Halvers Woche: “Droht Wall Street die Trump’sche Moralkeule?”

By   /  November 3, 2017  /  Comments Off on Halvers Woche: “Droht Wall Street die Trump’sche Moralkeule?”

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MIL OSI – Source: Boerse Frankfurt –

Headline: Halvers Woche: “Droht Wall Street die Trump’sche Moralkeule?”

3. November 2017. MÜNCHEN (Baader Bank). Mein Eindruck ist, dass vielen deutschen Anlegern bei US-Aktien zuerst wenig freundlich US-Präsident Trump in den Sinn kommt: Denk ich an Trump in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht. In der Tat, statt verantwortungsvoller Führer der freien westlichen Welt zu sein, setzt er außenpolitisch auf amerikanischen Egoismus und Isolationismus. Und auch innenpolitisch zeigt sich der Präsident nicht als Ausbund an Regierungsfähigkeit.
Der Vertrauensverlust in die US-Politik stört Amerika selbst weniger als die Rest-Welt. Wall Street scheint auf dem politischen Auge blind zu sein. Warum sollte ansonsten der US-Aktienmarkt das Polit-Chaos mit so vielen Rekordständen belohnen? Aber wenn die Sehkraft wieder zunimmt? Kommt dann die Erkenntnis, dass die Trumpsche Aktienhausse auf Sand gebaut ist? Stehen also Dow Jones, S&P 500 und Nasdaq vor einem Kurseinbruch oder sogar einem Crash?
Mit der zweiten Reihe regiert man besserIn puncto Regierung sollte man jedoch den Washingtoner Polit-Apparat nicht unterschätzen. Trumps Ministerriege und die vielen Stabsstellen sind so etwas wie die ersten Offiziere der USS America. Sie sind durchaus in der Lage, selbst einen Captain “Donald” Ahab vom Kurs einer sinnlosen Verfolgung von Moby Dick abzubringen. “Selbst ein Captain “Donald” Ahab kann vom Kurs einer sinnlosen Verfolgung von Moby Dick abgebracht werden.”  

Diese Smart Guys setzen auf ökonomische Vernunft. Sie wollen eine Unternehmenssteuersenkung und eine geringe pauschale Einmalsteuer auf nach Amerika zurückgeführte Auslandsgewinne von US-Konzernen.
Sicher kommt die Steuersenkung nicht über Nacht und für sie ist die Zustimmung der Demokraten im US-Senat erforderlich. Doch auch sie wollen nicht als Konjunktur-Verräter gebrandmarkt werden. National unbestrittener Konsens ist es nämlich, dass die USA ein wettbewerbsunfreundliches Unternehmens-Hochsteuerland sind. Die Chancen für eine Steuerreform stehen nicht schlecht.
Digitalisierung findet in Amerika einen fruchtbaren Nährboden
Steuersenkungsbedingte Rückführungen von im Ausland viele Billionen schwer gehaltenem Kapital der US-Konzerne treten dann einen amerikanischen Investitionsboom los und verbesserten den US-Arbeitsmarkt auch qualitativ. Nicht zuletzt böten die USA noch attraktivere Rahmenbedingungen für ausländische Investoren.
Amerika würde sich vor allem noch mehr als Standort für die Digitalisierung, also die industrielle Revolution 4.0 empfehlen. Mit Unternehmen wie z.B. Amazon, Alphabet als Mutter von Google, Apple oder Facebook steht Amerika hierbei vielfach in der Pole Position. Mit dieser Waffe wollen die USA die klassischen Industrieländer wie Deutschland und Japan erfolgreich angreifen. So wird Amerikas Anteil an der Wertschöpfung von z.B. Autos immer weiter steigen. Während Amerika bereits die Digitalisierungssprache beherrscht, wird bei uns noch über Sprachkurse diskutiert. “Während Amerika bereits die Digitalisierungssprache beherrscht, wird bei uns noch über Sprachkurse diskutiert.”  

Steuerlich und digitalisierungsbedingt sind steigende Gewinne der US-Aktiengesellschaften zu erwarten, die damit ihre aktuell sportliche Bewertung entspannen. Die Stimmung in der amerikanischen Industrie als Frühindikator ist bereits vielversprechend.
Die Angst der Fed vor der Zerschlagung der hässlichen Fliege

Die US-Notenbank Fed wird nicht zum Aktien-Terminator. Der global harte Wettbewerb, damit fehlender Lohnkostendruck und angesichts der Alternativfördermethode Fracking ausbleibende Ölpreisschocks der Opec sprechen nicht für robuste Inflation und damit harte Zinssteigerungen.
Man darf nicht vergessen, dass die USA bis Oberkante Unterlippe verschuldet sind. Gegenüber der Verschuldung von heute ist jene vor Ausbruch der Schuldenkrise 2008 ein Kindergeburtstag. Deren reibungslose Finanzierung geht heutzutage erst Recht nur durch anhaltende Zinssubventionierung der Notenbank. Und für die Neuverschuldung wegen der Steuerreform wird ebenso gelten: Sponsored by Fed.
Überhaupt, die seit 2008 günstigen Kreditzinsen haben auch die US-Konsumenten wieder in eine schlimme Schuldensucht bei Hypotheken, Kreditkarten, Autos, Studentendarlehen und Wertpapierkrediten getrieben.
Diese völlig übertriebene Kreditsucht ist wie eine hässliche Fliege, die auf einer wertvollen Vase sitzt. Mit scharfen Zinserhöhungen müsste die Fed diesen Ungezieferbefall stabilitätspolitisch eigentlich beseitigen, d.h. die Fliege zerschlagen. Das hat sie übrigens schon einmal zwischen 2004 und 2006 gemacht. Leider hat sie damit 2008/2009 eine Schuldenkrise ausgelöst, die zuerst die Konjunktur und dann den Aktienmarkt ruinierte. Zwar war die Fliege dahin, aber die Vase leider auch.
Einen weiteren Zinsschock kann sich die Fed nicht erlauben. Sie ist gezwungenermaßen tierlieb geworden. Ihre Sympathie für Insekten zeigt sie ebenso in einem nur sanften Liquiditätsentzug. Im Übrigen lässt sich die Fed Hintertürchen für den Einstieg in den Ausstieg aus dem Einstieg in die geldpolitische Restriktion offen. “Einen weiteren Zinsschock kann sich die Fed nicht erlauben.”  

Mit dieser verhalten restriktiven Zinspolitik bremst die US-Notenbank zudem die Aufwertung des Dollars. Eine durchaus dem amerikanischen Außenhandel verpflichtete Fed betreibt keine Exportpolitik pro Eurozone oder Japan. Selbst für die US-Notenbanker gilt: America First. Die Aktien der amerikanischen Global Player wird es freuen.
Übrigens hat sich Trump mit dem Nachfolger von Frau Yellen an der Spitze der US-Notenbank keine wirtschaftsunfreundliche Laus in den Pelz gesetzt.
Die US-Volkswirtschaft bleibt ebenso gedopt wie Dow Jones & Co.
An Wall Street regiert Rendite, nicht die Heilsarmee

Rekordstände am US-Aktienmarkt sind kein grundsätzliches Kurshemmnis, wenn die Aktien-Story weiter stimmig ist. Ich erinnere mich an 1991, als der Dow Jones erstmalig über 3.000 Punkte stieg. Damals hieß es, der Leitindex könne mit Blick auf die übertrieben hohen Kurse nicht weiter steigen. Heute liegt er fast auf dem Achtfachen seines damaligen Niveaus.
Eine höhere Schwankungsbreite am US-Aktienmarkt ist zwar einzukalkulieren. Nachhaltige Kurseinbrüche oder sogar ein Crash sind aber nicht zu befürchten.
Allein wegen Trump als vermeintliche persona non grata sollten sich deutsche Anlegerinnen und Anleger nicht von US-Aktien abwenden. Moral- und Renditefragen sind strikt voneinander zu trennen. Für gute Sitten gibt es andere Institutionen. Man kauft im Tofu-Laden ja auch keine Leberwurst.

3. November 2017, © Baader Bank AGÜber den Autor
Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank und Halvers Woche Bestandteil des wöchentlichen Kapitalmarktmonitors.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.

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