Rückblick: Das Karfreitagsgefecht bei Isa Khel

By   /  November 16, 2016  /  Comments Off on Rückblick: Das Karfreitagsgefecht bei Isa Khel

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MIL OSI – Source: Bundesministerium Der Verteidigung –

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Isa Khel, Afghanistan, 11.11.2016.Seit dem Beginn der Auslandseinsätze der Bundeswehr, vor allem aber seit dem ISAF-Einsatz in Afghanistan gehört der Tod auf dem Gefechtsfeld wieder zum Berufsrisiko deutscher Soldaten. Wie fühlt sich Todesgefahr an? Die Angst zu sterben?

In der „Operation Tür“ bergen deutsche Fallschirmjäger im September 2011 zwei Türen des bei dem IED-Anschlag zerstörten Transportfahrzeugs Dingo. (Quelle: Privat)Größere Abbildung anzeigenAm 2. April 2010 kam es in dem Dorf Isa Khel in Nordafghanistan zum bis dahin blutigsten Gefecht zwischen der Bundeswehr und den Taliban, drei Deutsche fielen. Mittendrin: Naef Adebahr. Er und seine Kameraden gerieten in einen Hinterhalt, als sie eine abgestürzte Drohne bergen sollten. Wir sprachen mit dem Fallschirmjäger über die Angst vor dem Sterben, die Sorge um die Kameraden und den Moment, in dem der Tod dem Leben ganz nah kommt.„Es war ein Schmerz, den ich so in meinem Leben noch nicht gespürt hatte“, erzählt Naef. Der damalige Oberfeldwebel versucht festzustellen, wo am Bein er genau getroffen wurde. Die wichtigste Frage: „Überlebe ich das?“ Er krümmt sich zusammen, denkt sich: „Hoffentlich vergeht das wieder, hoffentlich wird das gleich weniger.“ Der 27-Jährige ruft nach seinen Kameraden. Paul M. ist sofort bei ihm, verpasst seinem Gruppenführer den Autoinjektor mit dem Morphin. Als das Schmerzmittel wirkt, setzt Naef den Funkspruch ab: „Ich bin angeschossen worden.“ Isa Khel, Afghanistan, Karfreitag 2010.nach obenAusbildung für den EinsatzNaef Adebahr stammt aus Dorsten in Westfalen, sein Vater ist Jordanier, seine Mutter Deutsche. Schon mit 16 will er zur Bundeswehr, will etwas erleben. Aber Naef macht zunächst eine Lehre, erst mit 23 meldet er sich freiwillig, verpflichtet sich für zwölf Jahre. Am 1. April 2004 wird er zum Fallschirmjägerbataillon 373 eingezogen. Nach Doberlug-Kirchhain in Brandenburg. Ausgerechnet. Als Feldwebelanwärter und auch als Mensch mit dunkler Hautfarbe hat er mit Vorurteilen zu kämpfen. „Ich habe mich durchgebissen“, sagt Naef heute.In der Ausbildung spielen die Themen Tod und Verwundung zunächst keine große Rolle. Das ändert sich im Jahr 2009. Schon zuvor hatten die Fallschirmjäger gesagt bekommen, „dass wir jetzt in den Einsatz gehen“. In der Einsatzausbildung wird es ernst: Sanitätsausbildung, Wunden versorgen, intravenöse Zugänge legen. Der Hauptmann eines Vorgängerkontingents berichtet im Rahmen einer Füh-rerweiterbildung, was in Afghanistan tatsächlich passiert. „Spätestens da wusste jeder, dass es dort ordentlich zur Sache geht“, so Naef.In der Einsatzvorbereitung werden die Fallschirmjäger hart rangenommen. „Wir haben viel mit den EODlern und den Pionieren geübt.“ Die Soldaten sollen in Afghanistan Präsenz zeigen und Raum ge-winnen. Dazu müssen sie vor allem IEDs sweepen, also Improvised Explosive Devices, Sprengfallen, finden und beseitigen. In den Flieger steigen der Oberfeldwebel und seine Kameraden mit guten Ge-fühlen. Sie freuen sich darauf, „endlich das anzuwenden, was wir seit fünf, sechs Jahren tagein, tagaus geübt haben“, erklärt Naef. nach obenFeuertaufeEnde Februar 2010 treffen die Fallschirmjäger in Kunduz ein. In den ersten Tagen treibt den Gruppenführer vor allem die Sorge vor Sprengfallen um. „Im Gefecht finde ich raus, woher das Feuer kommt. Bei einer versteckten Bombe sieht man eben nicht, wo sie ist.“ Es gäbe so viele Anzeichen dafür. „Wenn ich eine übersehe, passiert nicht nur mir etwas, sondern eventuell der Gruppe.“ Mitte März geraten die Fallschirmjäger in der Nähe der kleinen Ortschaft Isa Khel in ihr erstes Gefecht. Naefs Zug hat den Auftrag, die Straße, die Richtung Süden zur Höhe 432 führt, zu sweepen. Seine verstärkte Gruppe soll die linke Flanke in Richtung des Dorfes sichern. Es ist ihr erster richtiger Auftrag, erst kurz zuvor haben sich die Fallschirmjäger im PHQ, im Polizeihauptquartier des Un­ruhe­dis­­trikts Chahar Darreh eingerichtet. Als der Gruppenführer aus dem Dingo steigt, kommt Angst vor den tückischen IEDs hoch: „Ich habe die ganze Zeit gedacht, hier kann eine liegen, da kann eine liegen.“ Nach ein paar Schritten hält er inne. „Ich habe mir gesagt: Wenn du das jetzt so weiter machst, dann kommst du nicht mehr klar, dann kannst du dich gleich ins Fahrzeug setzen.“ Das, so Naef, sei der Punkt gewesen, an dem er die Angst ablegte. „Von da an habe ich nur noch funktioniert.“ Plötzlich fallen Schüsse. „Im ersten Moment dachte ich: Krass, wir werden jetzt wirklich beschossen!“ Dann setzt der Automatismus ein. „Die Gefühle waren weg.“ Übrig bleibt der Drill, das Erlernte: Die Gruppe führen, alle auf den Boden. Woher kommt das Feuer? Den Feind identifizieren und dann Feuer verteilen, erst einmal zurückschießen. Schauen, ob irgendwer verwundet ist. Wo sind die Fahrzeuge? Beobachten. Feuerpausen und Schusswechsel in dichter Folge. So geht das über viereinhalb Stunden. Naefs größte Sorge: „Hoffentlich wird keiner von meinen Jungs verwundet.“ Vor allem dann, wenn das Feuer nahe herankommt und er die Einschläge direkt neben sich hört. Angst? „Ich habe keine gespürt“, sagt der heutige Hauptfeldwebel nach kurzem Zögern. „Der Automatismus hat überwogen.“ Schließlich kommt der Befehl auszuweichen. Im Schutz der Dingo-Transportfahrzeuge atmen die Soldaten das erste Mal durch. „Da war das erste Gefühl: Ich hab’s überlebt, meine Gruppe hat überlebt, keiner ist verletzt. Eine absolute Erleichterung“, erinnert sich der Gruppenführer. Die Fallschirmjäger sind regelrecht euphorisch: „Wir haben unser erstes Gefecht hinter uns, die Feuertaufe ist gepackt.“ nach obenSuche nach der DrohneAm Abend vor dem Karfreitag feiern die Fallschirmjäger im maroden Polizeihauptquartier in Chahar Darreh den Geburtstag des Zugführers Mario K. Der Feiertag selbst beginnt wie jeder andere Tag im Einsatz, es ist sonnig, warm, staubig. Noch am Vortag hatte Naef eine Drohne vom Typ Mikado bekommen, zusammengebaut und ausprobiert. Die Mikado ist ein Quadrocopter, der Oberfeldwebel ist der Drohnenbediener des Infanteriezuges. Die Drohne soll am nächsten Tag in Isa Khel zum ersten Mal eingesetzt werden und das Dorf vor dem Sweepen der Zufahrtsstraße aus der Luft aufklären. Schon beim Ausprobieren macht sich der Gruppenführer Gedanken: Die Mikado hat keine Rückkehrautomatik für den Fall einer Fehlfunktion. Dieser Mangel rächt sich am nächsten Tag. Die Drohne wird vom Wind abgetrieben und geht irgendwo über Isa Khel zu Boden. Naef erhält vom Zugführer den Auftrag, das Fluggerät zu bergen und läuft mit sieben Mann durch das kleine Dorf. Zu seinem kleinen Stoßtrupp gehören auch der damalige Oberstabsgefreite Maik Mutschke und Hauptgefreiter Martin Augustyniak. „Das war der erste Moment, in dem ich mir dachte: Scheiße, du musst jetzt mit sieben Mann durch Isa Khel durch.“ Zum ersten Mal macht sich Angst bemerkbar: „Jetzt kann auch passieren, dass irgendwer aus meiner Gruppe geschnappt wird.“ nach obenDie Falle schnappt zuDie Fallschirmjäger kehren zurück, Naef meldet Hauptfeldwebel Nils Bruns, dass die Drohne nicht gefunden wurde. Die Soldaten sind erleichtert, dass nichts passiert ist, Augustyniak scherzt noch, dass der Trupp „Isa Khel alleine genommen hat“. Aber die Suche nach der Drohne geht weiter. Mit drei Mann – Mutschke, Augustyniak und Paul M. – durchkämmt Naef ein kleines Feld, in dem sie die Drohne im kniehohen Gras vermuten. Der Trupp stellt sich breit auf, Mutschke ganz links, der Gruppenführer ganz rechts, ein Dingo sichert die Soldaten aus dem Hintergrund. Die Soldaten haben das Feld zu drei Vierteln überquert, als die Falle zuschnappt. Die Deutschen sind in einen Hinterhalt geraten, 30 bis 40 Taliban eröffnen das Feuer auf den Fallschirmjägerzug. Es ist etwa 13 Uhr. Naef befiehlt seinen Männern, überschlagend auszuweichen. Er schafft einen Sprung, da wird er auch schon getroffen. Er erhält drei Treffer in beide Beine, zwei Durchschüsse, die Ferse wird verletzt.„Verlasst mich bloß nicht!“ Zurückgelassen zu werden – das ist in diesem Moment Naefs größte Angst. Er scannt die Umgebung, schaut, wo der Feind ist, was man tun kann, wo die Kameraden sind. M. kommt und hilft ihm mit dem Morphininjektor. Mutschke ist zu diesem Zeitpunkt noch unverletzt, Augustyniak hat einen Streifschuss am Helm abbekommen. Naef ist sich ziemlich sicher, dass er nicht an der Verletzung sterben wird. Schiss hat er trotzdem: „Ich hatte Angst, dass ich unter der Verwundung von den Taliban weggekascht werde, ohne dass ich mich wehren kann. Und dass weiter auf uns gefeuert wird.“ Erst später erfährt er, dass die Taliban gefährlich nah an die vier Soldaten herangerückt waren. In diesem Moment größter Gefahr stützt sich Naef auch auf seinen Glauben. Der Dorstener ist evangelisch, vor dem Einsatz hatte er ein Kreuz geschenkt bekommen, als Glücksbringer. Jetzt, auf diesem Feld im Norden Afghanistans, betet der 27-Jährige, „dass ich und meine Kameraden das Gefecht heil überstehen“. nach obenDrei Gefallene und mehrere VerwundeteEin halbe Stunde liegen der verletzte Naef, M. und Augustyniak unter Feindfeuer auf offenem Feld. Mutschke hat sich aufgemacht, um Hilfe zu holen. Endlich trifft die Verstärkung ein. Zu viert bugsieren die Kameraden den gut 100 Kilo schweren Naef hinter die Mauer eines Compounds, eines typischen afghanischen Hofhauses. Rettungsassistent Hauptfeldwebel Ralf Rönckendorf kümmert sich um Naefs Verletzungen. Der atmet zum ersten Mal auf: „Ich habe mir gesagt, egal, was noch passiert, Ralf wird mich schon zusammenflicken.“ Er kennt den Sanitäter seit der Einsatzvorbereitung. „Wir waren eine absolut eingeschworene Truppe.“ Rönckendorf verabreicht dem Oberfeldwebel ein starkes Schmerzmittel. Er wird mit einer Trage zum Yak gebracht, dem geschützten Fahrzeug des Beweglichen Arzttrupps BAT. Hier erhält er eine weitere Infusion. Etwa eine halbe Stunde später ist er an Bord eines amerikanischen MedEvac-Black-Hawk. Er wird in Kunduz stabilisiert und dann mit einem CH-53 MedEvac nach Mazar-e-Sharif gebracht. Drei Kameraden fallen danach noch an diesem Karfreitag in Isa Khel: Nils Bruns, Robert Hartert und Martin Augustyniak. Der Stabsgefreite Robert Hartert war zu Anfang des Gefechts schwer verwundet worden. Nils Bruns und Martin Augustyniak erliegen noch am selben Tag den Verletzungen, die sie bei der Explosion einer IED erleiden. Die Taliban zünden den Sprengsatz genau in dem Moment, als ein Dingo des Zuges sich über eine kleine Brücke zurückzieht. Maik Mutschke, Ralf Rönckendorf und drei weitere Soldaten werden schwer verwundet. Mit dem Tod seiner Kameraden bricht für Naef eine Welt zusammen. Erst Jahre später werden die Geschehnisse des 2. April 2010 verarbeitet sein. Seine Verletzungen spürt er aber bis heute. Naef Adebahr ist mittlerweile Berufssoldat, arbeitet in der Gruppe Sporttherapie an der Sportschule in Warendorf. In diesem Jahr gewann er für Deutschland bei den Invictus Games für versehrte Soldaten eine Bronzemedaille im 200-Meter-Lauf. nach oben

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