16 Jahre Volldampf in die Sackgasse

By   /  December 28, 2017  /  Comments Off on 16 Jahre Volldampf in die Sackgasse

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MIL OSI – Source: NABU – Naturschutzbund Deutschland –

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Die Politik des DBV ist auf Bestandswahrung einiger Weniger ausgerichtet

Bereits zum zweiten Mal erhält ein Chef des Deutschen Bauernverbandes (DBV) den Umwelt-Negativpreis „Dinosaurier des Jahres“. Zufall? Wohl kaum. Eine Bilanz zu 16 verlorenen Jahren in der Agrarpolitik.

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Nach Gerhard Sonnleitner (2001) zeichnet der NABU in diesem Jahr auch dessen Nachfolger Joachim Rukwied für seine besonders rückwärtsgewandte Agrarpolitik aus. Als Sonnleitner im Jahr 2001 als damaliger Präsident des Deutschen Bauernverbandes den peinlichsten Umweltpreis Deutschlands erhielt, kritisierte der NABU seine „konsequente Bremsleistung in Sachen Agrarwende“. Schon damals war in der Öffentlichkeit der Wunsch nach Veränderungen laut und stark. Es waren die Tage des BSE-Skandals, von Nitrofen und Hormonen in Futtermitteln – doch Sonnleitner blockierte die notwendigen Änderungen vehement.

Als Gerhard Sonnleitner im Jahr 2001 als damaliger Präsident des Deutschen Bauernverbandes den peinlichsten Umweltpreis Deutschlands erhielt, kritisierte der NABU seine „konsequente Bremsleistung in Sachen Agrarwende“. Schon damals war in der Öffentlichkeit der Wunsch nach Veränderungen laut und stark. Es waren die Tage des BSE-Skandals, von Nitrofen und Hormonen in Futtermitteln – doch Sonnleitner blockierte die notwendigen Änderungen vehement.

Wir brauchen keine Agrarwende

Gerhard Sonnleitner 2002, Berliner Morgenpost

Heute – 16 Jahre später – hat sich an dieser sturen Haltung nichts geändert. Auch Sonnleitners Nachfolger, Joachim Rukwied, verteidigt das bestehende System vehement. Er blockiert und bekämpft alle Maßnahmen zur Verbesserung der Agrarpolitik und ihrer miserablen Umweltbilanz. Die Hauptverantwortung der industriellen Landwirtschaft für das Artensterben streitet er ab. Er verteidigt das milliardenschwere Subventionssystem, das nachweislich zulasten von Natur, Landwirten und Steuerzahlern geht. Und das, obwohl sich die Verbraucher Änderungen wünschen, beispielsweise in der Tierhaltung und der Verwendung ihrer Steuergelder.

Unter Sonnleitner wie unter Rukwied war und ist die Politik des DBV auf die Bestandswahrung einiger Weniger ausgerichtet. Es profitieren vor allem große Betriebe von dem Prinzip „Masse statt Klasse“, ebenso Grundeigentümer und letztlich alle, die an einer immer intensiveren Landwirtschaft mitverdienen, beispielsweise Hersteller von Pestiziden. Unter diesem Druck des DBV sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Landwirte in die Knie gegangen.

Das Höfesterben geht weiter

Trotz der milliardenschweren Subventionen musste in Deutschland in den letzten 15 Jahren jeder dritte Betrieb schließen. Von den zu Sonnleitners Zeiten existierenden 421.100 Betrieben sind heute nur noch 275.400 verblieben. Diese wenigen werden immer größer, die Beschäftigtenzahlen gehen zurück, immer weniger Höfe finden Nachfolger. Die Landwirtschaft erlebt unter Rukwied einen massiven Strukturwandel, doch er hält das Höfesterben für annehmbar: „Ein Strukturwandel in dieser Größenordnung ist für mich ein akzeptabler Prozess“ (taz-Interview vom 24.6.2017). Für zahlreiche Landwirte dürfte dies wie ein Schlag ins Gesicht wirken.Besonders hart getroffen hat es in den vergangenen Jahren die Schweinehalter. 78 Prozent von ihnen mussten seit der Jahrtausendwende dicht machen – die Tendenz geht zu immer mehr großen Mastanlagen. Die Folgen sind auch für Natur und Mensch alarmierend: Vielerorts ist unser Grundwasser zu stark mit Nitrat belastet, vor allem in den Regionen mit Mega-Ställen.

Insekten und Vögel im Sinkflug

Der Trend zur immer intensiveren Landwirtschaft hat auch fatale Auswirkungen auf die Ökosysteme. Insekten zählen zu den besonders großen Verlierern. Der hohe Einsatz von Pestiziden und der Verlust von Lebensräumen, wie Ackerrändern und -böschungen, vernichten sie und ihre Nahrungsgrundlagen zusehends. Als Konsequenz daraus ist die Biomasse der Insekten seit der Staffelübergabe im DBV um 75 Prozent gesunken.

Und da Insekten die Nahrungsgrundlage für viele weitere Tiere bilden, hat ihr Verschwinden direkte Folgen für andere Arten. Besonders deutlich lässt sich das an der Entwicklung der Vogelbestände ablesen. Viele Vogelarten sind auf Insekten angewiesen, um ihre Jungen zu füttern. Als Folge des Insektensterbens nehmen auch die Brutvögel in Deutschland ab, seit 2001 sind ihre Bestände um 15 Prozent gesunken. Auch der Vogel des Jahres 2017, der Star, ist ein direkter Leidtragender des Verschwindens unserer Insekten. Seine Bestände sind um 42 Prozent zurückgegangen im Vergleich zur Jahrtausendwende. Auch andere Feldvogelarten verzeichnen massive Verluste, wie Kiebitz, Feldlerche oder Rebhuhn.

Lebensräume verschwinden

Auch wichtige Lebensräume haben sich seit der letzten Verleihung des „Dinosaurier des Jahres“ verschlechter. Das Grünland, also Wiesen, Weiden und Almen, hat zwar lediglich um sechs Prozent abgenommen – und dieser Trend wurde mit der letzten Agrarreform komplett gestoppt – aber die Qualität des Grünlands hat stark nachgelassen. So stellt das Bundesamt für Naturschutz in seinem Agrarreport (2017) fest, dass die früher häufigen, artenreichen Wiesen mit einer mittleren Nährstoffintensität stark verschwinden. Dies hat den Verlust vieler Grünlandarten zur Folge. Auch die Ackerwildkräuter gehen zurück, die für Insekten eine wichtige Nahrungsgrundlage sind.

Quo vadis – DBV?

Es wäre also dringend an der Zeit, dass der Deutsche Bauernverband – und allen voran sein Präsident Joachim Rukwied – die Weichen stellt hin zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft, die allen zu Gute kommt: Landwirten, Natur und Steuerzahlern gleichermaßen. Doch dass es so kommt, muss angesichts zahlreicher Äußerungen Rukwieds leider stark bezweifelt werden.

Wir brauchen keine Agrarwende

Joachim Rukwied 2016, Wahlkampfrede beim Deutschen Bauerntag in Hannover

Wie sein Vorgänger beweist auch Rukwied keine Weitsicht und riskiert mit seiner sturen Blockade mutwillig die Zukunft der Landwirte und unser aller Lebensgrundlagen. Profiteure gibt es wenige, Verlierer viele. Doch da die Hoffnung ja bekanntlich zuletzt stirbt: Herr Rukwied, geben Sie sich einen Ruck! Setzen Sie sich für eine bessere Ernährungs- und Agrarpolitik ein.

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