ETF Magazin: “Harter Wettkampf”

By   /  March 22, 2017  /  Comments Off on ETF Magazin: “Harter Wettkampf”

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MIL OSI – Source: Boerse Frankfurt –

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21. März 2017. München (ETF Magazin). Wieder ein Rekord: 2016 erreichte das weltweit in ETFs verwaltete Vermögen einen neuen Spitzenwert von gut 3,4 Billionen Dollar. Trotz nicht ganz einfacher Börsen wuchs damit das Anlagevolumen um 18 Prozent. Bemerkenswert dabei: Drei Viertel dieses Volumenzuwachses ergaben sich nicht aus Kursgewinnen, sondern wie schon in fast allen Jahren zuvor aus dem Zufluss neuer Gelder. Fondsgesellschaften, Börse, Anleger: Alle profitieren vom Dauerboom der Branche, doch vermutlich anders, als viele denken.
In den Vereinigten Staaten sind heute 70 ETF-Anbieter im Geschäft, in Europa 40. Allein in Europa können Anleger deshalb unter mehr als 1.500 verschiedenen ETFs auswählen. “Bei dieser Vielfalt könnte man davon ausgehen, dass der Markt breit auf die einzelnen Anbieter verteilt ist. Ein Blick auf die tatsächliche Verteilung der verwalteten Vermögen zeigt jedoch ein völlig anderes Bild”, erklärt Detlef Glow, Leiter der Fondsanalyse bei Thomson Reuters Lipper. Anlegern bringt diese Konzentration nicht nur Vorteile.
Stabile Spitze

Seit Jahren sind die Machtverhältnisse im ETF-Geschäft in Stein gemeißelt. Sowohl in den USA als auch in Europa ist Blackrock mit iShares unangefochten der größte ETF-Anbieter: Weltmarktanteil knapp 40 Prozent, in Europa fast 50 Prozent, sowohl gemessen am verwalteten Vermögen als auch am Handelsumsatz. Nur in Asien rangiert Blackrock auf Platz sechs, hinter großen japanischen Anbietern wie Nomura und Nikko.
Doch abgesehen von dieser Nuance: In allen regionalen ETF-Märkten dominieren ganz wenige Anbieter. In den USA verwalten die drei größten Anbieter, Blackrock, Vanguard und State Street, 83 Prozent des gesamten ETF-Vermögens. Den Rest teilen sich 65 deutlich kleinere Anbieter. In Europa kontrollieren die Top 3, Blackrock, Deutsche Bank und Lyxor, 69 Prozent des ETF-Vermögens. Das restliche knappe Drittel verteilt sich auf 37 kleinere Anbieter.
Ähnlich ist die Lage bei den ETFs selbst: Im Schatten von rund 25 ETF-Riesen gedeihen in Europa mehr als 1500 viel kleinere ETFs – oder kämpfen ums Überleben. Etwa 16 Prozent des gesamten ETF-Volumens in Europa entfallen auf die zehn größten ETFs. Mehr als 18 Milliarden Euro stecken allein im größten europäischen ETF, dem iShares-Core-S&P-500-ETF, weitere rund 16 Milliarden Euro verwaltet der nächstgrößte ETF, der Vanguard-S&P-500-ETF. Auf den Plätzen darunter fällt das Anlagevolumen rapide ab. Schon ETF Nummer 18 hat nur noch ein Vermögen von weniger als fünf Milliarden Euro. 95 Prozent der europäischen ETFs haben Assets von weniger als einer Milliarde Euro, rund die Hälfte muss sich sogar mit weniger als 100 Millionen Euro zufriedengeben.
100 Millionen Euro – dieses Anlagevolumen bezeichnen ETF-Experten als Schmerzgrenze für ETF-Anbieter. Seit Langem warten Marktbeobachter deshalb auf die für viele überfällige Konsolidierung. Für Anleger würde das weniger Auswahlmöglichkeiten und womöglich auch höhere Preise bedeuten. Bislang ist allerdings vom Fondssterben nichts zu spüren. 2016 kamen in Europa 125 neue ETFs auf den Markt. Abzüglich der mehr als 100 Delistings stieg damit die Gesamtzahl der in Europa angebotenen ETFs erneut, wenn auch nur um bescheidene 14 Fonds.
Mutige Herausforderer

Erneut wagten sich 2016 auch neue Anbieter auf das Spielfeld. In den Vereinigten Staaten und in Asien trauten sich jeweils acht neue Gesellschaften, in Europa immerhin zwei: Expat Capital und Fullgoal Fund Management listeten jeweils einen neuen ETF. Vom ETF-Geschäft verabschiedet hat sich im vergangenen Jahr in Europa nur die schwedische Nordea, die ihre letzten zwei ETFs beerdigte. In den USA zogen drei kleine Gesellschaften den Stecker.
Bislang führt die starke Konzentration am ETF-Markt also nicht zu negativen Effekten für Investoren. Im Gegenteil: Um noch einen Fuß in die Tür zu bekommen, versuchen viele kleinere Gesellschaften ihr Glück mit innovativen neuen ETFs. Besonders deutlich wird das an der anschwellenden Flut der Smart-Beta-ETFs. Bei diesen Fonds wird die Zusammensetzung des Portfolios nicht durch die Marktkapitalisierung der Wertpapiere bestimmt, sondern durch alternative Selektionskriterien. Rund die Hälfte aller 2016 in den Vereinigten Staaten und Europa neu gelisteten ETFs waren Smart-Beta-ETFs, berechneten die Analysten der Deutschen Bank.
Die Konzentration kleinerer Anbieter auf Smart-Beta- und andere Nischenprodukte ist eine logische Folge der hohen Marktkonzentration. Bei ETFs auf den S&P-500, Euro-Stoxx-50 oder ähnlich wichtige Indizes stehen Newcomer auf verlorenem Posten. Bei diesen Core-ETFs stellt die Kombination aus Fondsgröße, hoher Liquidität und den oft sehr niedrigen Management-Gebühren eine kaum zu überwindende Eintrittsbarriere für neue Wettbewerber dar.
So verlangen etwa iShares und Vanguard für ihre hochliquiden S&P-500-ETFs nur 0,07 Prozent Gebühren pro Jahr. Damit sind die beiden größten europäischen ETFs deutlich billiger als die meisten anderen Aktien-ETFs. Mit ihren Kampfpreisen streiten die beiden größten Anbieter aber nicht nur untereinander, sondern halten sich auch Herausforderer vom Leib, die sich mangels Masse nicht auf einen Preiswettkampf einlassen können.
Sinkende Preise: Das gefällt den Kunden
2016 konnten preiswerte Core-ETFs dreimal so viel Geld anziehen wie die viel größere Zahl der teureren und weniger liquiden ETFs, berichtet Sebastian Mercado, ETF-Marktforscher bei Deutsche Bank Securities. Hauptprofiteur des ETF-Booms bleiben also die ganz Großen, allen voran der Marktführer. Sowohl in Europa als auch in den USA vereinnahmt Blackrock mit seinen Mega-ETFs die Masse der neuen Gelder. Auf der Liste der zehn ETFs mit den größten Zuflüssen stehen in Europa gleich acht milliardenschwere iShares-ETFs.
Die Herausforderer

Die Statistik zeigt aber auch, dass kleinere Anbieter mit den richtigen Nischenprodukten ebenfalls wachsen können. So war etwa bei Smart-Beta-ETFs das Wachstum volumenmäßig geringer als bei den Core-ETFs, relativ gesehen, entwickelt sich diese vergleichsweise junge ETF-Kategorie jedoch sehr viel besser. “Smart-Beta-Ansätze sind ein starker Trend”, berichtet Lyxor-Deutschland-Chef Stefan Kuhn im Interview (s. S. 13). Rund sieben Milliarden Euro flossen 2016 nach den Berechnungen der Lyxor-Analysten in europäische Smart-Beta-ETFs. Ihr Vermögen wuchs so um 50 Prozent – dreimal schneller als der Gesamtmarkt.
Etwa 28 Milliarden Euro stecken inzwischen in europäischen Smart-Beta-ETFs. Das sind zwar nur gut fünf Prozent des gesamten europäischen ETF-Vermögens, doch offensichtlich sind Smart-Beta-ETFs eine Chance für die kleinen ETF-Häuser. Auch weil sie damit dem Preiswettbewerb ein Stück weit entkommen können: Für Smart-Beta-ETFs zahlen Anleger nach Berechnung der Deutschen Bank im Schnitt 0,49 Prozent pro Jahr, also etwa zehn Basispunkte mehr als für “normale” Aktien-ETFs. Anleger sollten beten, dass sie mit ihrem Extra-Obolus die Produktinnovation und -vielfalt am Leben erhalten.
von Uli Kühn, © März 2017 – ETF MagazinDieser Artikel stammt aus dem aktuellen ETF Magazin.Das ETF Magazin erscheint quartalsweise in Zusammenarbeit mit Focus Money und richtet sich an Berater, Vermögensverwalter und Portfoliomanager, ist aber sicher auch für informierte Anleger interessant.

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