Hüfners Wochenkommentar: “Französische Aktien kaufen?”

By   /  May 5, 2017  /  Comments Off on Hüfners Wochenkommentar: “Französische Aktien kaufen?”

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MIL OSI – Source: Boerse Frankfurt –

Headline: Hüfners Wochenkommentar: “Französische Aktien kaufen?”

4. Mai 2017. MÜNCHEN (Assenagon). Wenn ich an Frankreich denke, habe ich zwei Bilder im Kopf. Das eine ist das, über das heute alle reden. Ein Land, in dem die Menschen wissen, dass es Reformen geben muss, aber niemand da ist, der sie realisiert. Das Wirtschaftswachstum ist schwach. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Die Arbeitszeit beträgt nur 35 Stunden pro Woche. Die Regierung schafft es nicht, das öffentliche Defizit unter 3 Prozent zu drücken. Wenn der Euro heute in eine Nord- und in eine Südwährung zerbrechen würde, dann würde man Frankreich dem Süden zurechnen.
Das zweite Bild ist ganz anders. Es zeigt ein Land, das über viele Jahrzehnte die Welt mit wirtschaftlichen Innovationen überraschte. Es war das erste, das einen Hochgeschwindigkeitszug entwickelte. den TGV. Es baute mit der Concorde das erste Passagierflugzeug, das im Linienverkehr schneller als der Schall flog. Es begeistert die Menschen mit kreativer Architektur. Es ist weltweit führend in der Luxusindustrie und steht vorne in der Chemie- und Pharmaindustrie.

Was viele nicht wissen: In der Nachkriegszeit hat Frankreich Deutschland beim Wachstum lange Zeit abgehängt. Von 1980 bis 2007 nahm die Wirtschaftsleistung des Landes im Schnitt um 2,2 Prozent jährlich zu, verglichen mit 1,7 Prozent in der Bundesrepublik. Erst seit der großen Finanzkrise ist Frankreich zurückgefallen. Seitdem lag das durchschnittliche Wachstum nur noch bei 0,7 Prozent, in Deutschland bei 1,2 Prozent.

Selbst im monetären Bereich stand Frankreich lange Zeit bemerkenswert gut da. Es betrieb unter Präsident Mitterand eine Politik des “Franc Fort”. Kernstücke waren eine rigorose Inflationsbekämpfung, ein ausgeglichener Staatshaushalt und eine Förderung der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie, um auf den Weltmärkten mit den Deutschen mitzuhalten. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Es hat an den Devisenmärkten aber lange funktioniert.

All das ist in den vergangenen Jahren durch eine mut- und kraftlose Politik verspielt worden. Ist es denkbar, dass Frankreich auf die alte Größe zurückkommt? Vorstellen kann man es sich, auch wenn es derzeit sehr unwahrscheinlich aussieht.

Immerhin: Frankreich hat nach wie vor gute strukturelle Ausgangsbedingungen. Es liegt beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf nicht viel hinter Deutschland. Seine Produktivität, die Wirtschaftsleistung je Erwerbstätigenstunde, ist etwa so groß wie die der Bundesrepublik. Die Investitionsquote liegt sogar höher, bei 23 Prozent verglichen mit 20 Prozent hierzulande. In diesem Jahr wird es nach den vorliegenden Prognosen wieder fast so schnell wachsen wie Deutschland.

Frankreich hat eine gute Stellung in der Welt. Das ist zum Teil den Verbindungen zu den alten Kolonien zu danken. Zum Teil liegt das auch an seiner Rolle als Atommacht. Frankreich ist eines der wenigen Länder mit einem ständigen Sitz im Sicherheitsrat. All das zahlt sich auch ökonomisch aus. Das Land erhält mehr Direktinvestitionen aus dem Ausland als Deutschland (2015: 43 Milliarden US-Dollar verglichen mit 32 Milliarden US-Dollar nach Deutschland). Interessant ist: Die Deutschen investieren selbst erheblich mehr im Ausland (94 Milliarden US-Dollar) als die Franzosen (35 Milliarden US-Dollar). Unsere Nachbarn behalten das Geld lieber im Inland.

Hinzu kommt: Es hat einen Trumpf in der Hand, der es in den kommenden Jahren selbst bei gleicher Produktivität der Wirtschaft gegenüber Deutschland begünstigt. Das ist die Bevölkerungsentwicklung. Die Zahl der Einwohner unseres Nachbarlandes steigt deutlich schneller als die in Deutschland (+0,5 Prozent pro Jahr gegenüber 0 Prozent). Bis zum Jahr 2050 wird die Zahl der Franzosen nach den Schätzungen des Europäischen Statistischen Amtes um 8 Millionen zunehmen, die Zahl der Deutschen wird dagegen konstant bleiben. Im Jahr 2080 wird Frankreich mehr Einwohner haben als Deutschland. Das ist natürlich auch wirtschaftlich bedeutsam.

Hier zahlt sich die aktive Bevölkerungspolitik aus, die Frankreich nach dem zweiten Weltkrieg aus Angst betrieb, dass Deutschland zu groß werden könnte. Die sogenannte Fertilitätsrate (Zahl der Kinder je Frau) liegt in Frankreich bei knapp 2 verglichen mit 1,4 in Deutschland. Frankreich hat inzwischen zwar auch ein Alterungsproblem. Es ist aber nicht so schlimm wie in Deutschland. Zudem ist es zum Teil hausgemacht. Das Rentenzugangsalter liegt in Frankreich noch bei 60 Jahren. DAX und CAC 40 seit 1991

Quelle: yahoo.de, Deutsche Bundesbank
Daten von Januar 1991 – März 2017
Frankreich kann also wieder groß werden. Die Betonung liegt allerdings bei “kann”. Voraussetzung ist, dass es eine durchgreifende Reformpolitik betreibt und die Ressourcen freilegt, über die es verfügt. Wenn Marine Le Pen am kommenden Wochenende zur Präsidentin gewählt werden sollte, wird das sicher nicht passieren. Bei einem Präsidenten Emmanuel Macron ist es denkbar. Die Messe ist aber noch nicht gelesen. Das Programm von Macron ist derzeit in vielen Punkten noch vage. Bei den Parlamentswahlen Anfang Juni wird seine Bewegung “En Marche” sicher keine Mehrheit bekommen. Er ist daher auf Kompromisse mit anderen Parteien im Parlament angewiesen, was Reformen angesichts der starken Verbände und Interessengruppen in Frankreich schwer macht.
Für AnlegerIm Augenblick ist die Situation in Frankreich noch schwer einzuschätzen. Wenn sich das Pendel aber in Richtung Reformen bewegen sollte, dann wird das auch für Anleger interessant. Der CAC40 spiegelt die Lage der Wirtschaft gut wider. Er hat bis zur Finanzkrise 2007/2008 gut mit dem DAX mitgehalten. Seitdem ist er zurückgefallen (siehe Grafik). Er notiert heute weit unter den historischen Höchstständen. Der Index hat damit viel Potenzial nach oben. Der CAC40 enthält eine Reihe von interessanten Werten. Wenn es an der Pariser Börse wieder aufwärtsgehen sollte, wird davon auch der Euro Stoxx 50 profitieren.

von Dr. Martin Hüfner
3. Mai 2017, © AssenagonDr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem “Europa – Die Macht von Morgen” (2006), “Comeback für Deutschland” (2007), “Achtung: Geld in Gefahr” (2008) und “Rettet den Euro!” (2011).

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.

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