Grundsätzliche Vertrauenskrise oder nur gesunde Skepsis?

By   /  March 8, 2017  /  Comments Off on Grundsätzliche Vertrauenskrise oder nur gesunde Skepsis?

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MIL OSI – Source: Volkswagen Stiftung –

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Wissenschaft und Vertrauensgewinn
Auch Prof. em. Dr. Friedrich Wilhelm Graf warnt vor einfachen Lösungen, vor allem wenn es darum geht, das Vertrauen in die Wissenschaft wieder zu stärken: “Moralbezogene Konflikte haben mit der Erweiterung wissenschaftlicher Handlungsmöglichkeiten zugenommen – wir sind inzwischen in der Lage, in Anfang und Ende menschlichen Lebens einzugreifen.” Er betont: “Diese Themen nicht als so komplex darzustellen wie sie sind, wäre unmoralisch.” Prof. Dr. Martin Schweer begreift dies sogar als Bildungsauftrag: “Wir müssen jungen Menschen vermitteln, dass sich die Beschäftigung mit Komplexität lohnt.” Gerade in einer Zeit, in der Populisten versuchten, die Grenzen zwischen Lügen und Fakten zu verwischen, gelte es, mit einem Bekenntnis zur Komplexität dagegen zu halten. Prof. Dr. Nora Szech fordert von der Wissenschaft, so zu kommunizieren, dass Menschen die Lust verspürten, zuzuhören und nachzudenken. Prof. Dr. Guido Möllering erwartet zum einen, dass wissenschaftlicher Vertrauensmissbrauch und Fehlverhalten konsequent öffentlich geahndet werden. Zum anderen wünscht er sich Dialogbereitschaft seitens der Wissenschaft: “Wir müssen Anregungen aus der Gesellschaft aufnehmen, aber dabei unsere Identität als Forscher bewahren.” In der Vermittlung solle Wissenschaft durchaus mehr Emotionen erzeugen, so Möllering. “Aber wir dürfen uns nicht lächerlich machen.”
Fordern und Fördern
Dr. Ulrich Kühn schließt das Podium mit einem Ausblick auf jene Bereiche, in denen die Diskutanten die größte Notwendigkeit für neues Vertrauen sehen. Prof. Dr. Nora Szech wünscht sich mehr Hilfestellungen für Kinder und Jugendliche, gesundes Selbstvertrauen aufzubauen. Sie sieht das auch geschlechterspezifisch: “Jungs haben oft überzogene Selbstbilder, Mädchen sollten sich hingegen mehr zutrauen.” Prof. Dr. Martin Schweer fordert, Bereitschaft zu riskantem Vertrauen und zugleich zu kritischem Hinterfragen zu unterstützen: “Wir müssen Menschen helfen, sich nicht zu schnell auf das Einfache einzulassen.” Prof. Dr. Guido Möllering würde gerne das Vertrauen fördern, in jenen Bereichen etwas radikal anders zu machen, in denen Fortschritte auf sich warten lassen, obwohl Problematiken schon seit langer Zeit bekannt sind: bei Gleichberechtigung, Umweltschutz, Nachhaltigkeit oder der Armutsschere. Und Prof. em. Dr. Friedrich Wilhelm Graf wünscht sich, in einem alle sicher zusammenhaltenden Rechtssystem in möglichst großer Vielfalt zu leben: Es müsse legitim sein, ganz individuell zu vertrauen und zu misstrauen, sein persönliches Distanzbedürfnis in Freiheit auszuleben: “Wir dürfen die Rede vom gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht dramatisieren.”
Anknüpfung und Alltag
Die zuletzt von den Diskutanten formulierten Visionen öffnen ein geräumiges Feld an weiterführenden Fragestellungen und Diskursen. Denn deutlich wird vor allem, dass Vertrauen grundlegend für persönliches wie gesellschaftliches Überleben ist – und dass mangelndes Vertrauen nicht nur Wirtschaft, Religion und Politik, sondern auch jeden Einzelnen in seiner jeweiligen Entwicklung hemmen können. Mit den Bezügen und Positionen aus der Veranstaltung zum Thema “Vertrauen” lassen sich nicht nur die Ergebnisse der nächsten Online-Suche kontextualisieren – auch die nächste Diskussionsveranstaltung. Katja Ebeling weist darauf hin, dass die VolkswagenStiftung die Initiative Offene Gesellschaft! unterstützt, die sich als Mehrheitsvertretung und Gegenpol zu populistischen Bewegungen versteht. Sie stehe nicht nur für Vertrauen, sondern auch für Demokratie, Toleranz und Vielfalt. In Hannover veranstaltet die Initiative am 3. April im Transformationswerk eine Diskussionsrunde zu freier Meinungsäußerung in Zeiten von Fake News und alternativen Fakten. Ebeling empfiehlt diese als möglichen Anknüpfungspunkt. Es dürfte einer von vielen denkbaren in einem Alltag voller Vertrauensprozesse und -entscheidungen sein.Thomas Kaestle

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