Festrede anlässlich der Festveranstaltung “50 Jahre Geld- und Werttransport in Deutschland”

By   /  November 10, 2016  /  Comments Off on Festrede anlässlich der Festveranstaltung “50 Jahre Geld- und Werttransport in Deutschland”

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MIL OSI – Source: Deutsche Bundesbank –

Headline: Festrede anlässlich der Festveranstaltung "50 Jahre Geld- und Werttransport in Deutschland"

Sehr geehrter Herr Vorstandsvorsitzender Mewes,liebe Frau Rutzka-Hascher,meine sehr verehrten Damen und Herren,auch ich möchte Sie hier in den Räumlichkeiten der Hauptverwaltung in Hessen zur Festveranstaltung “50 Jahre Geld- und Werttransport in Deutschland” herzlich willkommen heißen.
Ein halbes Jahrhundert gibt es die Geld- und Werttransportbranche nun also schon. Verglichen mit anderen Wirtschaftszweigen ist diese Zeitspanne zwar kurz und die Branche klein – aber die Entwicklung, die in fünf Dekaden stattgefunden hat, ist beachtlich. Aus einem Fahrzeug im Jahr 1966 wurden Tausende gepanzerte Geldtransportfahrzeuge. Die Mitarbeiterzahl hat längst die 10.000er Marke geknackt. Und nicht zuletzt das Geschäftsmodell hat sich stetig weiterentwickelt. Ging es am Anfang vor allem um den Logistikaspekt des Bargelds, kam später als weitere Aufgabe die Befüllung der immer zahlreicher werdenden Geldausgabeautomaten hinzu. Mehr und mehr Cash Center wurden gebaut und ein immer breiteres Dienstleistungsangebot rund ums Bargeld angeboten. Mittlerweile handelt es sich nicht mehr nur um Geldtransporteure, sondern um professionelle Bargeldakteure, die auch Partner im Bargeldkreislauf vor den Toren der Bundesbank sind. Die Branche hat sich also in wenigen Jahrzehnten fest im Markt etabliert, was auch in unseren Filialen deutlich erkennbar ist. Kamen in den 1980er Jahren noch mehrheitlich Bankboten, um Bargeld abzuheben oder einzuzahlen, sind es heute die Wertdienstleister, die vor unserer Tür stehen und die diese Aufgabe von den Kreditinstituten übernommen haben.
Die Geld- und Werttransportbranche ist daher wichtig für das Funktionieren des Bargeldkreislaufs in Deutschland. Bargeld ist nach wie vor das beliebteste Zahlungsinstrument in Deutschland und daher muss es jederzeit dort zur Verfügung stehen, wo es gebraucht wird. Die Verbraucherinnen und Verbraucher erwarten zu Recht, dass auch an umsatzstarken Samstagen oder verkaufsoffenen Sonntagen die Geldausgabeautomaten in beliebten Einkaufsstraßen gefüllt sind. Dass Bargeld überall zu jeder Zeit verfügbar ist, wird als Selbstverständlichkeit erachtet. Die ausgeklügelte Logistik, die dahinter steckt, ist wohl niemandem bewusst, der sich nicht tagtäglich damit beschäftigt.
Im Zivilschutzkonzept der Bundesregierung, welches im August vom Kabinett beschlossen wurde, wird festgestellt, dass die Bundesbank mit ihren derzeit 35 Filialen nicht alleine die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit Bargeld übernehmen kann. Daher bedarf es der Einbindung privatwirtschaftlicher Akteure in eine allgemeine Krisenvorsorge. In erster Linie sind es die Kreditinstitute, die die Aufgabe haben, Bankgeschäfte auch im Krisenfall ordnungsgemäß durchzuführen, wozu auch die Auszahlung von Einlagen gehört. Da die Banken ihre Geldausgabeautomaten meist von Wertdienstleistern befüllen lassen, sind diese auch von der Aufstellung von Notfall- und Krisenplänen betroffen. Die Bundesbank arbeitet kontinuierlich daran, eine stärkere Vernetzung aller Marktteilnehmer und ihrer jeweiligen Notfallpläne zu erreichen, um die flächendeckende Bargeldversorgung auch im Krisenfall sicherzustellen.
Die Rolle der Wertdienstleister ist im Lauf der Jahrzehnte immer umfassender und komplexer geworden – was nicht verwundert, da auch die Bargeldlogistik heutzutage anders funktioniert als vor 50 Jahren. Diese Entwicklung ist auch nicht auf Deutschland beschränkt. Das Europäische System der Zentralbanken hat daher vor einiger Zeit die Werttransporteure in Europa einer genaueren Betrachtung unterzogen. Ziel des dabei erstellten Berichts war es, die Kenntnisse über die Branche zu vertiefen und zu klären, ob gegebenenfalls Handlungsbedarf hinsichtlich stärkerer Regulierung und Aufsicht besteht.
Im internationalen Vergleich sticht Deutschland schon allein durch die große Anzahl der Werttransporteure heraus. Von einigen großen, überregional arbeitenden Unternehmen bis zu vielen kleineren Firmen mit einem eher lokalen Aktionsradius ist alles vertreten. Die Branche ist im Mittelstand verankert und breit aufgestellt, was die Belastbarkeit und die Toleranz gegenüber Störungen fördert. Im Fall unvorhergesehener Ereignisse können daher die eher kleinteiligen Strukturen und die Dezentralität der Akteure zur Bewältigung der Situation beitragen.
In den meisten anderen Ländern gibt es dagegen nur wenige Wertdienstleister, die überregional bis national tätig sind. In einigen Ländern teilen sich gar nur zwei Anbieter den Markt auf. Dabei hat jeder der wenigen Anbieter eine gewisse Marktmacht und kann durch seine geschäftspolitischen Entscheidungen das Marktgeschehen beeinflussen. In Deutschland herrscht dagegen ein starker Wettbewerb zwischen den Wertdienstleistern, was zu effizienten Strukturen und zu einer angemessenen Preissetzung beiträgt. Ich sehe den deutschen Markt daher gut aufgestellt.
Deutschland schneidet auch bei der Sicherheit hervorragend ab. In den vergangenen zehn Jahren gab es durchschnittlich drei Überfälle pro Jahr auf Geldtransporter. Zum Vergleich: in einer Gruppe aus elf europäischen Ländern wurden in den Jahren 2007 und 2009 jeweils annähernd 1.400 Überfälle registriert – glücklicherweise mit deutlich rückläufiger Tendenz in den Folgejahren. Eine australische Untersuchung, die weltweit ausgewählte Länder betrachtet, zeigt einen statistischen Zusammenhang zwischen den Überfallzahlen auf Geld- und Werttransporte und den eingesetzten bzw. vorgeschriebenen Sicherungsmaßnahmen und -technologien. Im Ergebnis sind die Überfallzahlen in Ländern, in denen der physische Schutz der Werte im Vordergrund steht, tendenziell niedriger als in Ländern, die den Einsatz von Raubstoppsystemen vorschreiben und Waffen verbieten. Die geringen Fallzahlen in Deutschland zeigen, dass die hierzulande üblichen Sicherungsverfahren, die vor allem auf den physischen Schutz des Geldes abstellen, Wirkung zeigen.
Was allerdings noch nicht so gut funktioniert, sind grenzüberschreitende Transporte. Die entsprechende EU-Verordnung aus dem Jahr 2011 war dazu gedacht, grenzüberschreitende Straßentransporte von Bargeld zu erleichtern und zu harmonisieren. Im Ergebnis haben diese Transporte jedoch ab-, statt zugenommen. Insbesondere die unterschiedlichen nationalen Vorschriften zur Bewaffnung werden als Hindernis gesehen. Demnächst steht eine Überprüfung der Wirksamkeit dieser Verordnung durch die EU-Kommission an. Dann werden wir sehen, ob Hemmnisse abgebaut werden können.
Doch die Werttransportbranche muss sich nicht nur in Sicherheitsfragen oder im Aufstellen von Notfallplänen immer wieder beweisen – ihre gesamte Geschäftsgrundlage wird auch dadurch in Frage gestellt, dass die Menschen verstärkt andere Zahlungsmittel verwenden. Das betrifft allerdings nicht nur die Werttransporteure, sondern alle Akteure im Bargeldkreislauf. Neben den altbekannten Kartenzahlungen drängen immer mehr innovative Zahlungsinstrumente und damit verbunden neue Akteure auf den Markt. Ob Zahlungen mit Smartphone-Apps oder Internetbezahlverfahren, in der neuen Bezahlwelt wollen nicht nur Banken und Kartenanbieter, sondern auch Großunternehmen wie Apple oder Google und nicht zuletzt Fintechs mitmischen und mitverdienen.
Doch das altbekannte Bargeld hat viele positive Eigenschaften, die von der Bevölkerung sehr geschätzt werden. Zunächst ermöglicht es die oft negativ bewertete Anonymität der Barzahlung Menschen, ihr Recht auf informationelle Selbstbestimmung auszuüben. Sie werden also nicht zum gläsernen Kunden. Des Weiteren nehmen die Nutzer Bargeld als einfaches, sicheres und schnelles Zahlungsmittel wahr und sie verwenden es als Instrument zur Ausgabenkontrolle und Haushaltsplanung. Außerdem kann mit Banknoten und Münzen Zug um Zug bezahlt werden, das heißt weder der Verkäufer noch der Käufer einer Ware muss in Vorleistung treten. Darüber hinaus kann Bargeld weitestgehend ohne technische Infrastruktur zum Bezahlen verwendet werden. Dadurch wird die Funktionsfähigkeit des Zahlungsverkehrs in Not- und Krisensituationen sichergestellt. Zudem ist Bargeld Notenbankgeld und anders als ein Kontoguthaben keine Forderung gegenüber einem Kreditinstitut.
Bargeld findet außerdem nicht nur als Zahlungs-, sondern auch als Wertaufbewahrungsmittel Verwendung. Ein Gutteil der ausgegebenen Banknoten wird daher gehortet.
Und schließlich wollen neueste Forschungen herausgefunden haben, dass eine Zahlung mit Bargeld im Vergleich zur unbaren Zahlung die Wertschätzung der Konsumenten gegenüber dem gekauften Produkt erhöht.
Angesichts all dieser Vorzüge der Barzahlung bin ich davon überzeugt, dass uns Banknoten und Münzen noch lange erhalten bleiben werden – allen neuen Bezahlmethoden zum Trotz. Gleichwohl nimmt die Nutzung des Bargeldes zu Zahlungszwecken im Zeitablauf tendenziell ab. Das wird sich nach meiner Meinung auch fortsetzen. Daher dürfen auch die Bargeld-Akteure nicht darauf vertrauen, dass die Verwendung von Bargeld ein Selbstläufer ist. Die Nutzer entscheiden immer wieder neu, welche Zahlungsinstrumente sie verwenden. Das hängt auch davon ab, welche Zahlungsmittel Händler überhaupt akzeptieren. Neben den Wünschen der Kundschaft spielt aus Sicht des Handels der Preis eine wichtige Rolle: was kostet das Bargeldhandling und welche Kosten werden für Kartenzahlungen fällig? Bargeld schneidet hier nicht immer am besten ab. Je stärker der Vergleich zwischen bar und unbar zulasten des Bargelds ausfällt, desto eher wird die Verwendung von Karten und neuen unbaren Zahlungsinstrumenten gefördert. Daher sind auch in Zukunft weitere Anstrengungen zur Steigerung der Effizienz von allen Akteuren im Bargeldkreislauf vonnöten.
Die Bundesbank wird mit der Eröffnung der neuen Filiale voraussichtlich im Jahr 2019 in Dortmund einen weiteren Meilenstein hin zu noch effizienterem Bargeldhandling erreichen. Aber auch andere Akteure sind nicht untätig. So bemühen sich Handel und Kreditwirtschaft darum, Recyclingprozesse in den Handel zu verlagern. Hierzu gibt es Automationslösungen, bei denen eine Kontogutschrift des auf Echtheit und Umlauffähigkeit geprüften Geldes erfolgt. Geeignete Stückelungen werden als Wechselgeld wiederverwendet, so dass es zu mehr In-sich-Geschäft kommt und weniger Bargeld physisch transportiert werden muss. Der Standardfall, dass große Händler Bargeld abholen lassen, welches dann über die Cash Center der Wertdienstleister schließlich zur Bundesbank transportiert wird, könnte dadurch reduziert werden. Diese Entwicklung wirkt sich wiederum auf das Geschäftsmodell der Wertdienstleister aus. Aber ich bin sehr zuversichtlich: die Branche hat es bislang immer geschafft, neue Herausforderungen anzunehmen. Der Spagat zwischen einem qualitativ hochwertigen Dienstleistungsangebot und den vom Markt geforderten günstigen Preisen ist sicher nicht immer einfach. Aber letztlich müssen sich alle Akteure immer wieder auf wechselnde Marktbedingungen einstellen, wenn sie im Wettbewerb mit unbaren Zahlungsinstrumenten bestehen wollen.
Für mich als zuständiges Vorstandsmitglied für den baren und unbaren Zahlungsverkehr ist es aus beiden Perspektiven interessant zu verfolgen, wo die Reise hingeht: wie sehr behauptet sich das Bargeld und wie hoch steigt der Marktanteil der unbaren Bezahlverfahren? Beides wollen wir mit der vierten Studie zum Zahlungsverhalten in Deutschland herausfinden. Die Datenerhebung ist für das Frühjahr 2017 geplant und wir werden die Studie dann zu gegebener Zeit publizieren.
Ich bin sehr zuversichtlich, dass die Ergebnisse keine Hinweise liefern werden, dass das Bargeld innerhalb der nächsten zehn Jahre verschwunden sein wird, auch wenn dieses von prominenter Stelle vorhergesagt wurde.
Und nun wünsche ich Ihnen eine weiterhin informative Veranstaltung und einen angenehmen Abend.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Fußnote
Vgl. AVNI M. SHAH et al., 2016: “Paper or Plastic?”: How We Pay Influences Post-Transaction Connection, http://www.ejcr.org/publicity/April_2016/April2016Article4.pdf

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