Doppel-Interview mit Jens Marquardt und Jochen Neerpasch: “Es ist genauso wichtig, in die Fahrer zu investieren wie in die Technik.“

By   /  November 24, 2017  /  Comments Off on Doppel-Interview mit Jens Marquardt und Jochen Neerpasch: “Es ist genauso wichtig, in die Fahrer zu investieren wie in die Technik.“

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MIL OSI – Source: BMW Group –

Headline: Doppel-Interview mit Jens Marquardt und Jochen Neerpasch: “Es ist genauso wichtig, in die Fahrer zu investieren wie in die Technik.“

München. Die Geschichte der BMW Motorsport Nachwuchsförderung
ist untrennbar mit dem Namen ihres Gründers verbunden: Jochen
Neerpasch. Der damalige BMW Motorsport Direktor schuf 1977 das
legendäre BMW Junior Team. Beim Jubiläumsevent zum 40. Geburtstag
der Nachwuchsförderung trafen Neerpasch und BMW Motorsport Direktor
Jens Marquardt zusammen. Im Interview sprechen sie über
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Talentförderung durch BMW Motorsport.

Herr Marquardt, Herr Neerpasch, inwieweit sind 40 Jahre BMW
Motorsport Nachwuchsförderung für Sie beide ein ganz besonderes Jubiläum?

 
Jochen Neerpasch: „Ich fand es toll, Eddie Cheever nach all der Zeit
wieder einmal zu treffen. Ich hatte ihn ewig nicht mehr gesehen. Es
ist großartig zu sehen, wie sich diese Menschen auch über den
Motorsport hinaus weiterentwickelt haben. Das war für mich ein großes Erlebnis.“

 
Jens Marquardt: „Für mich ist es beeindruckend, wie wir es bei BMW
Motorsport schaffen, Projekte wie das vor 40 Jahren von Herrn
Neerpasch initiierte Nachwuchsprogramm in ihren Grundideen
weiterzuführen und darauf immer wieder aufzubauen. Daran, wie gut sich
ehemalige und aktuelle Junioren auf Anhieb verstanden haben, sieht
man, dass bei BMW die Motorsport-Familie über die Jahre einfach eine
tolle Einheit bildet.“

 

Als das BMW Junior Team 1977 an den Start gegangen ist, sind
Sie, Herr Marquardt, noch zur Schule gegangen …

Marquardt: (lacht) „Ja, da war ich zehn.“

 

Wann haben Sie angefangen, sich für Motorsport zu interessieren?

Marquardt: „Das war ungefähr in dieser Zeit, wobei ich da ganz
ehrlich gestehen muss, dass ich mich da noch nicht großartig für BMW
interessiert habe. Ich bin mit einem Freund immer zur Schule geradelt,
und wir sind Rennen gefahren. Wir waren natürlich Formel-1-Fahrer, er
war Jacky Ickx, ich musste mir was anderes aussuchen und habe dann
Mario Andretti genommen, einfach weil ich den schwarzen Lotus mit der
goldenen Schrift so toll fand. Ich habe auf dem Rennrad als Mario
Andretti auch das eine oder andere Rennen in die Schule gewonnen.“ (lacht)

 

Stichwort Schule, Herr Neerpasch: Wie sind Sie damals auf die
Idee gekommen, mit dem BMW Junior Team eine Rennfahrer-Schule ins
Leben zu rufen?

Neerpasch: „Ich bin früher selbst Rennen gefahren und hatte gewisse
physische Probleme. Wenn es einen Wetterumschwung gab, hatte ich
Kopfschmerzen und war unkonzentriert. Damals gab es noch keine
Physiotherapeuten, die Fahrer waren total auf sich alleine gestellt.
Das war das erste, was mir in den Kopf kam, als ich ins Management
ging und für den Rennsport verantwortlich war. Den Fahrern eine
physische Grundlage zu geben, das System Mensch-Maschine zu fördern
und nicht nur Wert auf die Technik zu legen, sondern sehr wohl auch
den Fahrer zu schulen. Denn nur das Gespann aus Fahrer und Technik
kann erfolgreich sein, und deshalb haben wir mit dem BMW Junior Team begonnen.“

 

Der erste Jahrgang mit Eddie Cheever, Marc Surer und Manfred
Winkelhock war aufgrund seiner Fahrweise als „Wilde Reiter GmbH“
bekannt. Waren Sie immer überzeugt, dass Sie mit den drei Fahrern
die richtige Wahl getroffen hatten?

 
Neerpasch: „Oh ja. Wir hatten sie natürlich vorher schon beobachtet.
Alle drei waren in der Formel 3 recht erfolgreich, und wir haben sie
als herausragende Talente erkannt. Wir haben sie dann auch nicht
einfach auf die Rennstrecke gelassen, sondern sie über den Winter in
Test- und Versuchsfahrten technisch ausgebildet. Wir sind dann ins
Fitness-Camp nach St. Moritz gefahren und haben sie physisch
ausgebildet. Sie waren gut vorbereitet. Aber wir hatten keine Regeln,
wer vorne sein soll, sondern wir haben sie frei gegen unsere Senioren
– das waren damals Ronnie Peterson, Hans-Joachim Stuck und David Hobbs
– auf gleichen Fahrzeugen ins Rennen geschickt. Das war für die auch
ein Maßstab. Sie haben aufgrund der Konkurrenz untereinander und auch
mit den Senioren in sehr kurzer Zeit sehr viel mehr gelernt.“

 

Herr Marquardt, auch heute ist noch die enge Zusammenarbeit
zwischen BMW Werksfahrern und BMW Motorsport Junioren ein sehr
wichtiger Punkt, richtig?

 
Marquardt: „Absolut. Genau die gleichen Grundsätze wie damals gelten
auch heute. Es geht darum, unsere Junioren technisch, physisch und
mental weiterzubringen. Das kann man nicht besser machen als über
erfolgreiche Beispiele und Vorbilder. Davon haben wir zum Glück viele.
Wir haben Dirk Adorf, der sich ganz früh im Programm um die Junioren
kümmert, und Jörg Müller, der für die GT3-Ausbildung zuständig ist.
Dazu kommen aber auch Martin Tomczyk, Philipp Eng und all die anderen,
die mit den Junioren gerne fahren. Sie haben alle einfach Spaß und
wissen natürlich aus eigener Erfahrung, dass auch sie in ihrer
Karriere Leute hatten, die sie unterstützt haben. Das geben sie gerne
an die Junioren zurück. Die Fahrer sind ein richtig tolles Team.
Darauf bin ich stolz.“

Wie zufrieden sind Sie generell mit der Neuausrichtung des
Junior-Programms seit 2014?

 
Marquardt: „Nach der Formel BMW und dem Formula BMW Talent Cup haben
wir das neue Programm wieder mehr daran angelehnt, wie es früher
gelaufen ist. Dass man sich junge Fahrer aussucht und diese dann
gezielt in den BMW Programmen und mit den BMW Produkten aufbaut. Der
Erfolg unseres ehemaligen Juniors Jesse Krohn, der nun zum festen
GT-Fahreraufgebot zählt, zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind,
und so machen wir auch weiter.“

 

Herr Neerpasch, haben sich aus Ihrer Sicht die Anforderungen
an junge Rennfahrer in den letzten Jahrzehnten sehr verändert?

 
Neerpasch: „Ich glaube schon. Man fängt heute sehr viel früher an,
sich mit dem Motorsport zu beschäftigen. Man fährt ja schon mit sechs,
sieben Jahren Kart. Auch die Vorbereitung ist anders. Heute wird alles
simuliert. Ein Rennfahrer kennt jetzt schon die Rennstrecke, bevor er
sie das erste Mal befährt. Da hat sich sehr viel geändert. Früher
musste man alles aufgrund eigener Erfahrungen erlernen, heute geht man
bereits sehr gut vorbereitet auf die Rennstrecke.“

 

Herr Marquardt, wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht für einen
Hersteller wie BMW, selbst seinen Nachwuchs zu fördern?

 
Marquardt: „Das ist extrem wichtig. Wir sind mit unserem Programm vom
GT-Sport über DTM, WEC und IWSC bis zur Formel E so breit aufgestellt,
dass wir natürlich von uns selbst entwickelte Junioren in diesen
Programmen erfolgreich einsetzen wollen. Ich glaube, Herr Neerpasch
hat ganz früh erkannt, dass es genauso wichtig ist, in die Fahrer zu
investieren wie in die Technik. Denn es hilft einem nichts, wenn man
ein tolles Auto hat, aber der Fahrer, der am Ende doch oft den kleinen
Unterschied ausmacht, aus sich selbst und damit aus dem Gesamtpaket
nicht 100 Prozent herausholen kann.“

 

Wie hoch ist vor diesem Hintergrund die Arbeit von Herrn
Neerpasch, die er nicht nur für die Nachwuchsförderung, sondern
generell für BMW M und BMW Motorsport geleistet hat, zu bewerten?

 
Marquardt: „Ich habe größten Respekt vor seiner Leistung. Herr
Neerpasch ist für mich in vielerlei Hinsicht ein riesen Vorbild, weil
er gerade für BMW M und für BMW Motorsport, aber auch für die
Nachwuchsförderung als Pionier einen Weg in die Zukunft gewiesen hat.
Auch das Art Car, das vor kurzem in Macau unterwegs war, war eine der
Ideen, die er mit entwickelt hat.“

 
Neerpasch (lacht): „Jetzt kriege ich aber langsam einen roten Kopf …“

 

Herr Neerpasch, welchen Eindruck haben Sie von den aktuellen
Junioren und davon, wie sie ausgebildet werden?

 
Neerpasch: „Das hat mich sehr beeindruckt, muss ich sagen. Schon
alleine die Köpfe zu sehen, wie engagiert sie sind, wie gut sie
ausgebildet sind. Und auch ihre Einstellung, das finde ich sehr
bemerkenswert. Ich bin ja schon länger aus dem Geschäft, aber jetzt
muss ich Ihnen ein Kompliment machen, Herr Marquardt, das ist wirklich
toll und hat einen sehr guten Eindruck gemacht.“

Marquardt: „Vielen Dank!“

 

Herr Marquardt, können Sie schon einen Ausblick geben, wie es
mit dem Junior Programm im nächsten Jahr weitergeht?

 
Marquardt: „Ja, wir werden im Grundsatz genauso weitermachen, wie wir
in diesem Jahr unterwegs sind. Wir haben uns entschieden, die
Junioren, die wir im Moment an Bord haben, auch im nächsten Jahr zu
behalten. Wir werden also keine zusätzlichen Talente dazu nehmen,
sondern das Programm mit den aktuellen Junioren intensivieren. Ich
freue mich schon darauf. Jesse Krohn wird im nächsten Jahr endgültig
dem Junior Programm entwachsen sein. Auf ihn warten sicherlich
interessante Aufgaben in unserem Werksprogramm.“

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