Börse Frankfurt Magazin: “Die unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Einstellungen sind das eigentliche Problem der Währungsunion”

By   /  May 17, 2017  /  Comments Off on Börse Frankfurt Magazin: “Die unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Einstellungen sind das eigentliche Problem der Währungsunion”

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MIL OSI – Source: Boerse Frankfurt –

Headline: Börse Frankfurt Magazin: “Die unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Einstellungen sind das eigentliche Problem der Währungsunion”

16. Mai 2017. MÜNCHEN (menthamedia).
Börse Frankfurt Magazin: “Herr Krämer, 1,9 Prozent Wirtschaftswachstum (2016), niedrige Arbeitslosigkeit, und der Konsum brummt. Schaut man auf die blanken Zahlen, geht es der deutschen Volkswirtschaft nicht so schlecht. Und dies trotz der geopolitischen Risiken und der noch lange nicht überstandenen EU-Krise. Erwarten Sie 2017 eine ähnlich positive Entwicklung?”
 Krämer: “In der Tat: die zuletzt für Deutschland veröffentlichten Konjunkturdaten und Stimmungsindikatoren haben positiv überrascht. Ich bin aber ehrlich: die positive Stimmung irritiert mich ein wenig. Einerseits vor dem Hintergrund der geopolitischen Risiken, die Sie bereits angesprochen haben. Andererseits verstellt der Boom in Deutschland den Blick auf die zunehmenden Fehlentwicklungen, die sich unter der glänzenden Oberfläche des konsumgetriebenen Aufschwungs abzeichnen. Krämer Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft erodiert. Die Reformen der Schröder-Jahre werden zurückgedreht. Die Löhne steigen stärker als die Produktivität und die Infrastruktur verfällt. Wir sollten uns von den positiven Nachrichten also nicht einlullen lassen. Auch in Frankreich sah vor 15 Jahren alles gut aus – dann kam das böse Erwachen.
Erstmal dürfte sich der konsumgetriebene Aufschwung allerdings fortsetzen, weshalb wir für das laufende Jahr ein Wirtschaftswachstum von 1,6 Prozent erwarten.”
Börse Frankfurt Magazin: “Dass 2017 ein sehr politisches Jahr wird, ist unbestritten. Wahlen in den Niederlanden, Frankreich, Deutschland, Norwegen, vermutlich auch in Italien, und voraussichtlich der Beginn des Brexit-Prozesses werden die europäische Politik stark beeinflussen. Ein Rechtsruck scheint sehr wahrscheinlich. Wächst die Gefahr weiterer -exits?”
Krämer: “Ich gehörte nicht zu denjenigen, die an dem Morgen nach dem Brexit-Votum in politisch korrekte Schnappatmung verfallen sind, und bin auch weiterhin relativ entspannt – zumindest für Großbritannien.
Insbesondere die Lage in Frankreich halte ich jedoch für beunruhigend. Der Renditeunterschied zwischen französischen und deutschen Staatsanleihen ist zwischenzeitlich auf das Niveau des Krisenjahres 2012 gestiegen. Damals sah sich die Europäische Zentralbank genötigt, breit angelegte Anleihekäufe in Aussicht zu stellen, um die Währungsunion zu retten. Einen Sieg Marine Le Pens und einen Austritt Frankreichs aus der Eurozone würde die Währungsunion wohl kaum überleben. Gleichwohl halte ich dieses Szenario für eher unwahrscheinlich.
Nichtsdestoweniger werden die Anti-Establishment-Bewegungen mitbeeinflussen, in welche Richtung sich die Europäische Union und die Eurozone künftig bewegen. Es bleibt also unruhig.”
Börse Frankfurt Magazin: “Hilfreich für die Stabilität des Euros und damit letztlich auch der EU wären nicht zuletzt positive Meldungen in Sachen Schuldenkrise. Davon sind wir aber weit entfernt. Griechenland bleibt ein Problemfall und Italien ist auf dem besten Wege dahin. Was muss hier passieren, damit die Bürger wieder Vertrauen fassen?”
Krämer: “Dafür müsste die Währungsunion zur Ruhe kommen. Das kann aber nicht passieren, solange sich die Mitgliedstaaten nicht auf ein gemeinsames Verständnis von nachhaltiger Wirtschaftspolitik einigen. Es ist doch so: Wir haben einerseits die von Frankreich angeführten Länder im Süden, welche eine von den Politikern dominierte Zentralbank und eine lockere Haushaltspolitik wollen. Auf der anderen Seite haben wir Deutschland, Österreich und die Niederlande, die eine unabhängige Zentralbank und eine solide Haushaltspolitik anstreben. Diese unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Einstellungen sind das eigentliche Problem der Währungsunion.
Gleichzeitig braucht es eine neue geldpolitische Strategie, die sich von kurzfristigen Inflationsprognosen löst und die Märkte nicht weiter mit billigem Geld flutet, sondern alles tut, um neue Blasen an den Finanz- und Immobilienmärkten zu verhindern. Wenn die EZB gegen die unvermeidlich niedrige Inflation kämpft, fachen ihre Milliarden nur die Preise an den Immobilien- oder Aktienmärkten an.”
Börse Frankfurt Magazin: “EZB-Chef Draghi macht keine Anstalten, die Zinsen anzuheben, während die USA die Zinswende eingeläutet haben. Der niedrige Euro hilft Exportweltmeister Deutschland und ärgert die Amerikaner. Zu Recht, denn deutsche Güter werden künstlich günstiger und sind damit Wasser auf die Mühlen von Trumps Protektionismus-Ansatz. Wie ernst muss man diese Tendenzen nehmen?”
Krämer: “Die Vorwürfe aus den USA kann ich nicht nachvollziehen. Trump geht es um den durch den schwachen Euro angeblich befeuerten Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands gegenüber den USA. Fakt ist aber: Seit der Euro-Einführung ist das Handelsbilanzdefizit der Amerikaner gegenüber Deutschland immer weiter gestiegen, obwohl der Euro heute kaum niedriger notiert als damals.
Ich teile die Kritik am deutschen Leistungsbilanzsaldo nicht, die nicht nur von den USA geäußert wird. Der hohe Leistungsbilanzüberschuss spiegelt wider, dass die Bevölkerung in Deutschland schneller altert als in den Nachbarländern und die Deutschen deshalb mehr sparen müssen. Unternehmen wiederum halten sich mit ihren Investitionen in unsicheren Zeiten aus nachvollziehbaren Gründen zurück. Der Staat könnte sicherlich mehr investieren, etwa in Infrastruktur oder Bildung.
Andererseits sollten wir uns auch vergegenwärtigen, dass die europäische Staatsschuldenkrise noch nicht gelöst ist und durch das massive Eingreifen der EZB lediglich übertüncht wird. Vielen ist nicht bewusst, dass selbst Deutschlands Staatsschuldenquote immer noch deutlich über der 60%-Marke liegt, die mal als Obergrenze für eine mit einer stabilen Währungsunion verträgliche Staatsverschuldung angesehen wurde.
Es fällt mir daher schwer, in die Kritik am deutschen Leistungsbilanzüberschuss einzustimmen. Ein Präsident Trump wird sich davon aber sicherlich nicht umstimmen lassen. Seine protektionistischen Pläne beunruhigen mich sehr.”
Börse Frankfurt Magazin: “Steigt angesichts der Liquiditätsschwemme in Deutschland Ihrer Ansicht nach die Gefahr einer Konsum- und Immobilienblase? Oder ist das Risiko bei letzterer eher gering, da im europäischen Kontext Immobilien in Deutschland immer noch verhältnismäßig günstig sind?”
Krämer: “Das Risiko einer Immobilienblase ist durchaus vorhanden. Wir haben ein Modell entwickelt, mit dem wir den “fairen” Häuserpreis schätzen. Dafür betrachten wir verschiedene volkswirtschaftliche Fundamentalfaktoren, nämlich die Einkommen der privaten Haushalte, die Bauzinsen, die Baukosten und die demographische Entwicklung. Auf Basis dieses Modells sind die Häuserpreise in Deutschland derzeit im Durchschnitt zehn Prozent zu teuer. Das ist mehr als in früheren Phasen mit stark steigenden Häuserpreisen. Vermutlich hat der gegenwärtige Boom viel mit der Niedrigzinspolitik der EZB zu tun sowie mit der Skepsis über die weitere Entwicklung der Währungsunion. Noch geht hiervon keine Gefahr für die Wirtschaft aus, aber je länger diese Phase anhält, desto stärker steigen die Risiken für eine Blase, deren Platzen die deutsche Wirtschaft massiv belasten würde.”
Börse Frankfurt Magazin: “Der Goldpreis konnte in den ersten Wochen des Jahres die Kursverluste aus der zweiten Jahreshälfte 2016 etwas aufholen, während der Ölpreis den Aufwärtstrend aus 2016 weiter verfolgt. Was ist insgesamt von den Rohstoffen in 2017 zu erwarten?”
Krämer: “Die Entwicklung des Goldpreises hängt natürlich stark von den politischen Entwicklungen ab, die wir bereits diskutiert haben, schließlich wird Gold als “sicherer Hafen” gesehen. Was geschieht, wenn bestimmte Negativszenarien eintreten, ließ sich Anfang des vergangenen Jahres nach den Marktturbulenzen in China und nach dem Brexit-Referendum zur Jahresmitte beobachten. Gold legte in diesen Perioden massiv zu. Gleichzeitig dürfte Gold nachgeben, sollte es weitere Hinweise auf eine näher rückende Zinserhöhung in den USA geben. Insgesamt rechnen wir bis zum Jahresende mit einem weiteren Anstieg des Goldpreises.
Am Ölmarkt sind natürlich die von der OPEC und einigen Nicht-OPEC-Ländern beschlossenen Produktionskürzungen ein wesentlicher Treiber. Diese sind Anfang des Jahres in Kraft getreten, sogar eine Verlängerung und Ausweitung wird bereits diskutiert. Einen nachhaltigen Einfluss auf die Ölpreise werden diese aber natürlich nur haben, wenn die beteiligten Länder die Disziplin aufrechterhalten – und daran haben wir durchaus Zweifel. Daher sind wir der Meinung, dass der Ölpreis im Jahresverlauf unter Druck geraten wird.”
Börse Frankfurt Magazin: “Zu guter Letzt: Was trauen Sie dem DAX für 2017 zu?”
Krämer: “Der DAX hat unser Jahresendziel von 11.700 Punkten bereits erreicht. Nach den starken Kursgewinnen ist der DAX anfällig für Korrekturen. Das gilt umso mehr, als der Euroraum nicht zur Ruhe kommt und die Populisten in vielen Ländern im Aufwind sind. Die Kursentwicklung dürfte auch 2017 einer Achterbahnfahrt gleichen. Aber am Ende dürfte ein kleines Plus stehen, auch weil die Dividendenrendite mit drei Prozent ganz ordentlich ist.”
“Herzlichen Dank für das Gespräch.”
Zur Person:
Seit über zehn Jahren ist Dr. Jörg Krämer Chefvolkswirt und zugleich Bereichsvorstand Research bei der Commerzbank AG. Den Posten des Chefvolkswirts bekleidete er bereits zuvor bei der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank in München sowie bei Invesco Asset Management Deutschland. Nach dem VWL- Studium in Bonn und Münster promovierte Dr. Krämer am renommierten Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel.
Mai 2017. © MenthamediaDas Börse Frankfurt Magazin ist ein vierteljährlich erscheinendes Journal für Anleger. Es bietet Ihnen relevante Informationen und Hintergrundberichte zu Investments über die Börse, seien es Aktien, Anleihen, ETFs, Fonds oder Zertifikate. Sie können es sich auf boerse-frankfurt.de kostenlos herunter laden.

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