Anleihen: Das Jahr der Zinswende

By   /  December 23, 2016  /  Comments Off on Anleihen: Das Jahr der Zinswende

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MIL OSI – Source: Boerse Frankfurt –

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23. Dezember 2016. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Es war das Jahr der großen politischen Überraschungen: erst das Brexit-Votum im Juni, dann der Sieg von Donald Trump bei den US-Wahlen im November und zuletzt das “Nein” der Italiener zur Verfassungsreform. Jedes Mal war dem Termin entgegen gefiebert worden, Crash-Szenarien kursierten – doch es kam anders.
“Es ist schon erstaunlich, wie stabil sich der Markt trotzdem gezeigt hat”, kommentiert Arthur Brunner von der ICF Bank. Er führt das vor allem auf die EZB, deren Nullzinspolitik und Anleihekaufprogramm zurück. “Für den Markt ist das zwar gut, die Kurse spiegeln aber die Risiken nicht mehr wider”, meint der Händler. “Früher hat die Bundesbank den Markt reguliert, heute wird der Markt von der EZB manipuliert”, kommentiert Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank.
Staaten und Unternehmen profitieren
Der neue Kurs der EZB sorgte in diesem Jahr auch für ein Novum: Negativzinsen für Bundesanleihen – und das bis in die hohen Laufzeitenbereiche hinein. Im Tief fiel die Rendite für zehnjährige deutsche Staatsanleihen im Juli auf minus 0,193 Prozent. “Die großen Profiteure sind die Staaten, die sich billig refinanzieren können”, bemerkt Daniel. Er sieht aber auch große Risiken: “Das Geschäftsmodell der Banken ist in Gefahr.”
Unternehmen nutzten die Niedrigzinsen rege: “Insgesamt wurden Corporate Bonds mit einem Bruttoemissionsvolumen von 320 Milliarden Euro am Markt platziert und der bisherige Rekord von 319 Milliarden aus dem Jahre 2009 eingestellt”, berichtet Klaus Stopp von der Baader Bank.
Der Deutschen Bahn gelang es im Juli als erstem Unternehmen, eine Euro-Anleihe mit einem Nullprozent-Kupon und einer Negativrendite bei der Emission zu platzieren. Nullkuponanleihen gab es schon vorher, sie wurden aber unter Pari begeben, so dass sie auf eine positive Rendite kamen. “Für Privatanleger ist das völlig uninteressant”, meint Brunner. “Wer kauft schon eine solche Bahn- oder BMW-Anleihe?” Daher hätten sich viele Privatanleger in diesem Jahr auf Mittelstands- und Währungsanleihen konzentriert.
Emissionsboom bei Corporates
Stopp weist darauf hin, dass BMW 2008 für eine fünfjährige Anleihe noch einen Zins von 8,875 Prozent bieten musste. “Auf eine in diesem Jahr begebene Anleihe mit vierjähriger Laufzeit waren es nur noch 0,125 Prozent.” Das führe inzwischen soweit, dass Unternehmen massiv Schulden aufbauten und Investitionen tätigten, die früher nicht bezahlbar gewesen wären. “So sind die Schulden der DAX-Unternehmen seit der Finanzkrise 2008 um 45 Prozent angestiegen, und es stellt sich die Frage: Wie verkraften diese Unternehmen eine Zinswende?” Ein kräftiger Zinsanstieg würde bei dem einen oder anderen Unternehmen zu einem Gewinneinbruch führen.
Dazu wurden Anleihen mit extrem langen Laufzeiten emittiert. “Das war auch eine Besonderheit in diesem Jahr”, bemerkt Brunner. So platzierte Österreich im Oktober eine 70 Jahre laufende Anleihe und sicherte sich damit das sehr niedrige Zinsniveau für viele Jahrzehnte. Italien, Spanien und Frankreich begaben 50 Jahre laufende Staatsanleihen, Belgien und Irland legten über Privatplatzierungen sogar hundertjährige Bonds auf.
Zinstief durchschrittenDoch mittlerweile scheint das Zinstief durchschritten zu sein: Die US-Notenbank hob am 14. Dezember die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte an, zum zweiten Mal nach dem ersten Zinsschritt im Dezember 2015. Zudem signalisierte sie für 2017 drei weitere Zinserhöhungen. Die Rendite für US-Staatsanleihen mit Laufzeit von zehn Jahren kletterte daraufhin erstmals seit Herbst 2014 wieder über die Marke von 2,6 Prozent, am Freitag liegt sie bei 2,55 Prozent.
Die EZB kündigte am 8. Dezember zwar die Verlängerung ihres Anleihekaufprogramms bis mindestens Ende 2017 an, allerdings wird das monatliche Volumen ab April von 80 auf 60 Milliarden Euro fallen. Doch auch hier sind die Zinsen gestiegen, aktuell werfen zehnjährige Bundesanleihen wieder 0,25 Prozent ab. Der Euro-Bund-Future, der noch im September bei über 168 Punkten lag, fiel unter 160, aktuell sind es 163,19 Punkte. “Einen Crash wird es nicht geben, aber die Zinswende ist da. Europa kann sich den USA nicht entziehen”, meint Brunner.
BrunnerDer Markt trocknet aus
Ein weiteres großes Thema 2016: die rückläufige Liquidität am Anleihemarkt: Durch den Rückzug der Banken aus dem Eigenhandel nach der Finanzkrise und das gewaltige Anleihekaufprogramm der EZB wird es manchmal eng im Bond-Handel. “Vor der US-Wahl war es zum Beispiel unmöglich, Mexiko-Anleihen zu verkaufen”, berichtet Brunner. “Mit der Verlängerung des Anleihekaufprogramms dürfte das noch schlimmer werden.” Auch Daniel zufolge ist es manchmal schwer, Kauforder von Kunden auch umzusetzen. “Die EZB kauft ja alles auf.”
von: Anna-Maria Borse
23. Dezember 2016, © Deutsche Börse AG

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