Wirtschaftsdemokratie neu denken

By   /  January 24, 2017  /  Comments Off on Wirtschaftsdemokratie neu denken

    Print       Email

MIL OSI – Source: Rosa Luxemburg Stiftung –

Headline: Wirtschaftsdemokratie neu denken

Die Demokratisierung der Wirtschaft ist ein Projekt, das von der ArbeiterInnenbewegung seit Beginn des 20. Jahrhunderts verfolgt wird. Was von ökonomischer Demokratie erwartet werden kann, welche Formen sie annehmen sollte, wie sie sich durchsetzen lässt, wo ihre Grenzen liegen, in welchem Verhältnis sie zu politischer Demokratie steht war jeweils Gegenstand intensiv geführter Diskussionen in Gewerkschaften und in linken Organisationen. Diese verliefen keineswegs kontinuierlich. Es gibt umfangreiche Erfahrungen mit etablierten Praktiken und innovativen Suchprozessen: Rätedemokratie, Selbstverwaltung, Genossenschaften, Kooperativen, öffentliche Unternehmen, Praktiken der solidarischen Ökonomie oder Formen der betrieblichen und unternehmerischen Mitbestimmung. Viele dieser Experimente wurden abrupt durch politische Gewalt beendet, konnten sich im Alltag gegen übermächtige Verhältnisse nicht behaupten oder das Interesse an ihnen ging zurück. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass sich die Suche nach solchen subpolitischen Möglichkeiten, die ökonomische Stellmacht kapitalistischer Gesellschaften zu verändern, immer wieder erneuert, es immer wieder neue Anstöße gibt, Demokratie auch in der materiellen Produktion des Lebens selbst zur Geltung zu bringen.Das Konzept der Wirtschaftsdemokratie, das den gewerkschaftlichen Vorstellungen nach zum Sozialismus führen sollte, schrumpfte angesichts des anhaltenden Widerstands der Kapitalseite auf die Institutionen der Mitbestimmung. Auch um diese mussten vielfach Kämpfe geführt werden, immer wieder stand sie von den Wirtschaftsverbänden und Unternehmen unter Beschuss. In jüngerer Zeit ist ein neues Interesse an Fragen der Wirtschaftsdemokratie erwacht. In den Gewerkschaften und ihrem Umfeld entstanden neue Diskussionen, die Partei Die LINKE tritt für Wirtschaftsdemokratie ein. Die Tagung zielt darauf ab, historische Erfahrungen mit der Wirtschaftsdemokratie zu rekapitulieren und die Möglichkeiten ihrer Erneuerung und Weiterentwicklung zu durchdenken. Im Zentrum stehen aktualitätsbezogene Fragen und strategische Gesichtspunkte. Dazu gehört, dass die Begrenzung auf den Bereich der industriellen Produktion überwunden wird. Es geht um eine Ausdehnung demokratischer Entscheidungsprozesse auch auf die Bereiche der Dienstleistung, auf Innovationsprozesse und Industriepolitik ebenso wie um Fragen der Konversion von Unternehmen und Branchen oder die Neugliederung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Das Feld der Diskussion erweitert sich in Richtung neuer Produktivkräfte oder Dienstleistungen: Wem gehören die Daten im Internet der Dinge oder in den Smart Cities, wer kann darüber verfügen und wozu? Wer bestimmt darüber, welche Bedürfnisse in der Pflege mit welchen Ressourcen realisiert werden? Wie kann ein Strukturwandel in Braunkohlenregionen demokratisch organisiert werden? In der Krise nach 2008 haben die Prozesse in vielen Gesellschaften, in Griechenland, Spanien, Ägypten oder den USA gezeigt, dass sich in den neuen Demokratiebewegungen räteartige Strukturen auf den Plätzen, in den Versammlungen, in den Nachbarschaften herausbilden und transversale Solidarstrukturen wechselseitiger Hilfe entwickeln. Wieder einmal wurde deutlich, dass, wenn die Möglichkeit besteht, sofort Prozesse der Demokratisierung des materiellen Lebens von unten her einsetzen. Die Konferenz zielt darauf, sich dieser Erfahrungen zu vergewissern, die Möglichkeiten einer Vertiefung demokratischer Prozesse auszuloten und zur Erneuerung des Verständnisses von wirtschaftsdemokratischen Konzepten beizutragen.
Programm:
18-21.00 Wirtschaftsdemokratie in Zeiten der Digitalisierung* Paul Mason (Kolumnist und Autor, London): Sozialisiert die Daten – We can’t allow the tech giants to rule smart cities* Bernd Riexinger (Co-Vorsitzender Die LINKE, Stuttgart/Berlin): Perspektiven sozialistischer TransformationModeration: Barbara Fried (Rosa-Luxemburg-Stiftung)10.00-12.30 Wirtschaftsdemokratie revisitedBegrüßung: Alex Demirović (Rosa-Luxemburg-Stiftung)* Heinz Bierbaum (Die LINKE, Saarbrücken): Ein bisschen mixed Economy oder sozialistische Transformation?* Ulla Lötzer (Die LINKE, Essen): Wirtschaftsdemokratie und sozial-ökologische Transformation  * Alexandra Scheele (Uni Bielefeld): Autonomie, Angewiesenheit, Emanzipation – Soziable Arbeit als Perspektive feministischer ArbeitsforschungModeration: Alex Demirović (Rosa-Luxemburg-Stiftung)Mittagspause13.15-15.30 Das Einfache, das schwer zu machen ist – alternative Konzepte der Demokratisierung der Wirtschaft* Krunoslav Stojakovic (Büro-Leiter Rosa-Luxemburg-Stiftung, Belgrad): Die jugoslawische Erfahrung* Harald Wolf (SOFI, Göttingen): Autonomie der Arbeit und Selbstverwaltung – zwischen Revolution und Vereinnahmung* Felix Klopotek (Redakteur und Autor, Köln): Die Schranken des Betriebs zerbrechen! Arbeiterräte als Kern gesellschaftlicher SelbstverwaltungModeration: Gabi Oertel (Neues Deutschland)Kaffeepause16.00-18.00 Demokratische Subjekte* Richard Detje (WissenTRansfer, Hamburg): Stimmung in den Betrieben, exklusive Solidarität und Perspektiven der Wirtschaftsdemokratie* Helmut Martens (Dortmund): Gegen die „marktkonforme Demokratie“. Für eine Demokratisierung von Arbeit und WirtschaftModeration: N.N.Pause19.00-21.00 2040 vs 2025: Regionale Räte und Strukturwandel in Braunkohleregionen – ein Streitgespräch* Sabrina Schulz (E3G, Berlin)* Gerd Rosenkranz (agora Energiewende, Berlin)Moderation: Tadzio Müller (Rosa-Luxemburg-Stiftung)10.00-12.00 Innovation und Demokratie* Roland Atzmüller (Linz): Demokratisierung der beruflichen Qualifikation* Sabine Pfeiffer (Hohenheim): Demokratisierung von InnovationModeration:  Sabine Nuss (Rosa-Luxemburg-Stiftung)Mittagspause13.00-15.00 Demokratisierung sozialer Dienstleistungen und Infrastrukturen* Thomas Händel (GUE/NGL): Eine sozial-ökologische  und demokratische Industrie- und Dienstleistungspolitik für Europa* Martin Beckmann (ver.di): Mitbestimmung und Wirtschaftsdemokratie im Dienstleistungssektor* NN.: Pflegeräte – Partizipation und neue Pflege- und GesundheitsstrukturenModeration: Barbara Fried (Rosa-Luxemburg-Stiftung)Kaffeepause15.30-18.00 Plan C – Institutionen aufbrechen, Institutionen ausbilden. Über Macht, Ökonomie und Staat* Margit Mayer (FU-Berlin): Right to the City und die neuen Demokratie-Bewegungen* Christos Giovanopoulos (Hub for Social Economy, eh. Solidarity4all, Athen), von Solidarstrukturen zu solidarischer Infrastruktur. Über materielle Macht und Demokratie* Georgia Bekridaki (solidarity economy group of Solidarity4All), The Solidarity Economy Forum* Montserrat Galcerán Huguet (Ahora Madrid): Rebel Cities, Rekommunalisierung und PartizipationModeration: Mario Candeias (Rosa-Luxemburg-Stiftung)

    Print       Email

You might also like...

Zweiter Wettkampftag bringt die ersten Medaillen für Team D

Read More →