Baader Bond Markets: “Teure Scheidung vom Kontinent “

By   /  February 11, 2017  /  Comments Off on Baader Bond Markets: “Teure Scheidung vom Kontinent “

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MIL OSI – Source: Boerse Frankfurt –

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10. Februar 2017. MÜNCHEN (Baader Bank). Das hatten die populistischen Befürworter des Brexits vor dem Referendum der Briten über den EU-Austritt am 23. Juni vergangenen Jahres wohl übersehen – oder ganz bewusst verschwiegen: Bis zu 60 Milliarden Euro könnte die EU-Kommission von London aus gemeinsam eingegangenen Verpflichtungen fordern. Der Brexit könnte Großbritannien also teuer zu stehen kommen. Bei den Forderungen zwischen 40 und 60 Milliarden Euro geht es insbesondere um Haushaltsverpflichtungen aus dem siebenjährigen, mittelfristigen Finanzrahmen der EU, der bis 2020 läuft und den Großbritannien mitgetragen hat. Hierbei handelt es sich unter anderem um Pensionslasten für britische EU-Mitarbeiter sowie um Kosten, die im Zusammenhang mit Strukturprojekten oder z. B. dem Rettungsprogramm für Irland stehen und die auch nach dem EU-Austritt noch fällig wären.
Für Brüssel ist das ein zentrales Thema für die anstehenden Brexit-Verhandlungen. Denn, wenn London nicht zahlen würde, wären die 27 bleibenden Länder gezwungen, die Rechnung zu übernehmen.
Das Brexit-Gesetz ist am Mittwoch in die entscheidende Abstimmung im britischen Unterhaus gegangen. Dabei hat sich Premierministerin Theresa May die Zustimmung für den Austrittsantrag von der EU geben lassen. Der Chef der oppositionellen Labour-Partei, Jeremy Corbyn, hatte die Abgeordneten seiner Partei unter Fraktionszwang zugunsten des EU-Austritts gesetzt. Labour wolle aber versuchen, Änderungen am Gesetzestext vorzunehmen, um sich Einfluss auf die Brexit-Verhandlungen mit der EU zu sichern. Brexit-Staatssekretär David Jones versprach zwar, dass das britische Parlament über ein Abkommen mit der EU am Ende der zweijährigen Austrittsverhandlungen abstimmen dürfe, eine Ablehnung werde dann aber nicht zu Nachverhandlungen führen.
Premierministerin May kündigte an, sie werde gleich zu Verhandlungsbeginn mit der EU versuchen, eine Regelung für die Rechte von EU-Bürgern in Großbritannien und für Briten in der EU zu finden. In Schottland stößt die Entscheidung für den Brexit indessen weiter auf Ablehnung. Das Regionalparlament in Edinburgh votierte in einer Protestabstimmung mit 90 zu 34 Stimmen gegen das Brexit-Gesetz der britischen Regierung. Die schottische Regierung hatte zu der Abstimmung aufgerufen, obwohl diese keine rechtliche Relevanz hat.
Zitterpartie in Athen um Beteiligung des IWF
Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die europäischen Geldgeber bewegen sich im Streit um das dritte Rettungspaket für das krisengeschüttelte Griechenland aufeinander zu. Die Lücke zwischen den Ansichten werde kleiner, sagte IWF-Europadirektor Poul Thomsen. Eine Übereinstimmung in allen Punkten ist aber noch nicht in Sicht.
Der IWF ist zwar nach wie vor der Ansicht, dass Griechenland ohne eine größere Schuldenentlastung nicht in der Lage sein wird, sich aus eigener Kraft wieder zu berappeln. Aber offenbar trägt hier die Sturheit von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) Früchte, der erklärt hatte, ohne IWF-Beteiligung könnte die europäische Griechenland-Hilfe sogar komplett beendet werden. So kann sich der Fonds offenbar inzwischen vorstellen, unter bestimmten Voraussetzungen einen Überschuss von 3,5 Prozent für eine begrenzte Zeit als nachhaltig zu betrachten. Bisher hatte der IWF einen Überschuss von 1,5 Prozent propagiert, sonst würde man die Konjunktur in Hellas abwürgen. Die jetzige Annäherung kann als Signal gewertet werden, dass der IWF eventuell beim dritten Rettungspaket doch mit dabei sein wird. Man muss es nur noch gesichtswahrend formulieren.
Besonders Deutschland hat immer wieder betont, dass eine Zustimmung für das dritte Rettungspaket von der Beteiligung des IWF abhänge. Der IWF dagegen fordert seit Langem einen Schuldenschnitt, den die Eurogruppe ablehnt. Denn damit wären Steuergelder für Athen unwiderruflich verloren.
“Währungsfonds nähert sich vorsichtig der Position der europäischen Geldgeber an.”  Helfen könnte auch, wenn es der Regierung in Athen endlich gelingen würde, ihre Steuereinnahmen zu erhöhen und auf eine breitere Basis zu stellen, wie der IWF nun fordert. Noch immer zahlen 60% der griechischen Haushalte keine Einkommensteuer. Außerdem gehe es darum, faule Kredite bei den Banken massiv zu reduzieren, um wieder mehr Geld an Unternehmen verleihen zu können. Derzeit tut sich Griechenland schwer damit, eine funktionierende Steuerfahndung zu etablieren und das Eintreiben bereits festgestellter Steuerschulden zu optimieren. Hier sehen einige der IWF-Direktoren die Möglichkeit, den höheren Haushaltsüberschuss zu erzielen. Griechenlands Schulden hatten 2016 laut IWF 183 Prozent des Bruttoinlandsproduktes erreicht. Die Maastricht-Verträge der EU erlauben 60 Prozent.
“Hellas muss seine Steuereinnahmen erhöhen.”  
Fed muss abspecken
Vor vielen Jahren, als die Finanzwelt noch in Ordnung war, interessierten sich nur wenige Analysten für die Bilanzsummen der einzelnen Notenbanken. Aber zur Stabilisierung der Finanzmärkte haben die Währungshüter während der Weltfinanzkrise und teilweise bis zum heutigen Tag massiv interveniert. Infolge der selbst auferlegten Ankaufprogramme sind die Bilanzen der Zentralbanken angeschwollen und es ist nun an der Zeit, diesem Trend ein Ende zu setzen.
In den USA spricht man in diesem Zusammenhang von einer Mammutaufgabe, die es zu stemmen gilt. Obwohl von offizieller Seite immer wieder das Ende der Ankäufe durch die US-amerikanische Notenbank (Fed) betont wird, so wird dabei stets verschwiegen, dass Fälligkeiten und Zinszahlungen unmittelbar reinvestiert werden. Doch auf diesem Wege wird das Investitionsvolumen nicht reduziert und somit schrumpft auch die Bilanzsumme von aktuell ca. 4,5 Billionen US-Dollar nicht auf ein vertretbares Niveau. Würde man auf eine Reinvestition verzichten, so könnten nach Commerzbank-Berechnungen in den kommenden fünf Jahren mittels Fälligkeiten Bestände in Höhe von ca. 1,5 Billionen US-Dollar abgebaut werden. Dadurch wäre ein Niveau erreicht, das von vielen Kapitalmarktexperten als sinnvoll und vertretbar angesehen wird. Doch noch vor Ausbruch der weltweiten Finanzkrise in den Jahren 2007/2008 addierten sich die Positionen der Fed auf lediglich 800 Milliarden US-Dollar, was allerdings angesichts der wachsenden Wirtschaft nicht mehr als Gradmesser herangezogen werden kann. Sollte der Abbau der eigenen Positionen nicht so abrupt vonstattengehen, so wird der Bilanzabbau noch etliche Jahre dauern.
“Anstieg der Bilanzsumme seit der Finanzkrise auf mehr als das Fünffache”  
Die Frage ist also inzwischen nicht mehr ob, sondern wann damit begonnen wird. Hierbei erwarten viele Marktteilnehmer – trotz anstehender Zinserhöhungen – einen Start Anfang des kommenden Jahres. Zu diesem Zeitpunkt wird auch geklärt sein, wer für die nächsten Jahre der Fed vorstehen und die US-amerikanische Geldpolitik prägen wird. Denn der Vertrag von Janet Yellen wird im Januar 2018 auslaufen, und momentan gilt es als unwahrscheinlich, dass eine weitere Amtszeit vom neuen US-Präsidenten gewünscht wird. “Mammutaufgabe für Yellen-Nachfolger”  
In den noch verbleibenden Monaten wird das Augenmerk der Fed-Präsidentin sicherlich auf die konjunkturelle Entwicklung der USA gerichtet sein, um gegebenenfalls zur Jahresmitte mit Zinserhöhungen einzugreifen. Dies würde allerdings fallende Kurse der angekauften US-Staatsanleihen und normalerweise Abschreibungen nach sich ziehen. Doch nicht so in den USA. Hier wurde bereits vor Jahren eine Klausel eingebaut, die es der Fed erlaubt, die Verluste der einzelnen regionalen Zentralbanken als eine Verbindlichkeit gegenüber dem Finanzministerium zu buchen, anstatt gegen das eigene Fed-Kapital. Im Notfall muss man sich eben nur zu helfen wissen.
“Auch Notenbanken können tricksen”  

Target2-Salden mit neuem Rekord Manche Ökonomen bezeichnen es als “Kapitalflucht nach Norden”, was da an der Entwicklung der so genannten Target2-Salden ablesbar ist. So sind die Forderungen der Deutschen Bundesbank an die Europäische Zentralbank (EZB) im Rahmen des Zahlungssystems Target2 von Ende Dezember 2016 bis 31. Januar diesen Jahres um 42 Milliarden Euro auf den Rekordwert von 796 Milliarden Euro geklettert. Dieser Trend besteht seit 2014 und spiegelt im Kern die Anleiheankäufe der EZB wider.
“Positiver Rekordwert für Deutsche Bundesbank”
Innerhalb des Target2-Systems stehen hohe Verbindlichkeiten der südeuropäischen Länder den Forderungen weniger anderer Länder, Deutschland, Niederlande und Finnland, gegenüber. Target2-Salden sind Ausdruck der Zahlungsbilanz, die im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr innerhalb der Eurozone entstehen. Fließt dem Bankensystem einer Volkswirtschaft der Eurozone mehr Zentralbankgeld über das Target2-System zu als abfließt, entsteht ein positiver Saldo. Sofern mehr Zentralbankgeld abfließt, baut sich ein negativer Target2-Saldo auf. Die Target2-Salden zeigen, dass damit die Banken in Südeuropa zwar liquide gehalten werden, die Ungleichgewichte in Euro-Land aber immer größer werden. Wirtschaftliche Probleme werden lediglich mit einer immensen Geldflut durch das Anleihe-Ankaufprogramm der EZB überdeckt. “Hohe Verbindlichkeiten der südeuropäischen Länder”  
Wenn man so will, steckt dahinter der wahre Kern, den Donald Trump meint, wenn er von Währungsmanipulationen durch die EZB redet. Denn durch die Flutung der Märkte mit Zentralbankgeld sorgt die EZB für einen permanent unterbewerteten Euro, den andere als Mittel des Exportkrieges wahrnehmen könnten.
“Der “wahre Kern” von Trumps Kritik”  
Sofern ein Land nun die Euro-Zone verlassen will, muss es seine Verbindlichkeiten im Rahmen des Target2-Systems vorher begleichen. Aus diesem Grund käme Italien oder Frankreich ein Austritt extrem teuer. EZB-Präsident Mario Draghi hat darauf laut Reuters erst vor kurzem in einem Brief an zwei italienische Europa-Abgeordnete hingewiesen.
“Euro-Austritt für Südländer würde teuer werden”  

Neues ‘Tatort‘-Team in Washington?Seit seinem Amtsantritt treibt D. T., der Unberechenbare, mit seinen Tweets und Dekreten die Weltöffentlichkeit vor sich her. In Medien und Talkshows versucht man ebenso wie in der Wirtschaftswelt die kurzatmigen Äußerungen des neuen US-Präsidenten zu interpretieren. Dabei sorgen sie wohl genau für jene Unruhe, die der rechtsgerichtete Chefberater von Trump, Steve Bannon, im Sinn hat, wenn er gegen die von ihm zum Feind erklärten Eliten hetzt. “Trump hält die Welt in Atem”  
10. Februar 2017, © Baader Bank AG

Über den Autor
Klaus Stopp ist Head of Market Making Bonds der Baader Bank.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.

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