Arbeitszeit und Digitalisierung: Flexibilität nur mit Mitsprache

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MIL OSI – Source: DGB – Bundesvorstand –

Headline: Arbeitszeit und Digitalisierung: Flexibilität nur mit Mitsprache

25. November 2016

Arbeitsministerin Andrea Nahles.
 Foto: dpa

Arbeit 4.0 birgt Chancen. Damit die Gefahren für die Beschäftigten nicht überwiegen, muss sich noch vieles ändern. Der Gastbeitrag.
In der aktuellen Debatte um Arbeiten 4.0 scheint sich neuer Konsens anzubahnen. Im Grunde sind sich alle einig, dass mehr Flexibilität – für Unternehmen und Beschäftigte – nötig und wünschenswert ist. Warum ist es dann so schwer, einen „Flexibilitätskompromiss“ zu finden, wie es Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) vorschwebt?Schon der Begriff weckt Assoziationen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Für die einen ist mehr Flexibilität eine Verheißung, für die anderen eher eine Bedrohung. Das ist keine banale Randbemerkung, denn die Erfahrung der vergangenen Jahre macht viele Beschäftigte zumindest verhalten. Gleichzeitig besteht die Hoffnung, dass die Digitalisierung für mehr selbstbestimmte Flexibilität genutzt werden kann.In der politischen Debatte steht Flexibilität bislang sinnbildhaft für das Nebeneinander von Chancen und Risiken der Digitalisierung der Arbeitswelt. Neue Möglichkeiten und erkennbare Gefahren digitaler Technologien wurden zumeist gegeneinander in Stellung gebracht. In alten Schützengräben, wie es Andrea Nahles kürzlich nannte, lässt sich Zukunft aber nicht gestalten. Es stellt sich allerdings die Frage, wie politische „Schützengräben“ eigentlich definiert werden: Wer zum Beispiel begründete Zweifel oder Sorgen als Verweigerung diskreditiert, sitzt selbst im Schützengraben.Es wird gerne behauptet, das Arbeitsrecht sei den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht gewachsen. Neu ist, dass auch die Arbeitgeberverbände als Begründung zumeist die Perspektive der Beschäftigten bemühen. Dahinter steckt zwar ein anderes Kalkül, aber ja: Es stimmt. Nicht nur Unternehmen haben Anforderungen oder Zwänge; auch Beschäftigte wollen – oder müssen – künftig anders arbeiten. Und die entscheidende Frage ist nicht die nach Chance oder Risiko. Wir müssen klären, ob und wie es gelingen kann, Arbeit so zu gestalten, dass sie den Interessen beider Seiten gerecht wird. Es geht um nichts weniger, als das Koordinatensystem der politischen Arbeitsgestaltung neu auszurichten.Eine Bewahrung des Status quo kann niemand wollen. Das würde dazu führen, dass wir die Probleme, die seit Jahren bestehen, mit in die Zukunft schleppen. Fakt ist, dass die Flexibilisierung die Arbeitszeiten bislang verlängert hat. Im letzten Jahr wurden 1,8 Milliarden Überstunden geleistet, knapp eine Milliarde unbezahlt. Parallel erleben wir eine Zunahme atypischer Arbeitszeiten abends oder am Wochenende. Wer besonders lange oder zu unüblichen Zeiten arbeitet, hat tendenziell mehr Stress. Gleichzeitig nimmt die Arbeitsdichte, also mehr Arbeit in der gleichen Zeit, generell zu.Ein weiterer – und meines Erachtens entscheidender – Aspekt für Fragen psychischer Gesundheit ist die Mitsprache der Beschäftigten bei der Arbeitsgestaltung. Bei der Mitsprache hapert es nämlich: Nach offiziellen Untersuchungen können nicht einmal 40 Prozent der Beschäftigten mitentscheiden, wann die Arbeitszeit beginnt oder endet – bei der Frage, was und wie viel gearbeitet werden muss, sieht es noch schlechter aus. Gleichzeitig wird jedes Jahr aufs Neue konstatiert, dass mehr Beschäftigte aufgrund psychischer Probleme in die Erwerbsminderungsrente – zumeist auf Armutsniveau – abgedrängt werden. Die Probleme Entgrenzung, Erwartung immerwährender Erreichbarkeit oder unbezahlte Überstunden sind auch bei modernen Formen wie Homeoffice oder mobilem Arbeiten erkennbar. Zumeist fehlen Regeln, um tatsächlich neue Freiräume zu schaffen.Aber die Arbeitszeitfrage betrifft nicht nur den Gesundheitsschutz. Es besteht Konsens, dass mit der zunehmenden Digitalisierung ein enormer Bedarf an Qualifizierung und individueller Kompetenzentwicklung verbunden ist, um berufliche Mobilität zu ermöglichen. Viele Beschäftigte – insbesondere mit geringen Einkommen – stellen sich die Frage, wie berufliche Weiterbildung organisiert und finanziert werden kann. Insbesondere vor diesem Hintergrund erhält die Flexibilitätsdebatte einen neuen Stellenwert. Mehr Flexibilität soll Freiräume, nicht zuletzt für Qualifizierungszeiten, ermöglichen. Entscheidend ist die Frage der Konditionen.

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Die Einrichtung von wissenschaftlich begleiteten Experimentierräumen für die Arbeit der Zukunft ist deshalb richtig, solange sie auf einer gemeinsamen Vereinbarung der Tarifvertragsparteien basieren, zeitlich befristet sind und nicht automatisch als Blaupause für andere Branchen oder Betriebe verstanden werden. Außerdem muss ein Monitoring zu den gesundheitlichen Auswirkungen gewährleistet sein. Es geht dabei nicht nur um Arbeitszeiten, sondern um eine Stärkung der Mitbestimmung für eine Neugestaltung der Arbeitsorganisation insgesamt. Das Ziel sollte eine selbstbestimmte(re) Form des Arbeitens sein, die den Beschäftigten neue Spielräume eröffnet, sowohl die Lage der Arbeitszeit als auch die Menge der Aufgaben (besser) mitbestimmen zu können.Die Einrichtung sozialpartnerschaftlicher Experimentierräume entlässt die Politik allerdings nicht aus der Verantwortung, die Flexibilitätsspielräume für alle Beschäftigten zu erweitern. Ein Ansatz ist zum Beispiel der Anspruch auf einen einfacheren Wechsel zwischen Voll- und Teilzeit – das wurde bereits 2013 im Koalitionsvertrag vereinbart. Bis zur nächsten Bundestagswahl ist noch ausreichend Zeit, dieses Ziel umzusetzen.Reiner Hoffmann ist seit 2014 Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

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