Rede der Kulturstaatsministerin Grütters bei der Verleihung des Büchner-Preises, des Merck-Preises und des Freud-Preises

By   /  November 8, 2016  /  Comments Off on Rede der Kulturstaatsministerin Grütters bei der Verleihung des Büchner-Preises, des Merck-Preises und des Freud-Preises

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MIL OSI – Source: Deutschland Bundesregierung –

Headline: Rede der Kulturstaatsministerin Grütters bei der Verleihung des Büchner-Preises, des Merck-Preises und des Freud-Preises

Bei der Verleihung des Büchner-Preises hat Kulturstaatsministerin Grütters an die “Macht der Worte” erinnert. “Worte sind zu allem fähig”, so Grütters. Mit ihren Werken seien alle Preisträger Kronzeugen, dass “wir uns mit der dunklen Macht der Worte und mit ihrer Instrumentalisierung für Hass und hetzte nicht abfinden müssen”. Nicht zuletzt im Vertrauen auf die Kraft der Worte sei es kulturpolitisch oberster Grundsatz wie vornehmste Pflicht, die Freiheit der Kunst zu schützen. – Die Rede im Wortlaut

Wenn es zutrifft, was Ralf Dahrendorf, Sigmund-Freud-Preisträger des Jahres 1989, einmal geschrieben hat, wenn es zutrifft, dass normale Zeiten schlechte Zeiten für Intellektuelle sind, dann sehen wir wohl einem Goldenen Zeitalter der Geisteskraft entgegen. Denn die gegenwärtigen Krisen und Konflikte in der Welt, das damit verbundene menschliche Leid, der Terrorismus religiöser Fanatiker, die Rückkehr eines längst überwunden geglaubten Nationalismus, der auflodernde, fanatische Hass mitten in unserer Gesellschaft – all das ist alles andere als normal.

Wortmächtige Künstlerinnen und Künstler zu würdigen und auszuzeichnen, hat jedenfalls etwas Wohltuendes, ja beinahe Tröstliches in einer Zeit, in der die dunkle Macht der Worte Köpfe, Herzen und den öffentlichen Raum erobert:

in den Parolen pöbelnder Horden vor Flüchtlingsunterkünften oder zuletzt in Dresden bei den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit;in den Tiraden geistiger Brandstifter im Internet;und ja, auch das: in so mancher Metapher des politischen Sprachgebrauchs, wenn beispielsweise im Zusammenhang mit Schutz suchenden Menschen nur noch von einer “Flüchtlingswelle” oder einer “Flüchtlingsflut” die Rede ist.Solche Sprachbilder ent-individualisieren und ent-menschlichen, wo es um nackte menschliche Existenzen geht. Sie machen taub und blind für Not und Leid – und frei von Mitgefühl. Und sie pflastern die breiten und ebenen Wege, die dem Denken und Handeln die Richtung weisen: Schotten dicht machen, und die Welt ist wieder in Ordnung.

Dass es mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung eine Organisation gibt, die die Sprache zur Rede stellt und für eine demokratische Sprach- und Debattenkultur eintritt, das ist in Zeiten, die eben diese Kultur einer harten Bewährungsprobe unterziehen, wichtiger denn je. Auch deshalb, lieber Herr Professor Detering, habe ich Ihre Einladung nach Darmstadt gerne angenommen und freue mich, mit Ihnen allen, verehrte Damen und Herren, anhand dreier leuchtender Beispiele – unserer heutigen Preisträger – zu feiern, wozu Worte im besten Sinne imstande sind.

Worte sind zu allem fähig. Wer wüsste das besser als wir Deutschen, die in ihrer Geschichte im Guten wie im Bösen, in der Vollendung wie in der Verrohung, erlebt haben, wozu Worte imstande sind? Es gibt einen Ort, der diese Ambivalenz repräsentiert, und das ist Weimar: das Weimar, das mit der Weimarer Klassik für Vollendung im Ästhetischen und gleichzeitig mit der Weimarer Republik für Verrohung im Politischen steht; das Weimar, das als Stadt Goethes und Schillers Synonym geworden ist für die Kulturnation Deutschland und als Gründungsort der ihren Namen tragenden Republik Synonym für das Scheitern der ersten deutschen Demokratie. Von Weimar ist es im Übrigen nicht weit nach Buchenwald, als KZ-Gedenkstätte Fanal der Unmenschlichkeit der nationalsozialistischen Diktatur und des moralischen Zusammenbruchs unseres Landes.

Es waren Künstler und Intellektuelle, die nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Macht ihrer Worte am Bau unseres demokratischen Gemeinwesens mitgewirkt haben, als geistige Trümmerfrauen und -männer auf den Ruinen einer auch kulturell und moralisch zerstörten Gesellschaft. Anknüpfend an Simone Weils Diktum “Das Volk braucht Poesie wie Brot” formulierte Ingeborg Bachmann, Büchner-Preisträgerin des Jahres 1964, den selbst gesteckten Anspruch: “Poesie wie Brot? Dieses Brot müsste zwischen den Zähnen knirschen und den Hunger wieder erwecken, ehe es ihn stillt. Und diese Poesie wird scharf von Erkenntnis und bitter von Sehnsucht sein müssen, um an den Schlaf der Menschen rühren zu können.”

Wir brauchen Poesie wie Brot – so könnte man die Lehre beschreiben, die Deutschland aus zwei Diktaturen gezogen hat und die da lautet: Die Freiheit der Kunst ist konstitutiv für eine Demokratie. Wir brauchen die provozierenden Künstler, die verwegenen Denker, wir brauchen die Utopien, die sie entwerfen, die Fantasie, die sie antreibt, aber auch die Schärfe ihres Verstands! Sie verhindern damit, dass intellektuelle Trägheit, argumentative Phantasielosigkeit und politische Bequemlichkeit die Demokratie einschläfern. Sie sind imstande, unsere Gesellschaft vor gefährlicher Lethargie und damit auch vor neuerlichen totalitären Anwandlungen zu bewahren. Die Freiheiten dieser Milieus zu schützen, ist deshalb heute oberster Grundsatz, vornehmste Pflicht verantwortungsvoller Kulturpolitik – nicht zuletzt auch im Vertrauen auf die Kraft der Worte.

Geschichten Gehör zu verschaffen, die ansonsten unerzählt blieben, und Partei ergreifen für die, deren Stimmen ansonsten unerhört blieben, so wie einst Georg Büchner – genau das kann die Literatur. Sie ist imstande, Grenzen der Wahrnehmung zu verschieben, Gebiete jenseits unseres Erfahrungshorizonts zu erschließen und eben dadurch – im Guten wie im Bösen – den Bereich das Denk- und Vorstellbaren zu vergrößern. Wie abstoßend, wie verstörend beispielsweise empfindet man die Instrumentalisierung der Sprache durch Propaganda in Ihrem Roman Flughunde, lieber Herr Beyer – ein in jeder Hinsicht ungeheuerliches Buch; für mich eines der besten Bücher über die NS-Zeit, die ich je gelesen habe.

Bisher unterbelichtete Facetten eines Themas ausleuchten und mit der Schärfe eines Skalpells den neuralgischen Punkt einer argumentativen Auseinander-setzung offenlegen, so wie einst Johann Heinrich Merck – das wiederum kann der literarische oder journalistische Essay. Ein brillanter Essay vermittelt nicht nur ein differenziertes Bild eines Sachverhalts, sondern bringt auf Fehlschlüssen und Vorurteilen gebaute Gedankengebäude ins Wanken. So hat mich, liebe Frau Passig, beispielsweise (- auch weil mir dieses Thema selbst sehr am Herzen liegt -) Ihre sensible Annäherung an das Thema Sterbehilfe, ausgehend vom Suizid Ihres engen Freundes Wolfgang Herrndorf, in Ihrem Essay “Mein Wille geschehe” sehr beeindruckt.

Denkroutinen durchbrechen, Wahrnehmungsmuster überwinden und – wie Sigmund Freud – mit analytischer und erzählerischer Kraft Weltbilder zu revolutionieren, das schließlich vermag die wissenschaftliche Prosa. Der von Ihnen und Ihrer Frau Aleida Assmann geprägte Begriff des “kulturellen Gedächtnisses”, lieber Herr Assmann, hilft uns auch im politischen Diskurs, Zusammenhänge zu sehen und zu begreifen, ebenso wie beispielsweise Ihre Auseinandersetzung mit religiös motivierter Gewalt in Ihrem Buch “Exodus”, in dem Sie die These vertreten, dass Brutalität keine extremistische Entgleisung sei, sondern ein Wesensmerkmal der Monotheismus.

Mit ihrem Werk und ihrer Arbeit, meine Damen und Herren, sind Jan Assmann, Kathrin Passig und Marcel Beyer Kronzeugen für die magischen Qualitäten der Worte – und damit für die Gewissheit, dass wir uns mit der dunklen Macht der Worte, mit ihrer Instrumentalisierung für Hass und Hetze, nicht abfinden müssen und dürfen. Stilistisch herausragenden Texten solche Bedeutung beizumessen mag anachronistisch erscheinen in Zeiten, in denen öffentlichkeitswirksame Botschaften in fernsehtaugliche eineinhalb Minuten oder twitterkompatible 140 Zeichen passen müssen und die Zahl der Follower über Relevanz entscheidet. Doch in ihrem souveränen Umgang mit dem unerschöpflichen Reservoir sprachlicher Möglichkeiten sind es wortmächtige Dichter und Denker, die Zweifel säen können an der allgegenwärtigen, marktschreierischen Sprache und ihrem Vokabular.

Sie, lieber Herr Beyer, haben die Welt der Sprache in einem wunderbaren Text einmal mit einem Bienenvolk verglichen, und die Profession des Schreibenden mit der des Imkers. Ich zitiere: “Das Hineindenken, das Eingreifen in eine andere, auch ohne mich existierende Welt, von der ich weiß, dass ich sie niemals ganz begreifen werde. Diese ungeheure Intensität – alle Sinne werden gefordert, jede Nervenfaser ist angesprochen, da ich mich in ein Wechselspiel begebe, sei es nun mit dem Bienenvolk oder der Sprache. Die kleinste Unachtsamkeit meinerseits kann das Gefüge so empfindlich stören, dass alle Nacharbeit vergebens ist.” Ich wünsche uns allen, ich wünsche Deutschland Dichter und Denker, die sich so souverän und feinfühlig der Sprache bemächtigen wie ein Imker seines Bienenvolks. Seien Sie gewiss, verehrte Preisträgerin, verehrte Preisträger: Es wird immer Menschen geben, die diesen Honig zu schätzen wissen.

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