ETF Magazin: “Wenn weniger mehr ist”

By   /  December 28, 2016  /  Comments Off on ETF Magazin: “Wenn weniger mehr ist”

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MIL OSI – Source: Boerse Frankfurt –

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28. Dezember 2016. München (ETF Magazin). Mehr Risiko gleich mehr Rendite – und vice versa. Das scheint ein eherner Investmentgrundsatz zu sein. Doch nicht immer gilt die Faustregel, beispielsweise dann nicht, wenn das Risiko einer Aktie durch ihre Volatilität definiert wird. Wer sich etwa die Wertentwicklung der Low-Volatility-ETFs ansieht, erkennt, dass fast alle den Markt schlagen. Kein Wunder, dass immer mehr Anleger zu Low-Vola-ETFs greifen. Doch wer von ihrem Erfolg profitieren will, sollte sich mit den Details der Konzepte vertraut machen. Jeder Anbieter verfolgt seinen Ansatz, was im Endergebnis zu unterschiedlichen Rendite- und Risikokennzahlen der ETFs führt.
Gewinn mit Low Vola
Bereits Anfang der 1970er-Jahre konnten US-Ökonomen wie Robert Haugen, James Heins und Myron Scholes empirisch eine starke negative Korrelation zwischen Rendite und Volatilität nachweisen. Weniger Volatilität brachte mehr Rendite. Seitdem haben weitere Forscher diese Ergebnisse bestätigt. Eine der jüngsten Studien kommt von drei Professoren der Londoner Cass Business School. Andrew Clare, Stephen Thomas und Nick Motson verglichen darin die Wertentwicklung eines Investments in die 10 Prozent US-Aktien mit der niedrigsten Volatilität mit der Entwicklung der 10 Prozent Aktien mit der höchsten Volatilität von 1963 bis 2014. Die schwankungsarmen Aktien hätten nach den Berechnungen eine mehr als doppelt so hohe jährliche Rendite gebracht wie die Aktien mit der höchsten Volatilität.
Die Cass-Forscher konstruierten auch ein Portfolio mit den 500 größten US-Aktien, in dem die Aktien umso höher gewichtet wurden, je geringer ihre Volatilität war. Im Zeitraum von 1969 bis 2014 brachte dieses Portfolio durchschnittlich 11,8 Prozent Rendite pro Jahr, gegenüber 10,8 Prozent beim S&P 500-Index. Dabei war die durchschnittliche Volatilität des Sieger-Portfolios sogar noch etwas niedriger als die des S&P 500. Wissenschaftler haben versucht, theoretisch zu begründen, warum Aktien mit niedriger Volatilität mehr Rendite bringen. Ihre Erklärungsansätze sind nicht leicht zu verstehen. Doch vielleicht müssen sie das auch gar nicht, solange die Statistik für Low Vola spricht.
Doch wie werden Low-Volatility-ETFs konstruiert? “Generell lassen sich zwei Ansätze unterscheiden: Low-Volatility- und Minimum-Volatility-Strategien”, erklärt Noel Armec, Professor am EDHEC-Risk Institute. Mit beiden Ansätzen könne eine ähnliche Risikoreduzierung erreicht werden, doch langfristig würden sich Wertentwicklung und Risiko unterscheiden. Low-Volatility-Stragien konzentrieren sich darauf, Aktien mit besonders geringer Volatilität ins Portfolio zu nehmen oder innerhalb einer vorgegebenen Benchmark die Aktien mit geringer Volatilität höher zu gewichten als volatile Aktien. Bei den Minimum-Volatility-Strategien gehe es ebenfalls darum, Aktien mit niedriger Volatilität zu finden, doch werde bei der Zusammenstellung des Portfolios darauf geachtet, dass die Korrelationen zwischen den einzelnen Aktien möglichst niedrig sind.
Vertreter des Low-Volatility-Ansatzes sind die Low-Volatility-ETFs von UBS und State Street (SPDR). Bis Mitte November gehörte auch der Low-Vola-ETF der Deutschen Bank zu dieser Gruppe. Jetzt basiert er auf einem Minimum-Volatility-Index von MSCI. Die Low- Vola-ETFs der UBS orientieren sich ebenfalls an MSCI-Indizes, übernehmen jedoch nur die Aktienliste der Indizes. Die Gewichtung der Titel erfolgt dann gemäß ihrer Volatilität, wobei die Aktien mit der niedrigsten Volatilität am höchsten gewichtet werden.
Der SPDR-S&P-500-Low-Volatility-ETF von State Street Global Advisors ist viel radikaler. Er basiert auf den 500 Titeln des traditionellen S&P 500-Index. Doch in den ETF kommen nur jene 100 Aktien der Benchmark, die in den vergangenen zwölf Monaten die niedrigste Volatilität aufwiesen. Diese werden dann nicht nach ihrem Börsenwert, sondern nach ihrer Volatilität gewichtet. Schwankt eine Aktie nur wenig, ist ihr Anteil im Index besonders groß. Um Klumpenrisiken zu verhindern, darf zwar keine Aktie mehr als 4 Prozent Gewicht im Portfolio erhalten, dennoch wird der ETF von Aktien aus defensiven Branchen dominiert, wie Versorger, Pharma und nicht zyklischer Konsum.
Bei den Minimum-Volatility-ETFs ist die Sektorgewichtung tendenziell etwas ausgewogener, wobei sich auch hier die Branchengewichte mitunter kräftig von denen vergleichbarer traditioneller Indizes unterscheiden, die nach Marktkapitalisierung gewichten. Bei der Portfolio-Komposition der Minimum-Volatility-ETFs von iShares, Ossiam und BNP Paribas wird auch nach Aktien niedriger Volatilität gesucht. Anschließend entscheidet ein mehrstufiger
Optimierungsprozess, welche Aktien ins Portfolio kommen und mit welchen Gewichten.
Radikaler Ansatz
So werden beim BNP-Paribas-Easy-Low-Vol-Europe-ETF zunächst aus einem Universum von 600 europäischen Aktien die 50 bis 100 Aktien mit der niedrigsten Dreijahres-Volatilität selektiert. Bei der anschließenden Optimierung müssen verschiedene Anforderungen erfüllt werden wie etwa ein Mindestmaß an Handelsliquidität. Zudem gelten Höchst- und Mindestgewichte pro Aktie und Branche. Ergebnis ist ein Portfolio, das nach BNP-Angaben in den vergangenen Jahren eine bessere Wertentwicklung als der MSCI-Europe-Index zeigte, allerdings mit einem Tracking Error von etwa vier Prozent.
Im Detail unterschiedlich, aber vom Prinzip her ähnlich funktioniert der Optimierungsprozess bei den Minimum-Variance-ETFs von Ossiam und bei den Minimum-Volatility-ETFs von iShares und der Deutschen Bank. Basis für die iShares- und db-x-trackers-ETFs sind dabei die Low-Volatility-Indizes von MSCI, Ossiam verwendet ein eigenes Konzept. Bei beiden Ansätzen erfolgt die Optimierung unter zahlreichen Nebenbedingungen in Bezug auf Mindest- und Höchstgewichte sowie Korrelation. Ziel der Anstrengungen ist nach Aussage von MSCI ein Portfolio mit dem “niedrigsten Gesamtrisiko” und einer “überlegenen risikoadjustierten Wertentwicklung”, bei der gleichzeitig “ungewollte Wetten auf Länder, Sektoren und Anlagestile vermieden werden”
von Uli Kühn, © Dezember 2016 – ETF MagazinDieser Artikel stammt aus dem aktuellen ETF Magazin.Das ETF Magazin erscheint quartalsweise in Zusammenarbeit mit Focus Money und richtet sich an Berater, Vermögensverwalter und Portfoliomanager, ist aber sicher auch für informierte Anleger interessant.

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