Die Lage der Atomindustrie weltweit

By   /  November 8, 2016  /  Comments Off on Die Lage der Atomindustrie weltweit

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MIL OSI – Source: Boell –

Headline: Die Lage der Atomindustrie weltweit

Atomkraft ist weder ökonomisch gesehen sinnvoll, noch ist sie eine saubere Energieform für eine kohlenstoffarme Gesellschaft. Warum werden dennoch Reaktoren gebaut? Wieso hält die Europäische Kommission an der Kernspaltung fest? Antworten auf diese Fragen gab es bei der Vorstellung des World Nuclear Industry Status Report.Zehn Kernreaktoren wurden 2015 in Betrieb genommen, acht davon in China, jeweils einer in den USA und in Südkorea. Mit dem Bau von insgesamt acht Reaktoren wurde begonnen, sechs davon in China. Die nukleare Stromproduktion ist 2015 leicht angestiegen, um 1,3 Prozent. Mycle Schneider, ein Hauptautor des World Nuclear Industry Status Report (WNISR 2016), sagte: „In gewisser Weise heißt es China gegen den Rest der Welt.“
Sources: IAEA-PRIS, BP, Mycle Schneider C. Urheber/in: Mycle Schneider Consulting. All rights reserved.
Die zivile Nutzung der Atomkraft erfolgt oft aus militärischen Gründen
Die Gründe für „Atomkraft? Ja bitte!“ seien von Land zu Land spezifisch unterschiedlich (gewesen). Eine gemeinsame Komponente sei wohl der militärisch-politische Komplex hinter der zivilen Nutzung der Atomkraft. So wollten Russland und die USA ihren Supermacht-Status seit jeher gegenüber einander und neuerdings gegenüber China mit Atomkraft behaupten. Mycle Schneider sprach von der „Fiktion der nuklearen Supermacht”.
Eine politisch-militärische Strategie gebe es auch hinter dem geplanten Neubau von zwei Meilern in Hinkley Point, England. Verschwörungstheorie? Unwahrscheinlich. Mycle Schneider und Christian von Hirschhausen (TU Berlin) attestierten unter anderem einer Studie der Universität Sussex wissenschaftliche Glaubwürdigkeit. Diese Studie hat den vielsagenden Titel Understanding the intensity of UK policy commitments to nuclear power: the role of perceived imperatives to maintain military nuclear submarine capabilities. Der Neubau in Hinkley Point sei ökonomisch und energiepolitisch irrational. Das Projekt diene dem Atom-U-Boot-Programm des Vereinten Königreiches.
Hinzu komme das politisch wichtige Argument von Arbeitsplätzen auf der Insel. Hinkley Point C wird von einem Konsortium aus britischer Regierung, der staatlich dominierten Électricité de France SA (EDF) aus Frankreich und dem chinesischem Staatsunternehmen General Nuclear Power Corporation (CGN) geplant.
Mycle Schneider, Claudia Kemfert, Rebecca Harms, Christian Meyer zu Schwabedissen und Ralf Fücks diskutieren den World Nuclear Industry Status Report 2016. Urheber/in: privat. Dieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.
Atomenergie spaltet die Gesellschaft
Fakt ist, dass die Atomenergie in den 1940er Jahren zunächst als „Tochter von Wissenschaft und Kriegsführung“ entstand. Die zivile Nutzung begann später, in den 1960er Jahren [1]. Christian Meyer zu Schwabedissen, der jahrelang die politischen Kontakte von KVU, Siemens und Areva pflegte, sagte während des Podiumsgespräches, dass von der zivilen Nutzung nicht automatisch auf eine militärische Ambition geschlossen werden könne. Gegen diese These spräche schon, dass zwischen Stromerzeugung und Bombenbau ingenieurwissenschaftliche Welten lägen.
In den 1950er und 1960er Jahren sei Kernspaltung die ökologische, politische und wirtschaftliche Alternative zu Kohle gewesen. Die Steinkohleförderung war teuer, der Bergbau ein dreckiges und riskantes Geschäft. Die Bevölkerung hatte genug vom Rushusten, viele Kumpel verloren durch Katastrophen unter Tage ihr Leben. Kernkraft habe Forschungsbegeisterung geweckt und Deutschland als Hochtechnologie-Standort nach vorne gebracht.
Rebecca Harms, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Europäischen Parlament, erinnerte die Geschichte anders: Der gesellschaftliche Protest gegen die Atomkraft habe früh und heftig eingesetzt. Zudem habe die Europäische Gemeinschaft trotz Atomkraft auch immer Ausbauziele für die Kohle gehabt.
Die Europäische Union fußt auf Kohle und Atom
Neben Kohle in Gestalt der Montanunion ist die Europäische Union auf Atomkraft gegründet, in Gestalt der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom). Der Euroatom-Vertrag verpflichtet die Mitgliedstaaten unter anderem auf die Förderung der Forschung von Kernspaltung.
„Euratom ist mehr als ein Gespenst aus der Vergangenheit“, sagte Rebecca Harms. Das Forschungsprogramm wird weiterhin mit Milliarden subventioniert. Dabei ist es brisanterweise völkerrechtlich umstritten, ob ein Mitgliedsstaat aus Euratom aussteigen und dennoch ein Mitglied der Europäischen Union bleiben kann.
Klimaschutz ohne Atomkraft ist möglich
Harms sprach von „einer unheiligen Allianz“ von Atombefürwortern und Klimaschützern in der Europäischen Kommission. Die nukleare Pfadabhängigkeit in Gestalt von Euratom und das Argument von Klimaschutz durch Kernspaltung erklären, weshalb die EU-Kommission auch in Zukunft darauf setzt.
Laut EU-Referenzszenario werden bis 2050 Atomkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 50 Gigawatt neu gebaut. Über Laufzeitverlängerung kämen weitere 86 Gigawatt hinzu. Das sei „entgegen jeglicher wirtschaftlicher Logik“, betonte Claudia Kemfert, Energieökonomin am DIW Berlin.
Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) hatte bereits 2011 ein Szenario vorgestellt, wonach auf neue Kohle- und bestehende Atomkraftwerke verzichtet werden könne und die Stromversorgung bis 2050 alleine aus sauberen Quellen, vor allem Sonne und Wind, gewährleistet werden könne.
Sources: WNISR, BP Statistical Review 2016. Urheber/in: Mycle Schneider Consulting. All rights reserved.
Die Atomindustrie ist gestresst und gespalten
„Das Zeitalter der Atomenergie geht zu Ende, die Epoche der erneuerbaren Energien hat begonnen“, sagte Ralf Fücks. Auch die aufstrebende Atommacht China investiert fünf Mal mehr Geld in saubere Energie als in Atomkapazitäten (100 Milliarden vs. 18 Milliarden US-Dollar).
Sources: BP Statistical Review, IAEA PRIS 2016. Urheber/in: Mycle Schneider Consulting. All rights reserved.
Trotz nuklear-militärischem Komplex sind die Aussichten der Kernindustrie nicht strahlend, sie ist gestresst und gespalten. Mit Atomkraft lässt sich nicht mehr einfach Geld verdienen. Gegenüber anderen Energiequellen wie Sonne und Wind ist Atomkraft kaum konkurrenzfähig. Gleichwohl sind massive Investitionen notwendig, um die Hochrisikoanlagen weiter betreiben zu können
Der World Nuclear Industry Status Report warnt aber auch: eine Eine Kernindustrie unter Stress ist nicht nur für die dort Beschäftigten unangenehm bis gefährlich. Atomanlagen, die ökonomische Verluste einfahren, werden zum wachsenden Sicherheitsrisiko.
Der World Nuclear Industry Status Report ist 2016 zum 11. Mal erschienen. Die Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt die Publikation.
[1] Zitiert nach DIW Wochenbericht: Atomkraft in Europa, 44/2016, S. 1047

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