll den Opfern gelten. Nicht den barbarischen Tätern. Nicht den dilettantischen und teilweise die Grenze zur Komplizenschaft überschreitenden staatlichen Ermittlungsbehörden. Es geht um Menschen, die hier aufgewachsen sind oder sich ganz bewusst entschieden haben, in Deutschland ihr Glück zu suchen, und die es hier bei uns auch gefunden haben. Es geht um Väter, Ehepartner, privat und beruflich engagierte Menschen. Es geht um eine Polizistin, die sich für unser aller Sicherheit einsetzte und in Gefahr brachte. Es geht um Menschen, die geschätzt und geliebt wurden und die sicher noch viel mit ihrem Leben vorhatten.
Mindestens zehn Menschen wurde von den NSU-Mördern ihre Zukunft genommen. Sie wurden brutal ermordet. Viele weitere wurden verletzt, einige sehr schwer. Ihr Leid setzt sich fort: Sie kämpfen mit den körperlichen und psychischen Folgen der Sprengstoffanschläge, ebenso bleibt der schwerverletzte Heilbronner Polizist sein Leben lang gezeichnet.
Das Leid der Familien, einen geliebten Menschen durch einen bestialischen Mord zu verlieren, lässt sich kaum ermessen. Was dann jedoch mit den Ermittlungen über die Angehörigen hereinbrach, kam einem Martyrium gleich. Die Familien sahen sich Verdächtigungen und Anschuldigungen ausgesetzt, die Ermordeten hätten Drogen-, Mafia- oder Rotlicht-Kontakte gehabt. Für die Ermittlungsbehörden schien rasch festzustehen, dass die Opfer wohl Dreck am Stecken gehabt haben mussten und wohl deshalb ermordet wurden. Bereits Stunden nach der Tat war beispielsweise über İsmail Yaşar in der Presse zu lesen: „Die Polizei rästelt (sic!): War dies erneut eine Hinrichtung eines türkischen Geschäftsmannes, weil er möglicherweise im Drogengeschäft nicht mitspielte?“ Ein weiteres Beispiel ist der Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße, wo nur durch Zufall keine Toten zu beklagen waren. Auch hier war die Stoßrichtung der polizeilichen Ermittlungen schnell klar. Ein terroristischer Hintergrund wurde dagegen bereits einen Tag nach dem Anschlag ausgeschlossen – von keinem geringeren als dem damaligen Bundesinnenminister Otto Schily.
Gamze Kubaşık, Tochter des 2006 ermordeten Mehmet Kubaşık, beschrieb später vor Gericht und vorm Untersuchungsausschuss sehr ergreifend, was die Ermittlungen konkret für die Opferfamilien bedeuteten: Schmerzlicher Verlust des Vaters, jahrelange Verdächtigungen, Verhöre bei der Polizei, Wohnungsdurchsuchung, Gerüchte und Ächtung in der Nachbarschaft.
Die Opfer galten in kürzester Zeit vermeintlich als Täter, die Opferfamilien wurden zu Täterfamilien – bei den Ermittlungsbehörden, medial und nicht zuletzt in ihrem persönlichen Umfeld. Das Unwort „Döner-Morde“ machte die Runde. Dem Verdacht, Rechtsradikale könnten die Mörder sein, gingen die Ermittlungsbehörden nicht ernsthaft nach. Für die Angehörigen blieben Ohnmacht und quälende Ungewissheit über die tatsächlichen Umstände der Morde über Jahre.
Nach dem Selbstmord zweier Täter und der Verhaftung einer dritten vor fünf Jahren kamen nach und nach ein wenig Gewissheit und sehr viel Ungeheuerliches ans Licht. Auch davon wird dieses Buch berichten. Mit Blick auf die Opferfamilien aber setzte sich das Martyrium fort: Wie muss es sich für jemanden anfühlen, der eine geliebte Person durch einen brutalen Mord verloren hat und nun von zerstörten, verschwundenen und geschwärzten Akten lesen muss? Oder von beteiligten V-Leuten und dubiosen V-Mannführern? Oder plötzlich unter obskuren Umständen verstorbenen Zeugen? Oder der katastrophalen Arbeit und Zusammenarbeit der Ermittlungsbehörden ganz allgemein? Jede geschredderte Akte, jede mit Geheimschutz begründete Aktenschwärzung, jeder verhinderte Zeuge ist ein weiterer Stich ins Herz der Angehörigen – immer weiter und immer wieder neu!
In der öffentlichen Wahrnehmung stehen überwiegend die Täter, kriminalistische Aspekte sowie die Ermittlungsbehörden im Fokus. Als persönliche Bedrohung dürften die allermeisten die NSU-Morde nicht empfunden haben. Dabei geht jedoch zumeist unter, dass solche Taten für einen gewissen Teil der Bevölkerung – den mit „Migrationshintergrund“ – sehr wohl ein ganz reales Bedrohungsszenario darstellen. Es ist das Wesen von Terror, dass er nicht nur die direkten Opfer und deren Angehörige trifft. Er sickert vielmehr ins Bewusstsein all derjenigen, die er potentiell bedroht.
Was solche Schlüsselereignisse mit dem Lebensgefühl von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland machen können, habe ich in meiner eigenen Familie erlebt. Als umweltbewegter Jugendlicher versuchte ich, meine Mutter von der Nutzung eines schädlichen Waschmittels abzubringen. Sie ließ sich nicht überzeugen und antwortete mir im Brustton der Überzeugung, dass die Deutschen doch nie und nimmer etwas zulassen würden, was irgendjemandem irgendwie schaden könnte. Das Ansehen des deutschen Staates und seiner Menschen hätte höher nicht sein können. Das änderte sich spätestens Anfang der 1990er Jahre mit den Ausschreitungen in Hoyerswerda und Rostock sowie den Brand- und Mordanschlägen von Mölln und Solingen. Meine Eltern zogen ernsthaft in Erwägung, eine Strickleiter am Fenster zu installieren. Das Vertrauen darin, dass der Staat einen vor solchen Mördern schützt, war nachhaltig erschüttert.
Ähnlich ging und geht es vielen mit dem Wissen, dass die NSU-Bande jahrelang unbehelligt durch Deutschland ziehen und morden konnte. Untersuchungsausschüsse und das in München anhängige Gerichtsverfahren lassen erahnen, welche erschreckenden Fehler bei den Ermittlungen gemacht wurden. Der Verdacht, dass bei der Aufklärung auch aktiv vertuscht wurde und noch immer wird, liegt nahe. Es gibt einfach zu viele unglaubliche Zufälle. Das sind mehr als Erschütterungen, das sind Erdbeben für unseren Rechtsstaat und das Vertrauen in ihn.

Der Text ist das Vorwort zum Buch „Die haben gedacht, wir waren das. MigrantInnen über rechten Terror und Rassismus“.
Das Buch ist der Versuch eines Perspektivwechsels. Fünf Jahre nach Bekanntwerden des selbsternannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ waren Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund aufgerufen, ihre Sicht auf den NSU-Komplex aufzuschreiben. Entstanden ist eine Betrachtung der NSU-Morde aus unterschiedlichsten Blickwinkeln: von sehr persönlich bis wissenschaftlich, von betroffen bis beobachtend, von politisch bis künstlerisch.
 
 

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