Jens Marquardt im Interview: „Ein Wettrüsten muss in der DTM verhindert werden.“

By   /  October 11, 2017  /  Comments Off on Jens Marquardt im Interview: „Ein Wettrüsten muss in der DTM verhindert werden.“

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MIL OSI – Source: BMW Group –

Headline: Jens Marquardt im Interview: „Ein Wettrüsten muss in der DTM verhindert werden.“

München. Nach 16 von 18 DTM-Rennen hat BMW Werksfahrer Marco
Wittmann (GER) noch theoretische Chancen auf den Titelgewinn. Bei
Teams und Herstellern liegt Platz eins in den Gesamtwertungen
bereits außer Reichweite. BMW Motorsport Direktor Jens Marquardt
analysiert im Interview die Gründe für die schwierige Saison 2017
und erklärt, wie sich BMW die Zukunft der DTM vorstellt.

 

Herr Marquardt, die DTM-Saison 2017 geht am Wochenende zu
Ende. Welches sportliche Fazit ziehen Sie?

 Jens Marquardt: „Seit unserem DTM-Comeback im Jahr 2012 haben
wir in jedem Jahr mindestens einen Titel gewonnen. Und auch vor den
beiden abschließenden Rennen in Hockenheim bestehen noch
rechnerische Chancen, dass Marco Wittmann den Fahrertitel holen
kann. Solange das so ist, werden wir alles geben – und wie immer bis
zur letzten Runde kämpfen.“

 

Woran liegt es, dass in diesem Jahr die Konkurrenz vorne steht?

Marquardt: „Auf der Suche nach den Ursachen können wir zwei
große Faktoren ausmachen. Da sind zum einen die eigenen Fehler: Es
darf uns nicht passieren, dass wir – wie in Zandvoort – durch einen
halben Liter Benzin 25 Punkte verlieren. Wenn das nicht passiert,
dann sieht es in der Fahrerwertung schon wieder ganz anders aus. Zum
anderen haben wir in den vergangenen Rennen das wahre und um die
Performance-Gewichte bereinigte Kräfteverhältnis in der DTM 2017
gesehen. Dies hat ein grundlegendes Problem der DTM mit seinem
Homologationszyklus von zwei Jahren offenbart: Wenn es zu
Ungleichgewichten kommt und korrigierende Elemente wie das
Performance-Gewicht nicht greifen, dann kann das nicht im Sinne der
Fans sein.“

 

Wie lässt sich so etwas für die Zukunft verhindern?

Marquardt: „Da gibt es letztlich drei Möglichkeiten. Zunächst
käme der Ausgleich durch Performance-Gewichte in Frage. Aber wir
haben uns im Sinne des Sports richtigerweise geeinigt, darauf
künftig zu verzichten. Ein weiteres Szenario ist, dass die beiden
anderen Hersteller ihren Ressourcen-Einsatz erhöhen, um das Defizit
auf den Mitbewerber auszugleichen. Die Folge einer solchen Situation
ist ein technisches Wettrüsten, wie wir es auch in der Formel 1 oder
in der LMP1-Klasse gesehen haben. Das kommt für uns jedoch in der
DTM nicht in Frage, nicht zuletzt deshalb haben wir uns auf lange
Homologationszyklen geeinigt. Der dritte Ansatz umfasst die
Vereinheitlichung von Teilen im sichtbaren und für die Fans nicht
sichtbaren Bereich sowie die Reduzierung der Aerodynamik. Dies hat
viele positive Effekte: Unter anderem wird das Racing verbessert, da
die Autos aerodynamisch weniger sensibel sind. Und wir senken die Kosten.“

 

Welches ist der von Ihnen bevorzugte Weg?

Marquardt: „Wir vertreten den dritten Ansatz als ganz klare BMW
Position. Er repräsentiert zugleich unsere Vision für die Zukunft
der DTM: Die Rolle der Serie kann nicht darin liegen, dass sie für
einen Hersteller als LMP1-Ersatz dient. Ein Wettrüsten muss
unbedingt verhindert werden – und das findet nun einmal zu großen
Teilen in der Aerodynamik statt. Das wichtigste
Alleinstellungsmerkmal der DTM muss es sein, einen spektakulären,
engen Wettkampf aller involvierten Hersteller zu ermöglichen bei dem
der Fahrer im Vordergrund steht. Die Leistung der Piloten soll am
Ende den Ausschlag geben. Denn die DTM muss für ein Renn-Spektakel
der besten Tourenwagen-Fahrer der Welt stehen – und nicht für einen
teuren Wettstreit der Ingenieure. Dazu ist es unerlässlich, die
Aerodynamik endlich signifikant zu reduzieren. Es darf nicht mehr
möglich sein, etwa durch den Einsatz von in anderen Rennserien
freigewordenen Ressourcen das System auszuhebeln. Deshalb haben wir
uns schon von Beginn an für den so genannten Berger-Vorschlag
ausgesprochen – und freuen uns, dass uns die anderen auf diesem Weg folgen.“

Wie kann ein Hersteller unter solchen Voraussetzungen noch
seine Kernkompetenzen demonstrieren?

Marquardt: „Wenn wir wie in der DTM Motoren mit
Turbo-Technologie einsetzen, die besten Boxenstopps absolvieren, das
beste Set-up finden und im gleichen Zuge die Komplexität die
Fahrzeuge in einem für die Fans praktisch nicht sichtbaren Bereich
reduzieren, dann gewinnt am Ende jeder – und vor allem der
Zuschauer. Und darum muss es uns doch letztlich gehen: Was wollen
die Fans sehen und was nicht? Wir sind der Überzeugung, dass die
Fans Sekundenbruchteile, die im Aerodynamik-Bereich gewonnen werden,
kalt lassen. Sie wollen spektakulären Motorsport und bestenfalls
ihren Lieblingsfahrer oder Lieblingsmarke gewinnen sehen. Für die
Fans sitzen die Helden nun einmal im Cockpit, nicht an den Laptops.“

 

Welche Rolle kann die DTM dann künftig innerhalb der BMW
Group einnehmen, auch im Vergleich zu anderen Rennserien?

Marquardt: „Wir sind bei BMW hervorragend aufgestellt: Mit der
DTM wollen wir spektakuläre, stark fahrerorientierte Sprintrennen
auf hohem Niveau bieten, bei denen sich die besten
Tourenwagenfahrern der Welt untereinander messen. Mit dem BMW M8 GTE
stellen wir die Innovationskraft des Unternehmens in den
anspruchsvollsten GT-Rennserien der Welt unter Beweis. Die Formel E
nutzen wir als Technologie-Labor für die Entwicklung künftiger BMW
iNEXT Modelle und zeigen Innovations- und Integrationskompetenz in
der Elektromobilität auch auf der Rennstrecke. Und mit dem
Kundensport sind wir ganz nah an der Serie. Das Portfolio ist in
seiner Bandbreite einzigartig. Jedes Engagement erfüllt eine ganz
eigene Funktion mit individuellen Zielsetzungen.“

 

Glauben Sie also an eine Zukunft der DTM?

Marquardt: „Natürlich stellt der angekündigte Mercedes-Ausstieg
die DTM vor große Herausforderungen. Wenn man sich im Fahrerlager
umschaut, dann wird einem aber die ganze Dimension der DTM bewusst –
mit all den Zulieferern und Partnern, mit den vielen Fans auf der
Tribüne und vor den Fernsehern und mit ihrer Bedeutung in der
internationalen Motorsport-Szene insgesamt. 2012 sind wir in die DTM
eingestiegen, weil wir an diese Serie glauben. Wer weiß, ob es die
DTM ohne diesen Einstieg heute überhaupt noch geben würde. Wir
müssen nun für den weiteren Erhalt der Serie kämpfen – und genau das
tun wir mit Hochdruck. Die kommenden Monate werden in jedem Fall
sehr spannend.“

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