Nicht ohne Leidenschaft und Persönlichkeit – Das Phänomen Hochbegabung war Thema beim Herrenhäuser Forum

By   /  December 8, 2016  /  Comments Off on Nicht ohne Leidenschaft und Persönlichkeit – Das Phänomen Hochbegabung war Thema beim Herrenhäuser Forum

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MIL OSI – Source: Volkswagen Stiftung –

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Potential und Bewegung
Ein Filmausschnitt macht deutlich, wie kräftezehrend so ein Auswahlverfahren für alle Beteiligten ist. Auch bei 687 Bewerbungen definieren die Prüfer ihren Anspruch als einen an große Sorgfalt: “Wir prüfen rein, nicht raus – wir suchen Menschen, mit denen wir glauben, arbeiten zu können und zu wollen.” Wo zeichnet sich Potentail ab, was ließe sich wohin entwickeln? Oder, wie ein Prüfer formuliert: “Wo können wir die richtigen Steine lösen, damit etwas in Bewegung gerät?” Es gehe um Gespür, Fertigkeit, Bewusstsein und Klarheit. Aber auch um Professionalität und vor allem um Persönlichkeit. Um Ausstrahlung und darum, berühren zu können.
Lernen und Leistung
Prof. Dr. Christian Fischer lehrt am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Münster und erforscht Begabungen. Er weist in seinem Vortrag auf die Vielfalt des Begabungsbegriffs hin und grenzt diesen ab. “Talent hat eine Person, die möglicherweise einmal Leistungsexzellenz erreichen wird, bei einer Begabung oder Hochbegabung ist dies bereits wahrscheinlich.” Ein Experte habe die Hochleistung bereits erreicht, ein so genannter “Underachiever” sei in der Umsetzung seines Talents beeinträchtigt und brauche Unterstützung. Die Transformation von Begabung in Leistung sei grundsätzlich nicht selbstverständlich, so Fischer: “Dieser Mechanismus heißt Lernen.”
Faktoren und Bedingungen
Dabei könne in eine lange Liste unterschiedlicher Intelligenzen und Talente unterschieden werden, erklärt der Münsteraner Professor. Oft gehe es um Kombinationen: “Beim Fußball ist unter anderem körperlich-kinästhetische Intelligenz wichtig, aber ein Torwart muss zum Beispiel auch antizipieren können.” Eine Theorie erkläre Begabung durch erhöhte Sensitivitäten. “Diese können sensorischer, psychomotorischer, imaginationaler, intellektueller oder emotionaler Natur sein”, führt Fischer aus. Hinzu kämen co-kognitive Faktoren wie Optimismus, Mut oder Leidenschaft. Umwelt- und Persönlichkeitsfaktoren ergänzten sich dabei. Entsprechend ergäben sich daraus Bedingungen für Begabtenförderung: “Lernumgebung, Curriculum und eine Gewichtung von Individual- und Gruppensituationen ermöglichen ein beschleunigtes und vertieftes Lernen.”
Leidenschaft und Ausdruck
Das Podium vereint Lehrende und Begabtenförderer unterschiedlicher Disziplinen. Prof. Titus Georgi lehrt Schauspiel an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover und ist einer der Protagonisten des Films “Die Prüfung”. Er beschreibt die Aufnahmeprüfung als komplexen Prozess: “Nach dem Abhaken von Kriterien wird es schnell subjektiv. Überzeugt mich das? Sehe ich, was ich sehen müsste? Finde ich den richtigen Zugang?” Wesentliche erste Bedingung sei aber ja zunächst, dass jemand die Ausbildung genug will, um sich dem Verfahren auszusetzen. Georgi erläutert: “Da geht es um die Lust, sich vor anderen zu behaupten.” Die müsse man sich selbst erstmal beweisen. Letzlich ist er sich sicher: “Leidenschaft erzeugt Ausdruck – und da fängt die Kunst an.”
Auseinandersetzung und Einlassen
Dr. Lars Göhmann ist Vorstand der proskenion Stiftung in Lingen, die junge Theatermacher fördert und schult. “Unsere Arbeit setzt weit vor einem Vorsprechen an”, erklärt er. Die Erfolgsfaktoren bei Musik und Tanz seien besser untersucht als die beim Schauspiel, wo es wesentlicher um die jeweilige Persönlichkeit gehe. Göhlmann erläutert: “Wir erarbeiten unsere Förderkonzeptionen aus Beobachtungen.” Viele erfolgreiche Schauspieler hätten sich früh als Theatergänger und Amateurdarsteller mit der Disziplin auseinandergesetzt: “Es braucht einen Impuls, sich einzulassen.” Sie hätten außerdem gelernt, sich zu fokussieren und wiesen ein eher zurückhaltendes Medienverhalten auf. Göhmann plädiert für Orte, an denen Kinder auf Künste treffen können: “Es muss außerschulische Räume für Kreativität geben – auch zeitlich.”
Integration und Flexibilität
Dr. Ingmar Ahl ist Vorstand der Karg Stiftung in Frankfurt am Main. Sie fördert hochbegabte Kinder auf allen Gebieten, vor allem durch Lehr- und Schulmodelle. “Die erste Grundschule, in der wir vor 20 Jahren begannen, das integrative Lernen Hochbegabter zu erproben, ist die Grundschule Beuthener Straße in Hannover”, erzählt Ahl. Er hält das Ausbilden metakognitiver Kompetenzen jenseits einer fachlichen Förderung für wesentlich: “Die Idee von Genie, das vom Himmel fällt, ist absurder Kitsch.” Auch für hochbegabte Kinder sei eine möglichst breite Persönlichkeitsentwicklung unverzichtbar. “Das sind ganz normale Kinder, die Darstellung als Nerds und Außenseiter ist ein Klischee”, ärgert sich Ahl. Das Bildungssystem solle in der Lage sein, auf Abweichungen von einer Norm zu reagieren: “Wir müssen lernen, qualifiziert mit Potentialen und Vielfalt umzugehen.”
Sturm und Drang
“Mit der Pubertät kam die Musik wie ein Sturm über mich”, erinnert sich Prof. Martin Brauß. Er ist Direktor des Instituts zur Frühförderung musikalisch Hochbegabter an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Die Faszination für Fußball sei plötzlich dem Drang gewichen, zu musizieren. Auch Brauß hält Leidenschaft für ein wesentliches Kriterium. “Talent ist hingegen nicht messbar, es zeigt sich”, glaubt Brauß. Sein Institut wolle Talente schützen: “Nicht vor den Medien oder der Popmusik, sondern vor Perfektionismus und Einsamkeit.” Es sei wichtig, der Leidenschaft ihren Lauf zu lassen, ohne gleich an Karrieren zu denken. Oft kämen musikalische Talente aus vorgeprägten Elternhäusern. Kinder zu fördern, denen ein solcher Rahmen nicht geboten werde, sei aber umso wichtiger: “Oft können sich solche Kinder nicht einmal leisten, ein Klavier zu leihen.”
Sinn und Tiefe
In der Musik seien Übungsstunden als Kind zwar eine Voraussetzung für spätere Höchstleistungen, führt Prof. Martin Brauß aus. “Aber das funktioniert nur, wenn man Freude dabei hat”, ergänzt er. Mit zwölf Jahren seien hochbegabte Kinder oft schon Experten. “Aber danach muss sich die Persönlichkeit entwickeln, sonst ist der Rest verloren”, so Brauß. Auch könnten Sinn und Leidenschaft durch soziale Reibungsverluste eingebüßt werden. Am Beispiel der eigenen Tochter, die sich kein Leben ohne das Klavierspiel vorstellen könne, führt Brauß aus: “Hochbegabte müssen mit einer Welt klarkommen, die eine solche Tiefe oft nicht kennt oder will. Da dürfen wir die Kinder nicht alleine lassen.”
Thomas Kaestle

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