Hüfners Wochenkommentar: “Die Trump'sche Wachstumsillusion”

By   /  January 27, 2017  /  Comments Off on Hüfners Wochenkommentar: “Die Trump'sche Wachstumsillusion”

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MIL OSI – Source: Boerse Frankfurt –

Headline: Hüfners Wochenkommentar: “Die Trump'sche Wachstumsillusion”

26. Januar 2017. MÜNCHEN (Assenagon). Noch ist es zu früh, sich ein endgültiges Urteil über die Wirtschaftspolitik der neuen amerikanischen Administration zu bilden. Aber eines kann man jetzt schon sagen. Von dem jahrelangen Jammern über rückläufige Wachstumsraten hört man mit einem Mal nichts mehr. Im Gegenteil. Die Prognosen werden nach oben revidiert. Manche sprechen schon davon, dass die US-Wirtschaft in den kommenden Jahren wieder um 3 Prozent bis 4 Prozent p. a. expandieren könnte. Säkulare Stagnation (“Secular Stagnation”) scheint kein Thema mehr zu sein.
Das wäre eine Trendwende. Die Grafik zeigt, wie sich das Wachstum in den USA in den letzten 60 Jahren kontinuier-lich verringert hat. Von 1950 bis 1980 betrug es im Schnitt noch 4,1 Prozent p. a. Bis zur Jahrtausendwende ging es auf 3,3 Prozent zurück. Seit dem Jahr 2000 beträgt es nur noch 1,9 Prozent . 2016 waren es sogar lediglich magere 1,6 Prozent . Manch einer fürchtete, dass wir am Ende bei Stagnation landen könnten. Die Entwicklung verläuft in anderen Industrieländern ähnlich.
Langsameres Wachstum
Quelle: Fred

Hat es der neue amerikanische Präsident geschafft, diesen Trend zu brechen? Das wäre ein positiver Kontrapunkt zu den vielen Themen, die derzeit an der Trump’schen Wirtschaftspolitik kritisiert werden. Schauen wir uns das genauer an.
Die neue Wirtschaftspolitik besteht aus einem Bündel von ganz unterschiedlichen Maßnahmen, die eines gemeinsam haben: Sie sollen Jobs schaffen. Dazu gehört eine atmosphärische Verbesserung des Geschäftsklimas, wie sie an allen Indikatoren erkennbar ist. Hinzu kommen Steuersenkungen, Infrastrukturinvestitionen, Deregulierung und natürlich Protektionismus und eine Begrenzung der Einwanderung. Per Twitter will der Präsident auf einzelne Unternehmen Einfluss nehmen.
All das bringt kurzfristig zweifellos zusätzliche Impulse für die Wirtschaft. Das Sozialprodukt wird in diesem Jahr stärker steigen. Da sind sich alle Beobachter einig. Ich zweifle jedoch, dass das so bleiben wird. Denn die Kapazitäten sind weitgehend ausgelastet. Mehr Nachfrage wirkt sich unter diesen Umständen mehr in höheren Preisen aus als in realer Produktion. Die Zinsen steigen, was das Wachstum belastet.
Es kommt aber noch schlimmer: Nicht nur wird das reale Wachstum nicht steigen. Es wird langfristig im Gegenteil zurückgehen, vermutlich sogar stärker als das bisher der Fall war. Hier sechs Gründe dafür.
“Ob am Ende mehr Jobs
geschaffen werden, ist unsicher.” weiter
Erstenswird sich das Bevölkerungswachstum verringern, wenn der neue amerikanische Präsident gegen die Zuwan-derung aus Mexiko und anderen Ländern vorgeht. Das zu-nehmende Arbeitskräftepotenzial war bisher immer eine wichtige Quelle des US-Wachstums.
Zweitenswirkt sich der angekündigte Protektionismus negativ aus. Die Exporte leiden unter Gegenmaßnahmen der Partner. Produktivitätsvorteile durch die internationale Ar-beitsteilung gehen verloren. Auch der internationale Wettbewerbsdruck auf die amerikanischen Unternehmen wird sich verringern. In der Vergangenheit hat sich so etwas immer negativ auf die Produktivität ausgewirkt.
Drittenssind die punktuellen Eingriffe des Präsidenten in Entscheidungen einzelner Unternehmen kontraproduktiv. Wenn Ford beispielsweise die Herstellung einzelner Wagen nicht nach Mexiko verlagert, sondern stattdessen in den USA produziert, dann ist das vermutlich mit höheren Kosten verbunden und damit mit weniger Produktivität.
Viertenswirkt sich auch die Priorität für die Sicherung bestehender Arbeitsplätze negativ auf das Wachstum aus. Denn dadurch werden Möglichkeiten von Rationalisierungen und Strukturwandel nicht wahrgenommen, die die Produktivität erhöhen könnten.
Fünftenssind direkte Eingriffe des Präsidenten in einzelne Unternehmensentscheidungen generell nicht hilfreich. Das ist keine Marktwirtschaft mehr, in der Unternehmen und Verbraucher darüber entscheiden, was, wie und wo produziert wird. Es ist – zumindest im Ansatz – eine gelenkte Wirtschaft, die erfahrungsgemäß nie so gut funktioniert. Ganz abgesehen davon erhöhen solche Twitter-Meldungen die Unsicherheit der Unternehmen. Sie können nicht mehr langfristig planen und werden weniger investieren.
Sechstensist auch die Konzentration des Präsidenten auf die “alten” Industrien und auf große Unternehmen für das Wachstum nicht hilfreich. Der große Vorteil der USA bei den “neuen” Industrien im Silicon Valley und bei dynamischen kleinen “Techs” könnte verloren gehen.
Insgesamt wird sich das reale Wachstum der Wirtschaft durch die Trumponomics entgegen allen Vorhersagen also nicht erhöhen, jedenfalls nicht auf längere Sicht. Die Perspektive säkularer Stagnation wird nicht verschwinden. Ob am Ende mehr Jobs geschaffen werden, ist unsicher. Es wird nur dann der Fall sein, wenn das Produktivitätswachstum stärker zurückgeht als das Wirtschaftswachstum.
Für den Anleger
Die amerikanischen Aktienmärkte haben die neue Wirt-schaftspolitik von Trump am Anfang gefeiert. Sie scheinen ihr immer noch positiv gegenüberzustehen, auch wenn die ursprüngliche Euphorie abebbt. Wenn meine Argumente richtig sind, dann wird der Aktienmarkt auf Dauer nicht von einem Präsidenten Trump profitieren. Es wird zwar nicht zu einem Crash kommen, wie das der Investor George Soros erwartet. Die Gewinne werden jedoch langsamer zunehmen. Das wirkt sich negativ auf die Kurse aus.
26. Januar 2017, © AssenagonDr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem “Europa – Die Macht von Morgen” (2006), “Comeback für Deutschland” (2007), “Achtung: Geld in Gefahr” (2008) und “Rettet den Euro!” (2011).

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem “Europa – Die Macht von Morgen” (2006), “Comeback für Deutschland” (2007), “Achtung: Geld in Gefahr” (2008) und “Rettet den Euro!” (2011).

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