“Stasi weg – Bürgerschreck” – Die Parolen der Revolution

By   /  February 21, 2017  /  Comments Off on “Stasi weg – Bürgerschreck” – Die Parolen der Revolution

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MIL OSI – Source: Bundeszentrale fur politische Bildung –

Headline: “Stasi weg – Bürgerschreck” – Die Parolen der Revolution

Rufe und Transparente aus der Zeit der Friedlichen Revolution in der DDR im Herbst 1989. Landesweit vom MfS dokumentiert und nach Themen geordnet. Eine komplette Stasi-Akte zum Nachlesen.Dass die meisten Demonstrierenden im Herbst 1989 nur auf Wortgewalt setzten und nicht wie befürchtet, auf eine gewaltsame “Konterrevolution”, beschäftigte auch das MfS. Es ließ ca. ab Mitte Oktober ’89 Demonstrationen gewähren und beobachte sie nur – und erfasste die Parolen.
Leipziger Anti-Stasi-Parole Ende Oktober 1989 (&copy Merit Schambach / www.wir-waren-so-frei.de)Die zentrale Auswertungs- und Informationsstelle des Ministeriums für Staatssicherheit (ZAIG) fasste alle in der DDR von Stasi-Informanten notierten Rufe und Transparente in einer handschriftlichen Dokumentation zusammen (BStU, MfS, ZAIG 17084). Darin sind auf 85 Seiten Parolen notiert, wie beispielsweise: “Erst Stasi abbauen, dann wächst Vertrauen!”, “Kein Personenkult mehr!”, “Politik ab jetzt öffentlich!”, “Mehr Demokratie als Hierarchie!”, “Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser!”, “Mauer ins Museum!” und “Die Zeit des Schweigens ist vorbei”.
Stasimitarbeiter und IM hatten die Slogans der DDR-Demokratiebewegung entweder bei Demonstrationen vor Ort notiert oder vom Fernsehbildschirm abgeschrieben, so am 4.11.89 bei der damals größten Kundgebung der Opposition in der DDR auf dem Ostberliner Alexanderplatz, die live im DDR-Fernsehen übertragen wurde. Ein MfS-Mitarbeiter übertrug sie dann handschriftlich in die blaue Aktenmappe mit der Kennziffer ZAIG 17084. Die größte Vielfalt wurde bei Parolen gegen die SED und ihr Machtsystem, gegen einzelne Politiker und gegen die Stasi registriert, darüber hinaus bei Forderungen nach Demokratie, freien Wahlen und für die Zulassung oppositioneller Gruppen.
Auch Schimpfwörter wurden notiert: Die Stasi als “Bürgerschreck” und “Faules Pack”. Diese Protestslogans aus dem Herbst 1989 zum Thema Staatssicherheit stammen aus dem Raum Meiningen und Suhl. (&copy BStU, MfS, ZAIG 17084)Die Orte, in denen der Stasi Parolen erstmals auffielen, sind mit Bleistift hinter den in blauer Tinte protokollierten Slogans notiert. So wurde am 21.10.89 erstmals eine Forderung nach Wiedervereinigung in Plauen festgestellt. In Bitterfeld fielen am 31.10.89 ausländerfeindliche Sprüche inmitten der Demonstrierenden auf (“Schwarze raus aus der DDR”) und in Meißen hieß es am 14. November 89 analog zur russischen Oktoberrevolution 1917: “Es lebe die Oktoberrevolution 1989!”.
In folgende Kapitel hat das MfS die Parolen geordnet, die im Oktober und November 1989 von MfS-Zuträgern wahrgenommen wurden:
– Aufforderung zum Dialog (36 notierte Parolen)- Gegen Privilegien (12)- Misstrauen gegen Staat und Partei (84)- Forderungen nach gesellschaftlicher Kontrolle staatlicher Entscheidungen (20)- Gegen Einzelpersonen (81)- Forderungen nach Bestrafung von Verantwortlichen (43)- Gegen die Wahl von Egon Krenz als Nachfolger von Staats- und Parteichef Erich Honecker ()- Für die Weiterführung begonnener Veränderungen (38)- Ablehnung des von der SED angebotenen Dialogs (4) Transparent in Leipzig im November 1989 (&copy Holger Kulick)- Für die Zulassung (antisozialistischer) Bewegungen (54)- Allgemeine Forderungen nach Demokratie, Reformen und Umgestaltung (59)- Volksvertretungen/Staatsapparat (7)- Rechtsstaatlichkeit (20)- In Kirchen notierte Parolen (26)- Wahlrechtsreformen und Neuwahlen (67)- Reisefreiheit (26)- Reaktion auf Reiseerleichterungen (9)- Demonstrationsfreiheit (14)- Veränderungen der Medienpolitik (13)- Forderungen nach Trennung von Partei und Staat (141)- Ablehnung bestehender Organisationen wegen ihrer Abhängigkeit von der SED (13)- Bündnispolitik zur Sowjetunion (4)- Auflösung MfS (126) Zum Thema Stasi wurden im Herbst 1989 auch diese Protestsprüche vom MfS in Suhl verzeichnet: “Volksfreiheit statt Staatssicherheit”, “Stasi unter parlamentarische Kontrolle!” oder “Ihr wollt Vertrauen – gebt uns Vertrauen!”. (&copy BStU, MfS, ZAIG 17084)- Gegen Grenzsicherung und Mauer (31)- Wiedervereinigung (14)- Bildungspolitik (20)- Jugendpolitik (2)- Städtebau (7)- Umweltschutz (25)- Gesundheitswesen (6)- Abrüstung (20)- Ökonomische Forderungen (21)- Gegen Leistungsdruck (1)- Valuta-Devisen (6)- Aufforderung zum Verbleiben in der DDR (12)
– Solidarisierung mit oppositionellen Gruppierungen in sozialistischen Nachbarstaaten (16)- Aufgreifen von Losungen aus der Geschichte der Arbeiterbewegung (7)- Losungen, die sich an faschistische Parolen anlehnen (12)- Sonstige Losungen (45)Nachfolgend die komplette Akte zum Bättern und Nachlesen – ein zeithistorischer Schatz (22 MB):

Parolen der Friedlichen Revolution in der DDR pdf
Von der Stasi nicht erfasst: Plakat in Leipzig im November 1989 – mit indirekter Aufforderung zur Wiedervereinigung. Richard von Weizsäcker war damals Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland mit Amtssitz in Bonn. (&copy Holger Kulick)

Holger Kulick
Der Journalist Holger Kulick ist seit 2015 Mitarbeiter der Bundeszentrale für politische Bildung. Sein Themenschwerpunkt ist Diktaturforschung, in diesem Zusammenhang hat er das Stasi-Dossier der bpb erstellt: www.bpb.de/geschichte/stasi. Bereits 2006 produzierte er in Kooperation von BStU, WDR und bpb die DVD “Feindbilder – Die Fotos und Videos der Stasi”. Ab 1983 arbeitete er über Deutsch-deutsches für das ZDF-Magazin “Kennzeichen D”, außerdem für ASPEKTE, die Kindernachrichtensendung „logo“ und später für das ARD-Magazin Kontraste. Außerdem mehrere Jahre als Korrespondent für SPIEGEL ONLINE sowie als Autor für mehrere Zeitungen, Filmdokumentationen, Fachzeitschriften und Buchprojekte, darunter als Herausgeber für das “Mut-ABC für Zivilcourage”, Leipzig 2008 und „Das Buch gegen Nazis“, Köln 2010 gemeinsam mit Toralf Staud. Von 2011 bis 2015 arbeitete er in der Internetredaktion der Stasi-Unterlagen-Behörde, davor leitete er fünf Jahre eine Fachwebsite des Magazins „stern“ und der Berliner Amadeu-Antonio-Stiftung über Rassismus und Rechtsextremismus in Deutschland.

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