ETF Magazin: “Defensiv gut gewappnet”

By   /  October 24, 2017  /  Comments Off on ETF Magazin: “Defensiv gut gewappnet”

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MIL OSI – Source: Boerse Frankfurt –

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23. Oktober 2017. München (ETF Magazin). Die Unsicherheit an den Märkten wächst: Im neunten Bullenmarktjahr sind die Bewertungen vergleichsweise hoch – trotz vieler Risiken. 79 Prozent der im “European Senior Fixed-Income Investor Survey” der Rating-Gesellschaft Fitch befragten Investoren halten die politischen Risiken für hoch. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Markteinbrüche an den Aktienmärkten in der Vergangenheit sehr heftig ausfallen konnten und oft stärker als erwartet waren.

In solch einer Situation lautet ein häufig geäußerter Rat, Anleger sollten ihre Wertpapierportfolios defensiver gestalten und so vor Renditen schützen. In einer ausführlichen Studie haben wir recherchiert, warum Anleger ihr Portfolio defensiv ausrichten sollten und welche Instrumente und Strategien sich dafür besonders eignen. Grundsätzlich lassen sich drei Wege beschreiten: Diversifikation, Asset-Allokation-Strategien und der Einsatz von Derivaten. Alle drei haben Vor- und Nachteile und selbstverständlich lassen sie sich auch miteinander kombinieren. Wird ein Portfolio zum Beispiel mit Hilfe von Derivaten wie Optionen, Swaps oder Futures defensiver aufgestellt, dann können auf diese Weise Verlustgrenzen exakt definiert werden. Allerdings ist diese Art der Portfolio-Absicherung relativ teuer, und Derivate sind mitunter in ihrer Liquidität und Transparenz eingeschränkt.

Ein Beispiel für die Risikosteuerung mit Hilfe von Asset-Allokation-Strategien sind volatilitätsbasierte Strategien, wie etwa “Minimum Volatility” (MinVol). Sie optimieren Portfolios auf eine bestimmte Volatilität im Vergleich zum Gesamtmarkt; bei Risk-Parity-Strategien hingegen soll jede Anlageklasse gleich viel zum Gesamtrisiko des Portfolios beitragen – je höher ihr Risiko ist, desto geringer ist der Anteil einer Anlageklasse im Portfolio. Bei CPPI-Strategien (Constant Proportion Portfolio Insurance), wie sie Garantiefonds häufig nutzen, wird das Gewicht zwischen Aktien und Anleihen im Portfolio regelmäßig dynamisch angepasst. Solche Strategien sind jedoch teilweise komplex, und sie erfordern viel Aktivität. Die Herausforderung dabei ist, die Transaktionskosten im Griff zu behalten.

Diversifikation, also eine breite Streuung des Portfolio-Vermögens über verschiedene Einzelwerte von Aktien und Anleihen, ist der wohl am häufigsten begangene Weg, um das Verhältnis von Rendite und Risiko in einem Wertpapiervermögen zu optimieren. Im Rahmen von Multi-Asset-Ansätzen kommen weitere Anlageklassen wie Immobilien, Rohstoffe oder Edelmetalle und alternative Anlagen wie etwa Infrastruktur hinzu. Gemeinhin gilt, wer die Diversifikation im Portfolio erhöht, der senkt sein Gesamtrisiko. Allerdings braucht es eine große Anzahl an Wertpapieren, um diesen Effekt zu erzielen. Auch ist diese Strategie nicht geeignet, klare Verlustgrenzen im Portfolio zu installieren. Zudem ist Diversifikation nicht per se mit einer defensiven Aufstellung des Portfolios gleichzusetzen: Um das Verlustrisiko wirksam einzugrenzen, kommt es darauf an, die richtigen defensiven Investments auszuwählen.

So tragen innerhalb eines Wertpapierportfolios aus Aktien und Anleihen die Aktien überragend zum Gesamtrisiko bei. Setzt sich beispielsweise ein Depot zu 60 Prozent aus dem Euro-Stoxx-50-Aktienindex und zu 40 Prozent aus dem Barclays-Euro-Aggregate-Overall–Anleihenindex zusammen, ergeben sich 98 Prozent des Portfolio-Risikos aus dem Aktienanteil. Deshalb sind insbesondere Aktien defensiver Branchen für die Diversifikation geeignet.

Gelassenheit hilft.

Zu diesen Branchen gehören unter anderem Basiskonsumgüter, Energie, Gesundheit, Telekommunikation und Infrastruktur. Mit Sektoren-ETFs lassen sich diese Branchen abbilden. In Frage kommen beispielsweise ETFs auf den MSCI-World- Energy-Index oder – auf Europa bezogen – den Stoxx-
Europe-600-Health-Care-Index. Dass Aktien dieser Branchen als defensiv zu bewerten sind, lässt sich anhand verschiedener Kriterien zeigen. Dazu zählen bestimmte Risikokennziffern, die Korrelation, die Asymmetrie, aber auch die aktuelle Bewertung am Markt.

Defensive Branchen zeichnen sich durch ein Beta kleiner als 1 aus. Deshalb sind solche Aktien geeignet, um ein Portfolio zu stabilisieren. Zugleich lässt sich empirisch belegen, dass Aktien aus defensiven Branchen sogar eine bessere Wertentwicklung vorweisen können als Aktien aus zyklischen Branchen mit hohen Schwankungen und einem hohen Beta. Zu den Branchen mit einem Beta oberhalb von 1 gehören IT-Unternehmen, Nicht-Basiskonsumgüter, Immobilien-, Finanz- und Industrieunternehmen, aber auch die Grundstoffindus-trie. Betrachtet man den MSCI-World-Index zwischen 2012 und 2016, zeigt sich als eines von vielen Beispielen, dass Basiskonsumgüter ein sehr kleines Beta von 0,6 aufwiesen, aber eine deutlich bessere Wertentwicklung als Industrieunternehmen mit einem hohen Beta von über 1.

Andere Risikokennziffern beantworten die Frage, ob ein einzelnes Wertpapier oder ein Index im Vergleich tatsächlich weniger risikoreich ist. Oft verwendet wird die Volatilität, also die Schwankungsbreite des Kurses einer Aktie im Zeitverlauf. Je höher die Volatilität, desto höher sind meist die Wertschwankungen. Anlagen mit niedriger Volatilität hingehen bringen mehr Ruhe ins Portfolio. Sehr aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist der maximale Verlust, den ein Wertpapier in einem bestimmten Zeitraum bisher erlitten hat – der “Maximum Drawdown”. Je niedriger dieser Wert ist, desto stabiler ist die Anlage gewöhnlich in stark fallenden Märkten. Hier zeigt sich zum Beispiel, dass Anlagen in einen MinVol- oder einen Quality-Index tatsächlich einen geringeren maximalen Rückschlag und eine geringere langfristige Volatilität aufweisen als ein breiter weltweiter Aktienindex.

Widerstandsfähige Indizes.

Steigt eine Aktie nicht so stark wie der Gesamtmarkt, erweist sich aber als widerstandsfähiger gegen Verluste, dann verhält sie sich asymmetrisch und eignet sich gut für ein defensives Portfolio. Die sogenannte Upside- und Down-side-Capture-Ratio beschreibt diese Asymmetrie einer Aktie. Der Euro-Stoxx-Index zum Beispiel gewinnt in steigenden Märkten im Vergleich zum MSCI-World-Index zwar stärker als dieser – so weit, so gut. Doch wenn der Welt-Aktien-Index fällt, dann verliert der Euro-Stoxx noch einmal deutlich mehr.

Damit verhält er sich zwar asymmetrisch, besser wäre allerdings, er würde stärker steigen und weniger stark fallen. Eine widerstandsfähige und defensive Anlage verhält sich bei einem Kursrückschlag genauso, fällt also schwächer als der Gesamtmarkt. Ein günstigeres Verhältnis von Down- und Upside-Capture-Ratio findet sich zum Beispiel bei breiten Rentenindizes wie dem Barclays-Global-Aggregate-Bond-Index sowie bei Schwellenländer-Anleihen (Emerging-Markets-Liquid-Eurobond-Index) und bei Minimum-Volatility-Konzepten wie dem MSCI-World-Minimum-Volatility-Index. Die meisten dieser Märkte oder Indizes lassen sich mit ETFs oder ETCs abbilden. Der defensive Charakter eines Portfolios lässt sich nochmals schärfen, wenn die enthaltenen Aktien eine geringe Korrelation zueinander aufweisen. Diese Kennzahl beantwortet die Frage, ob ein Wertpapier tatsächlich auch zur Diversifikation, also zur Risikostreuung, eines Portfolios beiträgt. Allerdings können sich Korrelationen im Zeitverlauf verändern, wie gerade die vergangenen Jahre gezeigt haben – Portfolios müssen deshalb immer wieder neu entsprechend ausgerichtet werden.

Nicht zuletzt spielt die aktuelle Marktbewertung eine Rolle. Eine Aktie kann im Vergleich zu anderen Aktien ihrer Branchen hoch bewertet sein. Branchen können gegenüber anderen Branchen hoch bewertet sein. Eine Anlage kann zudem auch im historischen Vergleich hoch bewertet sein – oder niedrig. Defensive Aktien bewegen sich bei allgemein teuren Märkten auf vergleichsweise günstigen Bewertungsniveaus. Das senkt ihr Rückschlagspotenzial. Das gängigste Maß für die Bewertung einer Aktie ist ihr aktueller Kurs im Verhältnis zum erwarteten Gewinn. Ein im historischen Vergleich sehr hohes Kurs-Gewinn-Verhältnis dürfte sich wahrscheinlich nicht als defensive Anlage eignen. Immer wieder – auch aktuell – wird diskutiert, wie weit “hoch” bewertete Aktien noch steigen können. Dies zeigt, dass alle hier aufgeführten Kriterien, für sich allein stehend, für eine Allokationsentscheidung in der Regel nicht ausreichen. Einerseits müssen sie immer im Zusammenhang eines Vergleichs oder einer Zeitreihe analysiert werden. Andererseits ergibt erst die Analyse aller Kriterien ein Gesamtbild, das letztlich zu einer Entscheidung über die Aufnahme einer Aktie oder eines Index in ein defensives Portfolio führen kann.

Die defensive Ausrichtung eines Wertpapierportfolios kann also nicht vollständig vor Verlusten schützen. Aber mit Hilfe von Korrelationen, Volatilitäten, Bewertungskennziffern und anderen Eigenschaften lassen sich Portfolios so zusammenstellen, dass sich ihr Gesamtrisiko besonders in Situationen starker Kursrückgänge im Vergleich zum Gesamtmarkt in Grenzen hält. ETFs bieten dabei eine unkomplizierte Möglichkeit zur Umsetzung verschiedener Diversifizierungsstrategien. Richtig eingesetzt, lassen defensive Anlagen einerseits eine gute Wertentwicklung in einem positiven Börsenumfeld zu, während sie sich in angespannten Märkten vergleichsweise robust gegenüber Verlust-risiken zeigen.

© 23. Oktober 2017 – ETF Magazin
Dieser Artikel stammt aus dem aktuellen ETF Magazin.Das ETF Magazin erscheint quartalsweise in Zusammenarbeit mit Focus Money und richtet sich an Berater, Vermögensverwalter und Portfoliomanager, ist aber sicher auch für informierte Anleger interessant.

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