Digitale Bezahlverfahren: Auf nahe Sicht das “Non plus ultra”?

By   /  November 10, 2016  /  Comments Off on Digitale Bezahlverfahren: Auf nahe Sicht das “Non plus ultra”?

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MIL OSI – Source: Deutsche Bundesbank –

Headline: Digitale Bezahlverfahren: Auf nahe Sicht das "Non plus ultra"?

Konferenz an der Frankfurt School of Finance & Management
1 Einleitung
Sehr geehrter Prof. Steffens, sehr geehrter Prof. Moormann, vielen Dank für die herzliche Begrüßung und die Einladung zu dieser Veranstaltung.Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Sind digitale Bezahlverfahren auf nahe Sicht das Non-plus ultra? Wer in der Schule noch Latein gelernt hat wird wissen, dass mit Non-plus ultra das “Unübertroffene” gemeint ist. Danach geht es “nicht mehr weiter”. Mit dieser Einstiegsfrage liegt die Latte also unfassbar hoch. Insofern könnten wir es uns einfach machen: Digitale Bezahlverfahren können daher kaum das Non-plus ultra sein. Denn ob digitale Zahlverfahren das Ende der Entwicklung und damit das Non-plus ultra sein werden, vermag niemand von uns zu beurteilen. Doch glücklicherweise bezieht sich Non-plus ultra umgangssprachlich “nur” auf die beste aller Welten, die man sich heute vorstellen kann.
Lassen Sie mich deshalb anfangen mit dem Hier und Jetzt in Deutschland – um dann einen vorsichtigen Blick in die nahe Zukunft werfen. Bei digitalen Bezahlverfahren sehe ich ganz klar Entwicklungspotenzial für Deutschland, denn der Blick über den nationalen Tellerrand hinaus zeigt, dass in anderen Ländern schon mehr passiert ist. Und er hilft, die wesentlichen Erfolgsfaktoren für digitale Bezahlverfahren herauszuarbeiten.
Kommen wir zunächst zur Bestandsaufnahme. Als die Bundesbank vor über zwei Jahren mehr als 2.000 Bürger im Rahmen ihrer regelmäßigen Studie zu ihrem alltäglichen Zahlungsverhalten befragte, spielten digitale Zahlverfahren kaum eine Rolle. Zwar gaben mehr als die Hälfte der Befragten an, Möglichkeiten zu kennen, um mit dem Mobiltelefon zu bezahlen. Und acht von zehn Studienteilnehmern sagten, dass ihnen Internetbezahlverfahren grundsätzlich bekannt seien.
Doch die tatsächliche Nutzung sogenannter m- und e-payments (mobile und electronic Payments) entsprach zum Zeitpunkt der Befragung Mitte 2014 nicht der allgemeinen Bekanntheit der Verfahren. In unserer Studie protokollieren die Teilnehmer neben den Befragungen ihre tatsächlich vorgenommenen Zahlungen über den Zeitraum einer Woche. Nach diesen Zahlungstagebüchern wurden gerade einmal fünf von 19.247 ausgewerteten Transaktionen mit dem Mobiltelefon ausgeführt und nur 166 Zahlungen mit PayPal, SOFORT Überweisung oder giropay.
Ein Grund für die geringe Verbreitung könnte die Zufriedenheit mit den vertrauten Instrumenten sein. So nutzen Kunden für ihre Onlinekäufe auch die genannten Internetbezahlverfahren. Aber Überweisung nach Lieferung, Vorkasse, Lastschrift und Kartenzahlungen sind nach wie vor beliebt. Im Laden zahlen sie mit Karten, zumeist mit der girocard, oder bar. Für die Möglichkeit, mit dem Mobiltelefon zu zahlen, sahen vier von zehn Befragten keinen Bedarf.
Unsere Studien haben zwar gezeigt, dass die Beliebtheit von Bargeld kontinuierlich abnimmt. Jedoch wurden immer noch knapp 80% aller Zahlungen (bezogen auf die Anzahl) – insbesondere solche bis zu einem Wert von 20 Euro – bar abgewickelt.
Nach meinem Eindruck hat sich in den vergangenen zwei, drei Jahren enorm viel beim digitalen Bezahlen getan. Ich bin daher gespannt, ob und wie sich das Bild bei unserer nächsten Umfrage 2017 – die dann im Frühjahr 2018 veröffentlicht wird – geändert hat.
Verschiedene Umfragen, die in letzter Zeit veröffentlich wurden, deuten darauf hin, dass Kunden vermehrt mobil einkaufen oder mobil an der Kasse bezahlen. Noch entscheidender ist, dass aktuell viele verschiedene Faktoren zusammen kommen, die eine weitere Digitalisierung des Bezahlens fördern.
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2 Verbesserte Ausgangsbedingungen für digitale Bezahlverfahren in Deutschland
Zwar wurde in den vergangenen Jahren in den Medien schon oft der Eindruck vermittelt, der Durchbruch für mobiles Bezahlen stehe kurz bevor; und inzwischen – so sehe ich es – haben sich die Chancen für digitale Bezahlverfahren tatsächlich verbessert.
E- und m-Commerce in Deutschland werden rasant wachsen. Dieses wird unter anderem durch ein schnelles Internet und mobile Endgeräte wie Tablets und Smartphones ermöglicht.
Im Jahr 2015 kauften 47 Millionen Deutsche über das Internet ein. Der Onlinehandel verzeichnet jährlich zweistellige Zuwachsraten – hauptsächlich angekurbelt durch rasant zunehmende Einkäufe über Tablets und Smartphones. Im vergangenen Jahr betrug der Onlineumsatz insgesamt fast 53 Milliarden Euro, davon wurde bereits fast jeder dritte Euro mobil ausgegeben.
Die Erfahrung, dass Leistungen und Waren über das Smartphone ständig und überall schnell oder sogar – wie bei Musik, Filmen oder Eintrittskarten – sofort verfügbar sind, übertragen die Nutzer auf viele andere Lebensbereiche. So erwarten viele, dass sich die Zahlung möglichst nahtlos in den Kaufprozess einfügt. Sie soll einfach, schnell und sicher ablaufen. Gleichzeitig haben die Händler ein großes Interesse an einem möglichst reibungslosen und einfachen Weg zum Kaufabschluss. Denn sonst droht der Nutzer, den Kaufvorgang abzubrechen.
Im e-Commerce sind schon vor einigen Jahren spezialisierte Dienstleister in den Markt eingetreten, die dies im Blick haben. Sie erleichtern die Abwicklung der Zahlungen und schlagen dabei eine Brücke zwischen Kunden und Händlern. Kunden können darauf vertrauen (z.B. mit Geld-zurück-Garantie), dass die bestellte Ware verschickt wird. Und Händler können darauf vertrauen, dass sie auch bezahlt wird. Vor einigen Monaten nun sind die deutschen Banken und Sparkassen angetreten, mit paydirekt ein sicheres Onlinebezahlverfahren zur Verfügung zu stellen. Die Zahlung läuft direkt über das eigene Bankkonto und wird per Email-Adresse und Passwort angestoßen, die Kundendaten bleiben geschützt und sollen nicht durch Dritte ausgewertet werden können.
Gerade der Schutz der Kunden- und Transaktionsdaten könnte für Händler ein wichtiges Argument sein, paydirekt in ihre Shops zu integrieren. Zwar sind Konkurrenten wie PayPal und SOFORT Überweisung bereits seit einiger Zeit am Markt, aber vielleicht kann paydirekt schon für das kommende Weihnachtsgeschäft die Händlerbasis im e-commerce verbreitern.
Der Übergang zwischen dem Einkaufen im Internet und dem Einkaufen mit dem Mobiltelefon (m-commerce) ist fließend, denn letztlich ist nur das Gerät oder die Software (Browser oder App), mit dem der Kauf initiiert wird unterschiedlich. Aber die genutzten Zahlungsmethoden sind im Prinzip dieselben – Internetbezahlverfahren sowie die bekannten Instrumente des elektronischen Zahlungsverkehrs: Überweisung, Lastschrift oder Karte.
Spannender wird es, wenn wir zwei weitere Anwendungsfälle betrachten: Zum einen sind dies kleinere, nichtkommerzielle Zahlungen von einem Mobiltelefon zum anderen, oft als P2P, also Person-to-Person bezeichnet. Das funktioniert per App. Man wählt aus dem Telefonbuch im Mobiltelefon den Kontakt aus, dem man Geld senden oder von dem man Geld anfordern möchte, schreibt eine Nachricht dazu, in einigen Fällen wird auch noch eine PIN benötigt, und schon geht’s los. Innerhalb weniger Sekunden sieht der Zahlungsempfänger dass das Geld auf seinem Konto vorgemerkt ist. Solche Verfahren müssen nicht auf P2P beschränkt sein. Mit ein wenig Phantasie ist hier sicher auch eine Nutzung im Unternehmenssektor möglich.
Der zweite Anwendungsfall betrifft das kontaktlose Bezahlen für Einkäufe im Laden. Dort könnte das Mobiltelefon inzwischen die Geldbörse ersetzen – vorausgesetzt, der Händler akzeptiert die gewählte Zahlungsvariante. In diesem Bereich werden gerade viele verschiedene Technologien erprobt.
Es gibt Lösungen, die nur in einzelnen Läden oder innerhalb einer Gruppe von Kooperationspartnern verwendet werden können. Hierzu muss der Käufer sich vorher über eine App anmelden, an der Kasse wird ein Bar-Code oder QR-Code gescannt und der Kunde legitimiert die Zahlung beispielsweise mit einer PIN oder einem Fingerabdruck. Andere Methoden funktionieren über eine Mobile Wallet, ebenfalls eine App, in der Zahlungsdaten hinterlegt sind. Die Zahlung kann darüber zum Beispiel kontaktlos per Near Field Communication, NFC, erfolgen. Voraussetzung ist, dass sowohl das Mobiltelefon als auch das Kassenterminal NFC-fähig ist. Kleinere Beträge müssen nicht einmal mehr autorisiert werden, ebenso wie beim kontaktlosen Zahlen mit der Kreditkarte und bald auch flächendeckend mit der girocard.
Für alle diese Varianten gilt: Die zugrundeliegende Zahlung basiert immer auf einer Kartenzahlung, Überweisung oder Lastschrift. Die Infrastruktur der Banken wird dadurch von Drittanbietern genutzt, die die bekannten Instrumente durch neue Zugangskanäle für verschiedene Zahlungssituationen erschließen. Zuletzt ist die Anzahl dieser Drittanbieter geradezu explodiert. Es handelt sich um sogenannte FinTechs, Finanztechnologieunternehmen. Doch auch große Handelskonzerne oder Telekommunikationsanbieter versuchen, in diesem Feld mitzuspielen.
Oft sind FinTechs Startups, die sich die Möglichkeiten der Digitalisierung konsequent zunutze machen, um neue Produkte der Finanzwirtschaft zu kreieren. Dabei greifen sie sich häufig einzelne Segmente der Wertschöpfungskette wie die Auslösung von Zahlungen heraus oder gestalten sie kreativer, indem sie etwa soziale Netzwerke einbeziehen. Zum Teil bieten sie auch die Möglichkeit, Leistungen von verschiedenen Banken auf einem Handy abzurufen.
Im vergangenen Jahr wurden weltweit fast 23 Milliarden USD in die jungen Unternehmen investiert. Und der FinTech-Boom hält weiter an: Allein im ersten Halbjahr 2016 sollen mehr als 15 Milliarden USD in diese Firmen geflossen sein. Erstmals konnte Deutschland nach einer Untersuchung von KPMG im 2. Quartal 2016 mehr Wagniskapital anziehen als Großbritannien. Somit ist Deutschland, und hier vor allem die Städte Berlin und Frankfurt, zum FinTech-Standort Nr. 1 in Europa avanciert.
Das Innovationspotenzial wird auch hier am Finanzplatz Frankfurt geschätzt. Zahlreiche Initiativen – wie zuletzt die Einrichtung des Tech Quartiers im Hochhaus Pollux – sollen die Ansiedlung und das Wachstum von FinTechs unterstützen. Aber fortgesetzte Anstrengungen sind notwendig, denn die Ströme des “Venture Capital” können schnell versiegen.
FinTechs profitieren dabei auch von der laufenden Öffnung und Harmonisierung des europäischen Marktes für Zahlungsdienste. Zum einen wurden damit europaweit einheitliche Regeln und technische Standards für die Ausführungen von Zahlungen geschaffen.
Zum anderen haben Banken und zentrale Infrastrukturen im Rahmen der SEPA-Umstellung moderne IT-Plattformen aufgebaut und so die Grundlage für die Einrichtung neuer Zahlmethoden gelegt. Dieser Prozess ist noch nicht vorbei: Derzeit arbeiten die Banken, unter anderem daran eine gesetzlich geforderte Schnittstelle für eben jene Zahlungsauslösedienste einzurichten. So können Drittanbieter wie FinTechs in regulierter Art und Weise im Auftrag der Kunden auf die bei Banken geführten Konten zugreifen und Zahlungen auslösen. Zwar gibt es derartige Dienste wie beschrieben schon seit einiger Zeit. Aber unter der Zweiten Zahlungsdiensterichtlinie, der PSD2, werden sie nun auch aufsichtsrechtlich erfasst.
FinTechs haben es geschafft, neue Ideen in den Zahlungsmarkt zu bringen. Selbst wenn sich viele davon vermutlich nicht durchsetzen werden, sind sie ein Gewinn für alle Beteiligten. Denn sie bringen neue Energie, Inspiration und Wettbewerb in den Markt.
Einige FinTech-Ideen wurden von Kreditinstituten aufgegriffen oder von diesen schon in die Anwendungen integriert. Sie erlauben den Kunden nun einfachere und bequemere Zahlungen. Hier können Kooperationen für beide Seiten nützlich sein: FinTechs können über den Bankpartner eine große Zahl von potenziellen Kunden erreichen. Banken wiederum können ihren Kunden ohne lange Entwicklungszeiten innovative Dienstleistungen anbieten.
Inzwischen arbeiten die deutschen Banken auf vielen Feldern mit FinTechs zusammen. Solange dies im Sinne der Kunden erfolgt und sie ihre Transaktionen auf diese Weise effizienter, sicherer und komfortabler ausführen können, begrüßen wir als Bundesbank diese Entwicklung.
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3 Internationale Entwicklungen beim digitalen Bezahlen
Lassen Sie mich nun den Blick über Deutschland hinaus wenden. Dabei stellt man überraschend fest, dass einige Länder in der Entwicklung und Anwendung digitaler Bezahlverfahren uns einen Schritt voraus sind.
Dabei zeigt das erste Beispiel, dass die Verbreitung digitaler Zahlverfahren und Pro-Kopf-Einkommen nicht unbedingt korrelieren müssen. Im Jahr 2007 führten Vodafone und Safaricom, der führende Kenianische Mobilfunkbetreiber in Kenia M-PESA ein. Per SMS können die Nutzer von jedem Handy aus im G2-Netz verschiedene Basisbankdienste nutzen.
Dazu zählt etwa, Geld P2P zu versenden, in Läden zu bezahlen, Geld zu deponieren und abzuheben sowie Kredite aufzunehmen und zurückzuzahlen. Bargeldein- und -auszahlungen können bei mehr als 100.000 sogenannten Agenten vorgenommen werden. Das sind registrierte Safaricom Händler, Tankstellen, Kioske, Supermärkte, kleinere Firmen und auch ausgewählte Banken und Mikrofinanzinstitute. Inzwischen ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung Kenias, immerhin 23 Millionen Menschen für den Dienst registriert. Damit leistet M-PESA einen wichtigen Beitrag zur finanziellen Inklusion im Land. Entscheidend für die rasche Verbreitung waren neben der offensichtlichen Marktlücke, also fehlende Bankkonten, auch die geringen technischen Voraussetzungen, um M-Pesa zu nutzen.
In Dänemark können seit November 2014 Zahlungen in Echtzeit abgewickelt  werden. Dem Empfänger wird innerhalb weniger Sekunden der Zahlbetrag gutgeschrieben. Die Einführung des “Straksclearing Systems” war der letzte Schritt einer breit angelegten Modernisierung der Zahlungsinfrastruktur, die durch die dänischen Banken und die Zentralbank vorangetrieben wurde. Einen großen Anteil der darüber abgewickelten Zahlungen machen ihre übrigen m-payments über die Dienste MobilePay und Swipp aus.
Die MobilePay App der Danske Bank ist auf neun von zehn dänischen Smartphones installiert und wird von 3,5 Millionen Dänen sowohl für P2P-Transfers, Bezahlen im e-Commerce als auch für Einkäufe in Geschäften verwendet. Die alternative Swipp-App wird von einem breiten Konsortium dänischer Banken unterstützt und hat rund 800.000 Nutzer.
Sie sehen, in Dänemark ist das digitale Bezahlen auf Basis der Verarbeitung in Echtzeit schon sehr weit fortgeschritten. Zum Erfolg dürfte wesentlich die gemeinsame Anstrengung zur Modernisierung der Infrastruktur beigetragen haben – in Verbindung mit Anwendungen, die die Interessen und Bedürfnisse der Verbraucher treffen.
Auch in den Niederlanden hat sich die bankübergreifende Zusammenarbeit ausgezahlt: Bereits vor mehr als zehn Jahren startete die e-payment Lösung iDEAL für Zahlungen im Onlinehandel. Da alle niederländischen Bankkunden mit Zugang zum Onlinebanking iDEAL verwenden können, konnten viele Onlinehändler und andere Zahlungsempfänger überzeugt werden, die Zahlmethode anzubieten. Auf diese Weise konnte die Henne-Ei-Problematik überwunden werden. Denn die Einführung von neuen Zahlungsinstrumenten wird meist dadurch erschwert, dass sowohl Zahler als auch Zahlungsempfänger überzeugt werden müssen, und sich dieses gegenseitig bedingt.
Mittels iDEAL initiiert der Käufer in seinem Onlinebanking eine Überweisung an den Zahlungsempfänger, welcher umgehend eine Bestätigung über die Zahlung, verbunden mit einer Garantie, erhält. Der Marktanteil beträgt aktuell 56 Prozent im e-commerce. Dass iDEAL seit kurzem auch in Mobile Banking Apps genutzt werden kann, trägt dem Trend zum mobilen Einkaufen Rechnung und wird vermutlich zur weiteren Verbreitung beitragen.
Einen anderen Pfad hat China eingeschlagen. Hier wird die Entwicklung des digitalen Bezahlens durch große Technologiefirmen vorangetrieben. Zwei Drittel der e-payments und 90 Prozent der m-payments werden von zwei Anbietern abgewickelt: Alipay und Tenpay, wobei ersterer den bei Weitem größten Marktanteil hat. Alipay ist vergleichbar mit PayPal und gehört zur Alibaba Gruppe, einem der größten Onlinehändler weltweit mit 450 Millionen Kunden. In letzter Zeit forciert Alipay auch das internationale Geschäft. So können beispielsweise chinesische Touristen inzwischen auch in Deutschland in einigen Shops mit ihrem Mobiltelefon über Alipay bezahlen.
Ebenso wie Alipay durch die Alibaba Gruppe getragen wird, profitiert Tenpay von seiner Zugehörigkeit zu Tencent und seinem Messagingdienst WeChat, den 700 Millionen Chinesen nutzen. Neben Funktionen, die vergleichbar mit denen von Facebook und Whatsapp sind, hat Tencent verschiedene Zahlungsfunktionen unter dem Tenpay-Dach integriert, was unter anderem P2P-Zahlungen, Überweisungen, Lieferservice und Taxibuchungen sowie das Aufladen von Mobilfunkguthaben ermöglicht. Damit wird nach und nach die ursprüngliche Trennung zwischen alltäglichen Verrichtungen und deren Bezahlung aufgebrochen; die Bezahlung ist nur einen weiteren Klick entfernt.
Was macht also den Erfolg der genannten Zahlverfahren in Kenia, Dänemark, den Niederlanden und China aus? Ein bedeutender Faktor ist sicherlich die breite Kundenbasis. Ist bereits eine Seite des Marktes, nämlich die Nutzer, an Bord, ist es einfacher, auch die zweite Seite, die Händler und andere Zahlungsempfänger, zu überzeugen, die neue Zahlungsvariante anzubieten. Damit lässt sich die Henne-Ei-Problematik schnell überwinden.
Zahlungsverkehr ist ein Netzwerkmarkt. Der Nutzen steigt mit jedem neuen Marktteilnehmer. Dabei gilt häufig das “The winner takes it all”-Prinzip. Das heißt, kommt ein Anbieter frühzeitig mit einem neuen Angebot auf den Markt, kann er den Marktstandard setzen, mit deren Unterstützung er seine Position ausbauen kann. Verfügt er bereits über eine große Marktmacht, kann er sie ebenfalls benutzen, um Standards zu etablieren und sich den Markt zu sichern. Alipay hat es so geschafft, bei mobilen Zahlungen einen Marktanteil von über 50 Prozent zu erzielen. Es besteht aber auch die Gefahr, dass Marktmacht etwa durch überhöhte Preise missbraucht wird.
Ein weiterer unterstützender Faktor bei der Etablierung eines neuen Zahlungsdienstes ist Vertrauen. Vertrauen in einen neuen Dienst hängt nicht unerheblich davon ab, welche Erfahrungen Nutzer mit anderen Leistungen des betreffenden Anbieters gemacht hat. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass zufriedene Bankkunden sicherlich eher zu einem Dienst ihrer Banken greifen, als zu neuen Produkten unbekannter Anbieter.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Passgenauigkeit zwischen dem angebotenen Zahlverfahren und dem Bedarf sowie den technischen Möglichkeiten der Anwender. Alle Beteiligten müssen überzeugt sein, dass ihnen das neue Verfahren Vorteile bringt. WeChat Red Envelope, zum Beispiel, übertrug die Tradition, zu besonderen Gelegenheiten Geld an Familie und Freunde zu überreichen, auf das Mobiltelefon. So können die Menschen weiter der Tradition folgen, auch wenn sie nicht mehr in unmittelbarer Nähe zusammen leben. In Kenia wiederum war es sinnvoll, ein Zahlverfahren auf Basis von SMS-Nachrichten und dem G2-Netz zu entwickeln. Das G2-Netz ist im Gegensatz zu G3 und G4 für fast alle Einwohner verfügbar. Und ein einfaches Handy besitzen auch die meisten, ein Smartphone jedoch nicht immer.
Als letzten Faktor möchte ich die Schnelligkeit, mit der die Zahlung beim Empfänger ankommt, hervorheben. Ein Händler beispielsweise möchte die Sicherheit haben, dass er für seine Waren bezahlt wird. Das gilt Online genauso wie an der Ladenkasse. Also braucht er entweder eine sofortige Zahlungsbestätigung verbunden mit der Garantie, dass der Betrag auch wirklich auf seinem Konto ankommt. Oder, noch besser, die Gutschrift erfolgt sofort. Ein Instant Payment System wie in Dänemark kann daher eine gute Basis sein, die Verbreitung mobiler Zahlungen an der Kasse zu unterstützen.
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4 Herausforderungen auf dem Weg zu “Digital First”
Meine Damen und Herren, die Beispiele aus Kenia, den Niederlanden, Dänemark und China haben gezeigt, worauf es ankommt. Die technischen Voraussetzungen und Standards müssen geschaffen werden und die Verfahren müssen auf eine breite Akzeptanz der Nutzer treffen. Überzeugende Verfahren und Vertrauen sind die Herausforderungen, denen wir uns hier in Deutschland stellen müssen, wenn wir digitale Bezahlverfahren weiter verbreiten wollen.
Aus meiner Sicht ist die Weiterentwicklung von Anwendungen wichtig, die kontaktloses Bezahlen ermöglichen. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass Bequemlichkeit und Schnelligkeit Zahler und Händler überzeugen können. Dabei sind die technischen Voraussetzungen im Wesentlichen erfüllt. Bis 2018 sollen alle Terminals im Handel NFC-fähig sein, das heißt, sie können kontaktlose Zahlungen annehmen – sowohl von physischen Karten, als auch von Smartphones.
Wenn es aber um breite Akzeptanz geht, kann man in Deutschland nicht nur auf die Kreditkarte setzen. An der girocard kommt man nicht vorbei. Nach den Plänen der Deutschen Kreditwirtschaft sollen bis zum Jahr 2020 alle girocards kontaktlos funktionieren. Um girocard-Zahlungen annehmen zu können, sind bis dahin allerdings auch noch Anpassungen an den Terminals notwendig, denn die NFC-Fähigkeit für Kreditkarten ist als Standard nicht ganz ausreichend.
Bei P2P-Zahlungen – wenn auch unter altertümlichen Namen (Geldbote) – zeichnet sich Bewegung ab. Hier werden neue Lösungen von Teilen der Kreditwirtschaft eingeführt. Sicherlich ist bei vielen Banken eine relativ breite Kundenbasis und Vertrauen vorhanden. Allerdings sehe ich noch einige Hürden, die auf dem Weg zu einem Marktstandard zu überwinden sind. Denn noch sind nicht alle Banken in diese Aktivitäten in Deutschland eingebunden, sondern nur zwei Drittel des Kreditgewerbes, was die Erfolgswahrscheinlichkeit in einem Netzwerkmarkt wie dem Zahlungsverkehr verringert. Und zum anderen handelt es sich – zumindest nach meinem Verständnis – um keine Zahlungsabwicklung in Echtzeit.
Der Markt für Internetbezahlverfahren ist schon weiter entwickelt, den Kinderschuhen aber wohl noch nicht ganz entwachsen. Hier gibt es neben den traditionellen Zahlungsinstrumenten mit PayPal einen Marktführer, der jedes Jahr weitere Marktanteile gewinnt. Es ist aber denkbar, dass das paydirekt-Verfahren mit den Punkten Vertrauen und Datensicherheit Boden gutmachen kann. Ob der Bedarf ausreichend groß ist, wird sich erst noch zeigen müssen. Eventuell könnte das Einbeziehen anderer Bezahlsituationen wie P2P nützlich sein.
Geht es um Smartphone-Zahlungen am Point of Sale, so höre ich, dass die Genossenschaftsbanken an einer Wallet-Lösung arbeiten, um die girocard ins Smartphone zu holen. Dieser Ansatz ist vielversprechend, da bereits eine breite Akzeptanz des Grundprodukts girocard vorhanden ist und technische Standards für kontaktlose Zahlungen existieren. Zudem vertrauen viele Nutzer ihrer Bank mehr als anderen Anbietern, wenn es um Mobile Payment Apps geht. Vielleicht könnte aber diesen Vertrauensvorschuss auch die gesamte Kreditwirtschaft gemeinsam nutzen.
Wenn vielleicht nicht das Non-plus ultra, aber doch ein echter Quantensprung, könnte die Einführung von Echtzeitzahlungen sein. In Verbindung mit einer App für das Bezahlen sowohl Person-to-Person, als auch an der Ladenkasse und im Onlinehandel könnte dies in den nächsten Jahren einen echten Schub bedeuten. Zahlungen könnten wesentlich schneller von A nach B gelangen und für den Empfänger auch sofort verfügbar werden. Und eine solche Infrastruktur würde etablierten wie neuen Anbietern sicherlich ganz neue Geschäftsmöglichkeiten erschließen.
Apropos Sicherheit: Ein oft genannter Grund, warum digitale Bezahlverfahren nicht genutzt werden, ist, dass sie Verbrauchern zu unsicher erscheinen. Und in der Tat: Bei zunehmender Nutzung digitaler Zahlungswege kann Cyberkriminalität zu einem Problem werden. Eine Ausprägung, das “Social Engineering”, dient etwa dazu, persönliche Informationen zu erlangen, um damit z.B. in fremde Computersysteme einzudringen oder Transaktionen auszulösen. Obwohl diese Angriffe immer ausgereifter zu werden scheinen, ist bei Nutzern digitaler Anwendungen oft noch eine gewisse Sorglosigkeit im Umgang mit ihren Daten zu beobachten. Viele geben eine große Anzahl an persönlichen Informationen leichtfertig preis.
Deshalb halte ich es für unabdingbar, die Nutzer für ein sicherheitsbewusstes Verhalten im Umgang mit Daten und IT-Systemen zu sensibilisieren. Gleichzeitig gibt es auch bei technischen Maßnahmen einen gewissen Nachholbedarf: Ein simples Passwort oder TAN-Codes sind zwar bequem, aber nicht dazu geeignet, einen fortgeschrittenen Angriff mit Hilfe von Schadsoftware zu verhindern.
Daher wurde bereits in den Mindestanforderungen an die Sicherheit von Internetzahlungen der BaFin und nun auch in der PSD2 die Authentifizierung mit zwei voneinander unabhängigen Faktoren verankert.
Dabei meine Damen und Herren, dürfen aber auch die Regulierungsbehörden die Nutzerfreundlichkeit nicht völlig aus den Augen verlieren. Wie ich es auch kürzlich gegenüber der EU-Kommission geäußert habe, sollte in den RTS (Regulatory Technical Standards) der EBA (European Banking Authority) beispielsweise darauf geachtet werden, die derzeit im Entwurf für Konsumenten verwirrende Differenzierung der Betragsobergrenzen für verschiedene Arten elektronischer Zahlungen anzugleichen. Dies mag sich wie eine Kleinigkeit anhören. Aber fehlende Mosaiksteine können dazu führen, dass sich die Weiterentwicklung von digitalen Bezahlverfahren verzögert.
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5 Fazit
Meine Damen und Herren, wir sind auf einem guten Weg, damit sich digitales Bezahlen auch in Deutschland bald weiter durchsetzen kann. Was hindert uns also noch?
Nun, Zahlungsgewohnheiten ändern sich nur langsam. Und die neuen Zahlungswege und ihre Vorteile müssen auch bekannt gemacht werden. Gleichzeitig gilt es, möglichst breite Bevölkerungsschichten mitzunehmen. Nicht jeder hat ein Smartphone, nicht alle leben in Gegenden mit schneller mobiler Internet-Abdeckung. Vielleicht brauchen die Menschen nicht die ausgefeilteste Lösung mit X Wahlmöglichkeiten. Simpel, komfortabel, sicher genügt vielleicht auch.
Henry Ford soll einmal gesagt haben: “Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt, schnellere Pferde.” Das bedeutet sinngemäß: Ist der Bedarf einmal erkannt, findet sich auch ein Weg, der diesem gerecht wird.
In dem Fall war es kein schnelleres Pferd, sondern das Automobil. Er meinte das große schwere Gerät mit dem Verbrennungsmotor. Sicherlich ein  gigantischer Fortschritt damals. Allerdings wie die heutige Diskussion um das Elektro-Auto zeigt, wohl heute auch noch nicht das Non-plus ultra.
“Nichts ist so beständig wie der Wandel” sagt ein altes Sprichwort. Wenn wir uns vor Augen führen, dass heute jeder Smartphones mit Apps nutzt und uns gleichzeitig daran erinnern, dass es vor 10 Jahren noch gar keine Apps gegeben hat, so wissen wir auch, dass nicht jede Entwicklung in der Zukunft vorhersehbar ist.
Durch Computer, das Internet, durch die Smartphones und Apps, durch die immer weitere Vernetzung der modernen Welt, hatten wir in den vergangenen Jahren einen technischen Wandel in kürzester Zeit, den es in dieser Form in der Vergangenheit noch nicht gegeben hat – hier sind wir noch lange nicht am Ende. Insofern kann ich nicht ausschließen, dass im Zahlungsverkehr digitales Bezahlen irgendwann auch nicht mehr das Non-plus ultra ist. Jeder Wandel erzeugt neue Chancen und vor allem Sie als Studenten haben die Chance diesen Wandel zu gestalten.
Hierbei wünsche ich Ihnen viel Erfolg und danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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