Welche Sekundarschulen gibt es in Deutschland und welche Bildungsgänge werden dort unterrichtet?

By   /  October 3, 2017  /  Comments Off on Welche Sekundarschulen gibt es in Deutschland und welche Bildungsgänge werden dort unterrichtet?

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MIL OSI – Source: Bundeszentrale fur politische Bildung –

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Allgemeinbildende Schulen und Bildungsgänge der Sekundarstufe I und II, nach Bundesland (2017)29.9.2017 Welche Sekundarschulen gibt es in Deutschland und welche Bildungsgänge werden dort unterrichtet? (&copy bpb, wzb, infografiker.com)Welche Schulformen in Deutschland angeboten werden, ist im Wesentlichen Sache der Bundesländer. Sie haben im deutschen Föderalismus die Kulturhoheit und entscheiden somit eigenverantwortlich darüber, wie sie ihre Schulstrukturen gestalten.
Dennoch war jahrzehntelang über alle Länder der Bundesrepublik hinweg die dreigliedrige Schulstruktur – bestehend aus Hauptschule, Realschule und Gymnasium – regelrecht in Stein gemeißelt. Das gemeinsame Lernen aller Schülerinnen und Schüler ist in diesem Modell der Schulorganisation zunächst auf die vierjährige (in einigen Bundesländern auch sechsjährige) Grundschulzeit begrenzt.
Danach wird die Schülerschaft auf die drei Sekundarschulformen aufgeteilt. Über diese im internationalen Vergleich sehr früh im Leben einsetzende Leistungsauslese wurde in der Bundesrepublik politisch immer wieder heftig gestritten. Im Ergebnis wurden in den 1970er Jahren schließlich vor allem in den sozialdemokratisch regierten Bundesländern Gesamtschulen eingeführt, die das dreigliedrige Schulsystem ergänzten. Als Gegenmodell sollten sie ein längeres gemeinsames Lernen aller Schülerinnen und Schüler ermöglichen und neue Formen der Differenzierung innerhalb der Schule erproben. Am Grundprinzip der frühen Leistungsauslese änderte die Gesamtschule jedoch insgesamt wenig. Separate Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien blieben bestehen, aus dem dreigliedrigen Schulsystem wurde in manchen Bundesländern lediglich ein viergliedriges.
Mit der Widervereinigung kam wieder Bewegung in die deutsche Schullandschaft: Die ostdeutschen Bundesländer entschieden sich mehrheitlich gegen separate Haupt- und Realschulen und richteten stattdessen zweigliedrige Schulsysteme ein. Demografisch rückläufige Schülerzahlen, eine schwindende Akzeptanz der Hauptschule, aber auch das unerwartet schlechte Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler bei PISA brachten schließlich das dreigliedrige Schulsystem auch in den westdeutschen Bundesländern ins Wanken.
Mit der Ausnahme Bayerns (das jedoch selbst auch einige „Schulen der besonderen Art“ als Schulversuch unterhält) haben seit der Jahrtausendwende alle Bundesländer ihr Schulangebot im Sekundarbereich verändert. Eine Vielzahl neuer Schulformen mit unterschiedlichsten Bezeichnungen entstand, denen bei allen Unterschieden im Detail eines gemeinsam ist: sie setzten stärker auf integrative Formen der Lernens als es in Deutschland traditionell der Fall war.
Da sind nun zum einen teilintegrierte Schulformen wie z. B. die Mittelschule in Sachsen oder die Werkrealschule in Baden-Württemberg, die Haupt- und Realschulen unter einem Dach vereinen und frühestens in der siebten Klassenstufe abschlussbezogene differenzieren. Zum anderen sind da neue vollintegrierte Schulformen wie z. B. die Stadtteilschule in Hamburg, die Gemeinschaftsschule in Schleswig-Holstein oder die Sekundarschule in Nordrhein-Westfahlen. Sie bieten alle Bildungsgänge einschließlich des gymnasialen an und führen in der Mehrzahl keine abschlussbezogenen Klassen.
Anstelle der Verteilung der Schülerinnen und Schüler auf in sich geschlossene Bildungsgänge kommen in den neuen Schulformen vielerorts flexiblere Differenzierungsformen zum Einsatz. Häufig werden Kernfächer wie Deutsch, Mathematik und Englisch ab einer bestimmten Klassenstufe in Niveaukursen unterrichtet. Aber auch Modelle des durchgehenden gemeinsamen Lernens im Klassenverband werden erprobt und weiterentwickelt.
Diese Grafik zeigt den derzeitigen Stand der Schulstrukturentwicklung im Sekundarbereich in den 16 Bundesländern. Waren die Schulstrukturen der Bundesländer über Jahrzehnte hinweg weitgehend einheitlich organisiert, haben sie sich mittlerweile sehr stark auseinanderentwickelt: In einigen Bundesländern sind neue Schulformen lediglich eine Ergänzung zum traditionellen Schulformenangebot, in vielen Bundesländern aber haben sie die Haupt- und Realschulen vollständig ersetzt. So ist mittlerweile allein das Gymnasium noch in allen Bundesländern vorhanden, daneben variiert das Schulformenangebot zwischen den Ländern derart, dass es selbst Forscherinnen und Forschern schwer zu überblicken ist.
Die Zahlen auf der Karte geben an, wie viele Schulformen das jeweilige Bundesland im Sekundarbereich unterhält. Schon hier zeigt sich eine enorme Spannweite: Während etwa in Hessen im Sekundarbereich sieben verschiedene Schulformen existieren, gibt es in Hamburg, Schleswig-Holstein, Sachsen und dem Saarland nur noch zwei. Doch Zweigliedrigkeit ist nicht gleich Zweigliedrigkeit: Der Blick in die Tabelle neben der Karte offenbart, in Sachsen besteht das Schulsystem aus dem Gymnasium und einer teilintegrierten Schulform, die den Haupt- und Realschulbildungsgang unter einem Dach vereint. In den anderen zweigliedrigen Bundesländern steht hingegen neben dem Gymnasium eine vollintegrierte Schulform, die alle Schulabschlüsse anbietet. Ähnlich ist es bei den anderen Bundesländern, mit derselben Zahl. So steht die 3 nur in Bayern für die klassische Dreigliedrigkeit aus Hauptschule, Realschule und Gymnasium. In Berlin gibt es neben dem Gymnasium dagegen zwei vollintegrierte Schulformen (Integrierte Sekundarschule und Gemeinschaftsschule), in Brandenburg eine voll- und eine teilintegrierte (Integrierte Gesamtschule und Oberschule). Die Tabellen neben der Karte zeigen zudem, dass Schulformen, die denselben oder einen ähnlichen Namen tragen, je nach Bundesland für unterschiedliche Modelle der Schulorganisation stehen können: So ist etwa die Oberschule, die in Bremen, Brandenburg, Niedersachsen und Sachsen angeboten wird, je nach Bundesland eine Verbindung aus Haupt- und Realschule oder aber eine vollintegrierte Schule, die den gymnasialem Bildungsgang einschließt. Die Mittelschule in Bayern ist im Wesentlichen eine Hauptschule und nicht zu verwechseln mit der Hessischen Mittelstufenschule, die Haupt- und Realschulbildungsgang kooperativ verbindet.Ob die neuen Schulformen in Anlehnung an das traditionelle Modell der Dreigliedrigkeit getrennte Bildungsgänge führen, kooperativ unter einem Dach zusammenarbeiten, Niveaukurse anbieten oder Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen gemeinsam unterrichten, entscheiden im Wesentlichen die Kultusministerien der Bundesländer. In einigen Ländern machen sie jedoch nur Rahmenvorgaben und überlassen es der einzelnen Schule vor Ort zu entscheiden, mit welchen Formen der Differenzierung sie arbeiten möchten. Dies gilt etwa für die Sekundarschule in Nordrhein-Westfalen, die Oberschule in Brandenburg oder die Realschule Plus in Rheinland-Pfalz. In diesen Fällen kann dieselbe Schulform also je nach Schulstandort sehr unterschiedlich organisiert sein.

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