Insektensterben in Deutschland

By   /  December 5, 2017  /  Comments Off on Insektensterben in Deutschland

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MIL OSI – Source: NABU – Naturschutzbund Deutschland –

Headline: Insektensterben in Deutschland

Insekten sind für das Gleichgewicht der Ökosysteme unentbehrlich. Doch in den letzten Jahrzehnten gehen ihre Bestände dramatisch zurück. Was sind die Gründe und was kann ich als Einzelner gegen das Insektensterben tun? Hier finden Sie die Antworten.

Wie groß ist die Welt der Insekten?

Bereits seit 400 Millionen Jahren bevölkern Insekten die Erde. Mit weit mehr als einer Million Arten sind sie die artenreichsten Tierklasse überhaupt. Allein in Deutschland geht man von etwa 30.000 Insektenarten aus.

Welche sind die häufigsten Insektenarten?

Zu den häufigsten Insektenordnungen gehören die Hautflügler (z.B. Wildbienen, Wespen), Zweiflügler (z.B. Fliegen, Mücken), Käfer und Schmetterlinge. Auch von Wanzen, Zikaden und Tierläusen gibt es hunderte Arten.

Welche Bedeutung haben Insekten für unser Ökosystem?

So vielfältig wie die Welt der Insekten ist, so wenig können wir auf sie verzichten. Das Funktionieren fast aller Ökosysteme hängt von ihnen ab. Damit sind sie für Mensch und Natur unersetzlich:

Als Nahrungsquelle bilden Insekten eine wichtige Grundlage für eine Vielzahl weiterer Tierklassen wie Vögel, Säugetiere, Amphibien oder Reptilien. So füttern beispielsweise die meisten Brutvogelarten ihre Jungen mit Insekten.

Durch das Sammeln von Nektar und Pollen sorgen sie für die Bestäubung und den Fortbestand von weltweit etwa 90 Prozent aller Pflanzenarten und stellen damit einen Großteil der menschlichen und tierischen Ernährung sicher.

Als Regulatoren sind sie ebenfalls unersetzlich: Insekten sind wichtige Nützlinge in der Forst- und Landwirtschaft, da durch sie die Ausbreitung schädlicher Insekten eingedämmt werden. Die Larven der Florfliegen beispielsweise können pro Entwicklungsphase bis zu 500 Blattläuse oder Milben verzehren.

Auch für die Remineralisierung organischer Stoffe wie Pflanzenresten und Tierleichen im Boden, in der Bodenstreu oder im Totholz spielen sie eine wichtige Rolle als Verwerter.

Wie ist der aktuelle Zustand der Insekten in Deutschland?

Obwohl der Zustand der Insekten verhältnismäßig wenig erforscht ist, sprechen die vorliegenden Daten eine klare Sprache: Wir haben es mit einem massiven Rückgang der Insekten zu tun. Sei es der Verlust der Artenzahlen, der Häufigkeiten oder der Biomasse – hier stehen alle Zeiger auf rot. Die Dramatik ist nicht nur regionaler Natur, sondern ein flächendeckendes Problem.

Beispiel Biomasse: Eine aktuelle Studie zeigt, dass die Biomasse an Fluginsekten in Schutzgebieten Nordwestdeutschlands in den vergangenen 27 Jahren um über 75 Prozent zurückgegangen ist. Der Verlust wurde als Trend über alle untersuchten Standorte hinweg erkannt und ist nicht spezifisch für bestimmte Biotoptypen, sondern betrifft das gesamte Offenland. Die ermittelten Biomasseverluste betragen für die Sommerperiode 81,6 Prozent (79,7 bis 83,4 Prozent) und für die Vegetationsperiode von April bis Oktober 76,7 Prozent (74,8 bis 78,5). Weitere Hintergründe zur Studie erfahren Sie hier.

Beispiel Rote Liste: Fast die Hälfte der Insektenarten, die in der Roten Liste erwähnt werden, sind mindestens bestandsgefährdet, viele bereits ausgestorben. Dabei weisen im langfristigen Trend 40 Prozent der Insektenarten eine negative Entwicklung auf, wonach sehr wahrscheinlich viele Arten zukünftig einer höheren Gefährdungskategorie zugeordnet werden müssen und sich die Bestandsabnahme vieler Arten weiter fortsetzen wird.

Bei den Wildbienen sind bereits jetzt über die Hälfte der Arten in ihrem Bestand gefährdet. Daneben gelten als ausgestorben oder bestandsgefährdet 7 Prozent der Gnitzen, 17 Prozent der Schmetterlinge, 29 Prozent der Schwebfliegen, 32 Prozent der Raubfliegen, 35 Prozent der Heuschrecken, 37 Prozent der Laufkäfer und 87 Prozent der Wasserkäfer.

Dass die Gefährdungslage aller Insekten weitaus dramatischer sein dürfte als es die Rote Liste suggeriert, verdeutlicht die Tatsache, dass von den etwa 30.000 in Deutschland vorkommenden Arten gerade mal knapp 8.000 Arten durch die Rote Liste bewertet wurden.

Beispiel Vogelrückgang: Vogelarten, die während der Brutzeit überwiegend auf die Ernährung von Insekten angewiesen sind, weisen, gemessen an der Gesamtartenzahl, im 25-Jahre-Trend  mit etwa 20 Prozent die stärksten Bestandsrückgänge auf.

Weitere Studien zum Insektenrückgang sind auf der Website des NABU Baden-Württemberg einsehbar.

Was sind die Ursachen für das dramatische Insektensterben?

Der alarmierende Rückgang der Insekten ist vermutlich auf eine ganze Reihe von Ursachen zurückzuführen, die noch weiterer Erforschung bedürfen. Nachfolgend  werden die wichtigsten aufgeführt.

Intensive Landwirtschaft: Die landwirtschaftliche Produktion ist hierzulande die häufigste Form der Flächennutzung. Über die Hälfte der Landesfläche werden landwirtschaftlich genutzt. Es liegt demnach auf der Hand, dass hier mit der Suche nach möglichen Ursachen begonnen werden muss.

Beispiel Pestizide: Deutschland gehört zu den vier EU-Mitgliedstaaten, die am meisten Pestizide verbrauchen. Im Durchschnitt der letzten zehn Jahre wurden jährlich etwa 15.000 Tonnen Herbizide und knapp 1.000 Tonnen Insektizide eingesetzt. Totalherbizide wie Glyphosat vernichten sämtliche Ackerbeikräuter und minimieren damit entscheidende Nahrungs-, Nist- und Überwinterungsquellen für Insekten. Insektizide wie Neonicotinoide  wiederum, von welchen in den letzten Jahren durchschnittlich etwa 300 Tonnen pro Jahr eingesetzt wurden, führen letztlich zum direkten Tod oder vermindern die Orientierung- und Fortpflanzungsfähigkeit.

Beispiel Monotonie: Monotone Äcker aus Mais, Raps oder Getreide bestimmen vielerorts das Bild unserer Kulturlandschaft. Verengung der Fruchtfolgen, fehlende Strukturen wie Feldgehölze, Acker- und Gewässerrandstreifen sowie Überdüngung führen zu einer enormen Minimierung der Pflanzenvielfalt – mit der Folge, dass beispielsweise wichtige Nahrungshabitate für Insekten verloren gehen. Auch durch den Verlust ökologisch hochwertiger Flächen wie Brachen oder extensiv genutztes Grünland werden Insekten notwendige Lebensräume entzogen.

Flächenfraß: Für den Bau von Infrastruktur, Gewerbeflächen oder Siedlungen werden ganze Lebensräume zerstört. Jedes Jahr werden 24.000 Hektar neu versiegelt, das sind etwa 70 Hektar pro Tag.

Klimawandel: Geeignete Lebensräume können auch durch Veränderungen des Klimas verschoben werden. Temperaturanstiege führen beispielsweise dazu, dass Arten in Richtung Norden und in höhere Bergregionen wandern.

Welche Auswirkungen hat das Insektensterben?

Führt man sich nochmals die enorme Bedeutung vor Augen, die Insekten für das Funktionieren der Ökosysteme und damit auch das menschliche Wohlergehen haben, mag man sich die Auswirkungen nicht ausmalen. Setzt sich der momentane Abwärtstrend fort, wird sich nicht nur der Artenverlust in Flora und Fauna weiter verstärken. Auch die Sicherung menschlicher Ernährung ist grundlegend gefährdet. Ganz zu schweigen von der traurigen Vorstellung, dass das Zirpen der Heuschrecken oder der Flug eines Schmetterlings schon bald der Vergangenheit angehören und kommende Generationen das nicht mehr erleben können.

Was kann jeder Einzelne gegen das Insektensterben tun?

Konsumverhalten: Durch unser tägliches Konsumverhalten haben wir direkten Einfluss auf unsere Umgebung. Auch unsere Nahrungsgewohnheiten bestimmen, in welche Richtung sich landwirtschaftliche Produktionsweisen entwickeln. Wer sich immer nur möglichst billig und fleischlastig ernähren will, muss sich nicht wundern, dass die Landwirtschaft weiter auf Hochleistungsniveau intensiviert wird und großflächig eintönige Kulturen wie Mais oder Weizen angebaut werden. Der Schutz der biologischen Vielfalt und damit auch der Insekten hat seinen Preis, den es uns wert sein sollte zu erbringen. Im Zweifel möglichst regional, saisonal und bio einkaufen!

Garten und Balkon: Wer einen eigenen Garten hat, sollte hier auf den Einsatz von Pestiziden komplett verzichten. In Bezug auf die Gestaltung des Gartens gilt eine Grundregel: Die Ausstattung sollte möglichst vielfältig sein. Viele Tipps und Anleitungen, was der Einzelne im Garten oder auf dem Balkon anpflanzen oder anlegen kann, finden sich unter: www.NABU.de/gartenvielfalt

Städte und Kommunen: Auf öffentlichen Grünflächen sollte nicht nur die Verwendung gebietsheimischer Pflanzenarten der Regelfall sein und der Pestizideinsatz komplett untersagt werden, sondern auch ein insektenfreundliches Pflegeregime realisiert werden.

Was muss die Politik tun?

Die anstehende Reform der EU-Agrarpolitik muss für eine grundsätzliche Neuorientierung genutzt werden. Auf EU-Ebene sind hierzu die Einrichtung eines Naturschutzfonds mit mindestens 15 Milliarden Euro pro Jahr und die Aufstockung des LIFE-Programms auf eine Milliarde Euro pro Jahr erforderlich. Auf Bundesebene sollte das Budget für das Bundesprogramm für Biologische Vielfalt auf jährlich 50 Millionen Euro erhöht werden und die Gemeinschaftsaufgabe Biologische Vielfalt mit jährlich 100 Millionen Euro ins Leben gerufen werden.

Die Minimierung des Pestizideinsatzes muss im deutschen Pflanzenschutzrecht verbindlich festgesetzt werden. Auch die gute fachliche Praxis und die Prinzipien des Integrierten Pflanzenschutzes mit kultur- und sektorspezifischen Vorgaben bedürfen einer verbindlichen Definition.  Zudem muss die Förderung der ökologischen Landwirtschaft und die Verbesserung unabhängiger Beratung weiter vorangetrieben werden. Der Einsatz von Pestiziden sowie die prophylaktische Anwendung ökologisch wirksamer Tierarzneimittel in Schutzgebieten, im Haus- und Kleingartenbereich sowie auf kommunalen Flächen muss schleunigst gänzlich verboten werden. Darüber hinaus sollte die Bewirtschaftung inner- und außerhalb von Schutzgebieten nach ökologischen Prinzipien erfolgen.

Desweiteren ist eine Neugestaltung der Pestizid-Zulassungsprüfungen erforderlich, damit die Prüfung der Wirkung von Pestiziden und deren Anwendungsmischungen auf ganze Lebensgemeinschaften und Nahrungsnetze in der Natur sowie wichtige Prozesse wie Bestäubung, Stickstoffkreislauf, Streuzersetzung und Photosynthese realitätsnah ist.

Um die biologische Vielfalt und deren Entwicklung realitätsnaher erforschen und überwachen zu können, ist die Einrichtung eines Deutschen Zentrums für Biodiversitätsmonitoring erforderlich. Im Bereich der Insekten sollte bundesweit möglichst schnell ein langfristig angelegtes und flächendeckendes Insektenmonitoring etabliert werden.

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