Berührendes Exponat: Weltkriegs-Geige aus dem Schützengraben

By   /  November 18, 2016  /  Comments Off on Berührendes Exponat: Weltkriegs-Geige aus dem Schützengraben

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MIL OSI – Source: Bundesministerium Der Verteidigung –

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Eine Violine aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs ist das neueste Objekt des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr. Agnieszka Maleczek hat als Jugendliche selbst Geige gespielt. Diese Woche übergab sie das besondere Exponat in Dresden.

Vorsichtig wickelte Agnieszka Maleczek einen ungefähr einen Meter langen, ungewöhnlich eckigen Geigenkasten aus dunklem Holz aus der Verpackung aus Stoff und Schaumgummi. Die 34-Jährige war Mitte November 2016 ins Militärhistorische Museum nach Dresden gekommen, um eine mehr als 100 Jahre alte Violine an Dr. Gerhard Bauer, Kurator und Sachgebietsleiter im Museum, zu übergeben. „Mein Nachbar Herr Falk erzählte mir von der Geige in seinem Besitz und ich habe als Jugendliche Violine gespielt, deshalb war ich gleich interessiert. Dann haben wir gemeinsam beschlossen, für die Geige ein passendes Museum zu suchen“, erzählt Maleczek.nach obenFaszination und Romantik einer ViolineAls sie jetzt Wochen später im Dresdner Militärhistorischen Museum den Kasten öffnet, kommt eine Violine zum Vorschein. Sie unterscheidet sich auf den ersten, flüchtigen Blick nur durch ihren scharfkantig-viereckigen Klangkörper von anderen Geigen. Der Bogen klemmt im Deckel des Kastens, die Schnecke der Geige ist kunstvoll geschwungen und auch der Rumpf hat die charakteristischen s-förmigen Aussparungen anderer Violinen.Maleczek nimmt die Geige vorsichtig aus ihrer Verpackung. Das über 100 Jahre alte Instrument wurde aus einer Zigarrenkiste in einem Schützengraben während des Ersten Weltkriegs gebaut. „Für mich haben Violinen eine besondere Faszination und Romantik, denn sie erinnern mich an meine Jugendzeit. Außerdem hat mein Urgroßvater, der auch zu dieser Zeit lebte, Geige gespielt. Diese Übergabe ist für mich wie ein Auftrag, ich bin die Botin.“ Dann zeigt sie die Rückseite der Violine: Auf dem viereckigen Geigen-Körper ist das Firmenschild der deutschen Zigarren-Fabrik „S. Simon & Co.“ aufgeklebt, dazu der Aufdruck „Den deutschen Unteroffizieren“.nach obenSorgfältig geschwungene Buchstaben in blauer Tinte„Diese Geige ist ein extrem seltenes Zeugnis aus dem Alltag von Soldaten im Ersten Weltkrieg. Noch dazu stammt sie von einem sächsischen Soldaten, dessen Name, Einheit und einige Lebensdaten überliefert sind“, freut sich Bauer. Es sei ein ideales Museumsobjekt, wenn zum Exponat noch die Geschichte eines Menschen, eine Biographie, erzählt werden könne.Denn auf der Rückseite des Instruments und auf dem Geigenkasten hat der Erbauer sich mit sorgfältig geschwungenen Buchstaben in blauer Tinte verewigt: „Gefertigt im Schützengraben am 18. Februar 1915 bei St. Souplet von Oskar Thiele“ steht dort. „Die Front an der belgischen Grenze war um diese Zeit ein wahrscheinlich sehr unangenehmer Ort“, beschreibt Bauer. „1915 gab es in der Gegend heftige französische Angriffe, die blutig scheiterten. Der Ort Saint Souplet wurde immer wieder beschossen, das wissen wir aus Gefechtsberichten der Zeit“, so Bauer. „Eine Geige zu bauen und vielleicht auch in Feuerpausen zu musizieren, war für die Soldaten da sicher ein Stück Normalität und Ablenkung.“ nach obenSoldat in einem sächsischen Reserve-Infanterie-RegimentDie französische Stadt in der Nähe der belgischen Grenze liegt in der Champagne unweit des berüchtigten „Damenweges“, der zwischen 1914 und 1918 zu den beinahe durchgehend schwer umkämpften Zonen der Westfront zählte. Oskar Thiele stammte aus dem sächsischen Döbeln und war Angehöriger des sächsischen Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 103. Dessen Bataillone waren im August 1914 in Bautzen und Dresden im Zuge der Generalmobilmachung in Dresden auf Kriegsstärke gebracht worden. „Doch leider wissen wir über Oskar Thiele selbst kaum etwas“, erzählt Maleczek.nach obenMusikinstrumentenbau mit einfachsten Mitteln Die Geige wird offiziell von Agnieszka Maleczek an Dr. Gerhard Bauer und das Museum übergeben. (Quelle: LKdo SN/Thonig)Größere Abbildung anzeigenIm Schützengraben hat der handwerklich begabte Soldat sich wahrscheinlich mit einfachsten Mitteln beholfen: Der Hals, die Wirbel und die Schnecke der Geige, bei professionellen Instrumenten aus Ebenholz oder Ahorn, sind aus Hartholz geschnitzt – mit einem Taschenmesser. Der Geigenbogen ist ein einfacher Stock, bespannt mit Rosshaar von einem Pferdeschweif. Der Kasten ist selbstgezimmert und genau passend für die Geige mit der ungewöhnlichen Form. Nach dem Krieg schenkte Oskar Thiele die Geige Hermann Conrad (1916-1986), der später Konzertmeister am Landestheater Dessau war. Der spielte sie sogar nach dem Ersten Weltkrieg. Später vererbte er sie seinem Verwandten Heinz-Joachim Falk. Der heute 77-Jährige hat die militärhistorische Rarität nun mit Hilfe von Agnieszka Maleczek dem Militärhistorischen Museum der Bundeswehr Dresden geschenkt.nach obenEin wunderbares neues Zuhause für eine GeigeKurator Gerhard Bauer ist froh, dass das besondere Stück nun Exponat im Dresdner Museum ist: „Es wäre sehr schade gewesen, wenn sie im Privatbesitz verblieben oder auf einem Flohmarkt verkauft worden wäre. Dass wir sie jetzt restaurieren und ausstellen können, ist im Sinne der Verwandten – der Kreis schließt sich und Herr Falk hat seine Aufgabe erfüllt.“ „Nun hat die Geige ein wunderbares neues Zuhause“, freut sich Agnieszka Maleczek. Auf Bauers Kollegen in der Abteilung für Restaurierung des Militärhistorischen Museums in Dresden kommen nun spannende Herausforderungen hinzu. Bauer: „Wir werden unter anderem diskutieren, ob die Geige wieder in einen spielbaren Zustand versetzt wird, da sie ja nach dem Ersten Weltkrieg noch zum Klingen gebracht wurde, wie wir wissen.“nach oben

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