Verdammte Vergangenheit

By   /  March 10, 2017  /  Comments Off on Verdammte Vergangenheit

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MIL OSI – Source: Bundeszentrale fur politische Bildung –

Headline: Verdammte Vergangenheit

Russland plagt sich mit der Erinnerung an das Jahr 1917 Seit Untergang der Sowjetunion wird die Oktoberrevolution in Russland nicht mehr groß gefeiert. Doch wie wird im 100. Jubiläumsjahr der Revolution in einem Land mit dem Thema umgegangen, das aus Sicht russischer Historiker eine Mischung aus drei Ideologien vereint: Konservatismus, Liberalismus und Bolschewismus. Ein Überblick. Demonstration in Kaliningrad zum 99. Jahrestag der Oktoberrevolution 2016 (&copy picture-alliance / dpa)Über siebzig Jahre hinweg war der Tag der Großen Oktoberrevolution ein zentraler Feiertag, in dem das sozialistische
Imperium seinen Gründungsmythos zelebrierte. Zu jedem Jubiläum wurden Straßen und Plätze im Land getauft. 50-Jahre-Oktober-Straße, 55-Jahre-Oktober-Platz,60-Jahre-Oktober-Park. Als das Jubiläum 1987 zum letzten Mal groß begangen wurde, zeichnete sich am Horizont das Ende des sozialistischen Staates ab. Seitdem herrschte Schweigen. Neue Feiertage wurden eingeführt, aber weder der Tag der Verfassung noch der Tag Russlands erreichten auch nur annähernd die Bedeutung ihres Vorgängers.
Nun zwingt das runde Datum die russische Gesellschaft, sich wieder mit einer Vergangenheit auseinanderzusetzen, zu der sie noch keine Haltung gefunden hat. Es sind ja gleich zwei Revolutionen, die es irgendwie einzuordnen gilt: die Februar-Revolution (nach gregorianischem Kalender im März), in der die absolutistische Monarchie beseitigt und die Macht vom Zaren auf das Parlament übertragen wurde. Und die Oktoberrevolution: Während die provisorische Regierung noch über die künftige Staatsform stritt, rissen im Oktober (gregorianisch: November) Lenins Bolschewiki die Macht an sich.
Soll man stolz sein auf Macht und Größe der Sowjetunion und ihrem Verlust nachtrauern? Oder ist nicht eher Trauer angebracht über die Millionen Menschenleben, die einer Idee geopfert wurden? Vielleicht sogar ein bisschen Wut über die Zerstörungen und Verbrechen? Das führt auf geradem Wege zur ewigen russischen Frage: Wer ist schuld? Die unfähigen Regenten? Die zerstrittenen Liberalen? Doch die Bolschewiki?
“Die Staatsmacht kann sich nicht entscheiden”
Der Historiker und Publizist Witalij Dymarskij sieht es so: Die Suche nach Antworten sei deshalb so brisant, weil das neue Russland von Wladimir Putin aus den Scherben widersprüchlicher Ideologien zusammengesetzt sei. „Es ist eine Mischung aus Konservatismus, Liberalismus, Bolschewismus“, sagt er: „Die Staatsmacht kann sich nicht entscheiden, was in diesem Ideen-Chaos das Wichtigste ist.“

Erst Ende Dezember vergangenen Jahres hat Präsident Wladimir Putin eine Anordnung „über die Vorbereitung und Durchführung von Veranstaltungen zum hundertsten Jahrestag der Revolution 1917“ erteilt. Das war zumindest für eine Würdigung der Februar-Revolution reichlich spät. Aber diese stößt ohnehin auf wenig Sympathie, hat sie doch in den Augen vieler den rechtmäßigen Alleinherrscher Nikolaus II. beseitigt, den Staat geschwächt und ans Ausland verraten. Einen starken Staat, so sehen es viele, haben erst die Bolschewiki wieder aufgebaut.
Rechtskonservative Kreise, so klagt der Historiker Jurij Piwowarow, stellten den Februar als das Ergebnis einer Verschwörung von Bourgeoisie, Freimaurern und englischen Spionen dar, als Werk einer fünften Kolonne. Piwowarow lehrt Geschichte und Politikwissenschaft an der Lomonossow-Universität in Moskau, der angesehensten Hochschule des Landes. Manche setzten die Februar-Revolution gar mit dem ukrainischen Aufstand auf dem Maidan gleich, so Piwowarow: „Sogar meine Studenten sagen, dass 1917 eine Farbenrevolution war“, eine Anspielung auf den Begriff der russischen Führung für die Aufstände in Georgien 2003 und der Ukraine 2004. Danach war auch der Arabische Frühling ein vom Westen angezetteltes Komplott mit dem Ziel, Regime zu stürzen und den Ländern fremde Regeln aufzuzwingen.
Unwissenheit über die Oktoberrevolution
„Die Mehrheit in Russland weiß gar nichts über die Revolution im Februar 1917“, sagt Piwowarow. Noch viel schlechter stehe es um andere Jahrestage, von denen nicht einmal die Rede sei: „2017 jährt sich der Beginn des Großen Terrors zum 80. Mal. Davon spricht niemand. Auch nicht von Stalins Säuberungen in der Roten Armee, denen 1937 die fähigsten Kommandeure zum Opfer fielen. Wie sollte man auch daran erinnern, ohne den Terror und das Blut zu verurteilen?“
Die russische Geschichtswissenschaft benutzt inzwischen den Begriff von der Großen Russischen Revolution, der die Ereignisse von Anfang 1917 bis zum Ende des Bürgerkrieges 1921 umfasst. Ein problematisches Konzept, findet Piwowarow, denn „in der Fülle der Ereignisse gehen die unterschiedlichen Fragen unter“.

Die Geschichtspolitik des Kremls orientiert sich derweil an einer eher schlichten Maxime: Revolutionen sind schlecht. Alles, was Russland stark, groß und souverän gemacht hat, ist gut – ganz gleich, ob es die Romanows waren oder der kommunistische Diktator Stalin. Staatlichkeit und Kontinuität des Staatswesens spielten eine zentrale Rolle in der russischen Geschichtsbetrachtung, sagt Nikolaus Katzer, der Leiter des Deutschen Historischen Instituts in Moskau: „Die Rettung des Staates aus der Anarchie ist ein wichtiges Motiv.“
Geplantes Versöhnungsdenkmal – auf der Krim
Nach dem Willen des Kreml sollen Fragen nach Schuldigen und Debatten über Fehler oder gar über Lehren für Politik und Gesellschaft keine Rolle spielen. „Lehren aus der Geschichte sind in erster Linie wichtig zur Versöhnung, zur Stärkung der gesellschaftlichen, politischen und zivilen Einigkeit“, sagte Putin in seiner Rede an die Nation Anfang Dezember. „Wir dürfen nicht zulassen, dass Spaltung, Groll, Verletzungen und Verbitterung aus der Vergangenheit in unser heutiges Leben gezerrt werden.“ Es gebe allerdings durchaus Figuren, so der Präsident, die „im eigenen und im Interesse anderer“ mit Tragödien spekulierten, „die praktisch jede Familie in Russland betroffen haben, auf welcher Seite der Barrikaden sich unsere Vorfahren auch befanden“.
Eine vom Präsidenten eingesetzte Kommission bereitet nun die Feiern für einen „Tag der Versöhnung“ vor, der im November begangen werden soll. Ein Wettbewerb für ein Versöhnungsdenkmal läuft ebenfalls. Es soll auf der Krim stehen. Dort hatte die Rote Armee die Weißen 1920 entscheidend geschlagen. „Versöhnung meint, dass man diese gegensätzliche Kräfte unter einem patriotischen Dach zusammenführt“, sagt Katzer. So werde eine weiß-rote Revolution daraus. „Beide Seiten haben jeweils auf ihre Weise ein Imperium neu errichten wollen. Die Weißen wollten die Restitution, und die Roten haben es geschafft.“
Latenter Antisemitismus
Versöhnlich laufen die Vorbereitungen indessen nicht. Einen ersten Skandal um die Erinnerung gibt es schon. Er dreht sich um den Streit um die Isaak-Kathedrale in Sankt Petersburg. Die größte Kirche der Stadt, die nach der Oktoberrevolution zeitweise zu einem Atheismus-Museum umfunktioniert worden war, soll an die russisch-orthodoxe Kirche zurückgegeben werden. Der stellvertretende Vorsitzende der Staatsduma, Pjotr Tolstoi, machte schon mal deutlich, wen er für die treibende Kraft sowohl hinter der Revolution als auch hinter den aktuellen Protesten hält. Diejenigen, die heute gegen die Rückgabe protestierten, seien „die Enkel und Urenkel jener Leute, die 1917 aus dem Ansiedlungsrajon gekommen sind und unsere Kirchen zerstört haben“. Ansiedlungsrajon hieß das Gebiet im Westen des Zarenreiches zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, in dem sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts Juden niederlassen durften. Heute, so Pjotr Tolstoi, finde man ihre Nachfahren in Radiosendern und Parlamenten: „Dort setzen sie das Werk ihrer Großväter und Urgroßväter fort.“
Nicht nur der Verband der jüdischen Gemeinden in Russland erkannte in den Worten des Abgeordneten „offenen Antisemitismus“. Tolstoi hingegen wehrte sich: Nur „Menschen mit einer kranken Fantasie und ohne Geschichtskenntnisse“ könnten das so deuten.
Die Erstveröffentlichung des Beitrags von Julian Hans erschien am 6. Februar 2017 in der Süddeutschen Zeitung
Mehr zum Thema: Wie gedenkt Russland der Oktoberrevolution?

Julian Hans
Julian Hans ist seit August 2013 Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Moskau. Er studierte Kulturwissenschaften in Frankfurt (Oder), Moskau und Posen. Ausbildung an der Henri-Nannen-Journalistenschule. Von 2006 bis 2011 Redakteur bei der “Zeit”, danach Wechsel ins außenpolitische Ressort der SZ.

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