Wissenschaftler bestätigen dramatisches Insektensterben

By   /  October 19, 2017  /  Comments Off on Wissenschaftler bestätigen dramatisches Insektensterben

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MIL OSI – Source: NABU – Naturschutzbund Deutschland –

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Jahrzehntelange Untersuchungen belegen massive Biomasseverluste in Schutzgebieten

27 Jahre wurden Schutzgebiete untersucht – die Ergebnisse sind erschreckend: Mehr als 75 Prozent weniger Biomasse bei Fluginsekten. Es stellt sich nicht mehr die Frage, ob die Insektenwelt in Schwierigkeiten steckt, sondern wie das Insektensterben zu stoppen ist.

Auch Mauerbienen wie diese Natternkopf-Mauerbiene (Osmia adunca) sind vom Rückgang betroffen: Von 55 in Deutschland vorkommenden Arten sind bereits über die Hälfte gefährdet – Foto: Martin Sorg

18. Oktober 2017 – Das renommierte Wissenschaftsjournal PLOS ONE veröffentlichte die Studie „More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas“. Diese bestätigt erstmals den Insektenschwund in Deutschland. Zahlreiche ehrenamtliche Entomologen haben wissenschaftliche Daten zwischen 1989 und 2015 an über 60 Standorten gesammelt – die Ergebnisse sind erschreckend.

Mehr als 75 Prozent Verlust an Biomasse bei Fluginsekten

Der Rückgang bei Fluginsekten in Schutzgebieten wurde als Trend über alle untersuchten Standorte hinweg erkannt. Dieser Verlust ist nicht spezifisch für bestimmte Biotoptypen, er betrifft vielmehr das ganze Offenland. Die ermittelten Biomasseverluste betragen für die Sommerperiode 81,6 Prozent (79,7 bis 83,4 Prozent) und für die Vegetationsperiode von April bis Oktober 76,7 Prozent (74,8 bis 78,5). Die Verluste in der Sommerperiode sind höher, da die Insektenbiomasse in diesen Monaten am höchsten ist. Die Ergebnisse bestätigen auch, dass die bekannten Rückgänge von Artengruppen wie Schmetterlingen, Wildbienen und Nachtfaltern einhergehen mit den drastischen Biomasseverlusten bei Fluginsekten. Dies betrifft nicht nur seltene und gefährdete Arten, sondern die gesamte Welt der Insekten.

Grafik zur zeitlichen Verteilung der Insektenbiomasse

Die Grafik A zeigt die Verteilung der Insektenbiomasse (g/d = Gramm pro Tag) über alle Fallen und Fänge. Die graue Linie gibt den Trend der Insektenverluste nach Berücksichtigung von Wetter-, Landschafts- und Habitatseffekten wider. Der stärkste Rückgang von Insektenbiomasse wird im Sommer nachgewiesen. Die schwarze Linie in der Grafik B stellt den Gesamttrend dar. Die Farbenvariationen in beiden Grafiken geben lediglich das Jahr an und reichen von blau (1989) bis orange (2016). – Grafik: Hallmann, C.A., Sorg, M., Jongejans, E. et al. 2017

Die Insekten wurden mit Malaise-Fallen gefangen. Der Entomologische Verein Krefeld entwickelte dafür ein eigenes Modell, das seit 1985 über die gesamte Vegetationsperiode auf allen Untersuchungsflächen standardisiert wurde. Durch Malaise-Fallen können über 90 Prozent der Arten an Fluginsekten in Deutschland nachgewiesen werden.

Verteilung der Fallenstandorte (gelbe Punkte) in Nordrhein-Westfalen (57), Rheinland-Pfalz (1) und Brandenburg (5) sowie der berücksichtigten Wetterstationen (Kreuze) – Karte: Hallmann, C.A., Sorg, M., Jongejans, E. et al. 2017

Klima- und Biotopveränderungen können als Hauptverursacher ausgeschlossen werden

Durch die Untersuchungen konnten zusätzliche potentielle Ursachen in die Bewertung des Datenbestandes aufgenommen werden. So wurden die täglichen Klimadaten von 1989 bis 2016 von über 160 Wetterstationen im Umfeld der Standorte sowie Luftbilder und Vegetationsaufnahmen der Biotope während der jeweiligen Untersuchungsperioden ausgewertet. Weder die Klimadaten, noch Änderungen der Biotopmerkmale konnten nach der statistischen Bewertung den größten Teil der Verluste erklären. Weitere potentielle Einflussfaktoren, wie zum Beispiel die Belastung durch Pestizide aus direkt umliegender Agrarnutzung konnten mangels verfügbarer Daten leider nicht berücksichtigt werden.

Malaise-Falle im Einsatz – Foto: Martin Sorg

Malaise-Falle im Naturschutzgebiet nahe einer landwirtschaftlich genutzten Fläche – Foto: Martin Sorg

Beeinträchtigung von Schutzgebieten durch intensive Landwirtschaft?

Durch die Studie konnte nicht abschließend geklärt werden, wie groß der Einfluss durch die intensive Landwirtschaft auf den Zustand der Insektenwelt tatsächlich ist. Ein Hinweis, dass die Wahrscheinlichkeit hierfür sehr groß ist, liefert uns die Studie aber dennoch. Bei den Untersuchungsflächen weisen nämlich 90 Prozent der Standorte im Umfeld intensive Landwirtschaft auf. Damit sind diese Standorte ganz typisch für Schutzgebiete der heutigen Kulturlandschaft Deutschlands. Etwa 60 Prozent aller Naturschutzgebiete sind hierzulande kleiner als 50 Hektar. Die Gebiete werden durch ihre Insellage und durch ihre langen Außengrenze stark von ihrer Umgebung beeinflusst – äußere Einflüsse, wie der Eintrag von Pestiziden oder Nährstoffen (Eutrophierung) können nicht ausreichend abgepuffert werden. So liegt es nahe, dass durch Praktiken der intensiven Landwirtschaft der Erhaltungszustand vieler Schutzgebiete massiv beeinträchtigt wird – und nicht zuletzt der von Insekten. Die jetzige Veröffentlichung stellt einen Teilschritt umfangreicher laufender Auswertungsarbeiten dar, die auch aktuelle Untersuchungen in weiteren Gebieten einbeziehen.

Schlussfolgerungen

Die Studienergebnisse sind repräsentativ für alle Offenlandbiotope des deutschen Tieflands. Damit sind sie von überregionaler Bedeutung und lassen vermuten, dass es sich beim Insektenrückgang um ein flächendeckendes Problem handelt. Mittlerweile stellt sich also nicht mehr die Frage, ob die Insektenwelt in Schwierigkeiten steckt, sondern vielmehr wie der Insektenrückgang noch zu stoppen ist.

Schutzgebietsmanagement muss Landwirtschaft mit einbeziehen

Bis heute müssen Landwirte, die in oder an Schutzgebieten Landwirtschaft betreiben, den Naturschutzbehörden weder die Wirkstoffe noch die Menge der eingesetzten Pestizide mitteilen. Vielen Schutzgebieten muss damit ein unzureichendes Risikomanagement attestiert werden, bei dem jede Überprüfung und Planungsintegration in die entsprechende Schutzgebietsverordnung verhindert wird.

Das führt dazu, dass landwirtschaftliche Nutzung sogar inmitten mancher Naturschutzgebiete und ohne Pufferzone neben den Flächen pauschal gestattet wird. Dadurch wird deutlich, dass der „Aktionsrahmen der Gemeinschaft für die nachhaltige Verwendung von Pestiziden“ (Richtlinie 2009/128/EG) der Europäischen Union nur unzureichend umgesetzt wird. Dort heißt es in Artikel 12 (b), dass unter anderem in Schutzgebieten die Verwendung von Pestiziden so weit wie möglich minimiert oder verboten werden soll.

Pestizidverbot in Schutzgebieten

Der NABU fordert daher generell eine drastische Reduktion des Pestizideinsatzes und ein Verbot aller Pestizide auf der als Naturschutzgebiet ausgewiesenen Landesfläche. Um zukünftig bei Untersuchungen besser feststellen zu können, welche Wirkstoffe in welcher Höhe und in welchem Zeitraum angewendet wurden, muss für mehr Transparenz gesorgt werden. Zumindest Naturschutzbehörden und Wissenschaftlern müssen die Daten über Pestizideinsätze zugänglich gemacht werden.

Risiken des Pestizideinsatzes müssen drastisch minimiert werden

Inner- und außerhalb von Schutzgebieten muss verantwortungsvoller mit der Natur umgegangen werden. Auch wenn die Ursachenforschung mit Hochdruck weiterbetrieben werden muss, zeigen aus Ansicht des NABU bereits viele internationale Studien, dass hochwirksame Insektengifte und hier besonders aus der Wirkstoffklasse der Neonicotinoide eine bedeutende Rolle spielen können. Allein schon aufgrund dieser Ergebnisse fordert der NABU ein sofortiges und vollständiges Verbot dieser Pestizide.

Darüber hinaus fordert der NABU, dass die EU- und länderspezifischen Zulassungsverfahren für derartig ökotoxische Pestizide dringend zu überarbeiten sind. Zwingend sind realitätsnah die Wirkungen für typische Ökosysteme in die Prüfverfahren zu integrieren. Das schließt die Toxizitätsüberprüfung von Tankmischungen und Mittelkombinationen mit ein.

Etablierung eines bundesweiten Insekten- und Biodiversitätsmonitorings

Da viele Insekten im Naturkreislauf unentbehrlich und ein sehr aussagekräftiger aber bislang vernachlässigter Bioindikator für viele Umweltentwicklungen sind, fordert der NABU die Etablierung eines langfristig angelegten  bundesweiten Insektenmonitorings. Hier könnte NRW als Vorbild dienen, da das Land seit 2017 begonnen hat, 100 Standorte im Land regelmäßig zu beproben. Die Bundesregierung muss zudem einen Schwerpunkt auf die Erforschung und den Schutz der biologischen Vielfalt legen.

Eine Forderung des NABU an die politischen Entscheidungsträger ist es dabei, bundesweit Verantwortung zu übernehmen und den Grundstein für ein Deutsches Zentrum für Biodiversitätsmonitoring in Trägerschaft von Wissenschaftseinrichtungen zu legen und eine ausreichende Finanzierung sicherzustellen. Zusätzlich bedarf gerade der Tätigkeitsbereich der auf wissenschaftlicher Basis forschenden Naturschutzverbände einer erheblich besseren Förderung.

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