Was uns Willi Daume heute noch zu sagen hat

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MIL OSI – Source: DOSB –

Headline: Was uns Willi Daume heute noch zu sagen hat

28.12.2017
Vor 25 Jahren zog sich die prägende Figur der deutschen Sportgeschichte vom Amt des Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland zurück.

Willi Daume im Münchener Olympiastadion. Foto: picture-alliance

Ein Vierteljahrhundert ist inzwischen vergangen, seit er sich von einer Bühne zurückzog, auf der er etwa die doppelte Zeit in unterschiedlichen Rollen und auf stets glänzende Weise agiert hatte. Es war das Ende einer Amtszeit, der Kehraus einer Karriere, ja einer Ära, die weit über den Stichtag hinaus Bedeutung behielt. Warum sonst würde man (sich) nach einer halben Ewigkeit noch an jenen letzten Akt und seinen Hauptdarsteller erinnern.
Ist von Willi Daume die Rede, dann rückt eine bedeutende, ja in den Blick, die sich, wie vor ihm wohl nur Carl Diem, in ihrem Denken und Handeln aus einem Kollegium keineswegs unbedeutender Mitstreiter und Weggefährten heraushob. Dabei hätte der Eine den Vergleich mit dem Anderen wohl nur bedingt gelten lassen, zu verschieden nämlich waren beide in ihrer Persönlichkeit und zu unterschiedlich waren die historischen Folien, auf denen sich ihr jeweiliges Wirken entfalten konnte.
So versteht sich, dass der Eine, der 1882 im fränkischen Würzburg geborene Diem, aufgrund seiner Aktivitäten in der Zeit des Nationalsozialismus bis heute immer wieder ins Zentrum kontroverser Debatten gerückt wird, während der Andere, der 31 Jahre später, im bergischen Hückeswagen geborene Daume, von wenigen und wenig überzeugenden Versuchen, ihn ebenfalls in die Nähe des Hitler-Regimes zu rücken, abgesehen, in seiner Reputation weitgehend unangetastet blieb. Und während Straßen und Hallen, die lange Zeit Diems Namen trugen, längst umbenannt sind, firmiert Willi Daume nach wie vor und ganz zu Recht als Namenspatron der 2007 ins Leben gerufenen Deutschen Olympischen Akademie.
Passion und Profession
Nun muss man die Gegenüberstellung der beiden Protagonisten an dieser Stelle nicht weiter durchdeklinieren, doch ein wenig ausholen sollte man schon, wenn man dem gewählten Thema gerecht werden, also Daumes Abschied vom Amt des Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland am 12. Dezember 1992 in Erinnerung rufen möchte.
Von daher mag auch, um Daume und Diem doch noch einmal in Beziehung zu setzen, der Hinweis nützlich sein, dass für Letzteren der Sport bei aller Leidenschaft stets auch eine Profession darstellte, während es sich bei Ersterem geradezu umgekehrt verhielt.
Für Daume war Sport stets eine reine Passion, doch redlicherweise muss man ergänzen, dass er sich sein umfängliches und stets hoch professionelles ehrenamtliches Tun als einer der „drei Millionäre“ des deutschen Nachkriegssports – die beiden anderen waren Peco Bauwens und Georg von Opel – auch leisten konnte.
Freilich gab ihm der familiäre Background nicht nur einen höchst dienlichen Spielraum für sein „Hobby“, sondern selbiger nahm ihn auch in die Pflicht. Als er, gerade 25 Jahre alt, nach dem Tod seines Vaters die Verantwortung für dessen Dortmunder Eisengießerei übernehmen musste, hielt sich seine Begeisterung in Grenzen und im Laufe der Zeit nahm diese eher noch ab. Auch wenn er, in Leipzig, München und Köln, Betriebs- und Volkswirtschaft sowie Jura studiert hatte – ein geborener Unternehmer im engeren Sinne war und wurde Daume nicht, während viele seiner außerberuflichen „Unternehmungen“ nachgerade spektakuläre Ergebnisse zeitigten.
Siege und Niederlagen
Dass seine glorreichen Siege bisweilen mit schmerzlichen Niederlagen einhergingen, belegt am augenfälligsten das Beispiel der Olympischen Spiele von 1972, die Daume in einem Geniestreich nach München geholt und in unnachahmlicher Weise als ein „Gesamtkunstwerk“ geplant und gestaltet hatte, die dann aber mit dem folgenreichen Attentat auf die israelische Mannschaft zu einem persönlichen Desaster wurden. Als solches empfand er auch die Entscheidung „seines“ NOKs für einen Boykott der Spiele von 1980 in Moskau, gegen den sich Daume ebenso vehement wie vergeblich ausgesprochen hatte.
Damit war auch das Spitzenamt im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) passé, um das er sich vielleicht weniger vehement, doch ebenso vergeblich beworben hatte. Daume war 1956 in den erlauchten Kreis berufen worden und hatte seit dem, zum Beispiel im Exekutivkomitee, eine durchaus wichtige Rolle gespielt. Doch als in Moskau die Präsidentschaft zur Wahl stand und Juan Antonio Samaranch überantwortet wurde, hatte seine Kandidatur nicht den Hauch einer Chance.
Auch an dieser Stelle blieb Daumes eindrucksvolles Wirken unvollendet. Ohne den Gedanken hier mit der eigentlich gebotenen Tiefenschärfe weiter ausbreiten zu können, offenbart sich doch die Ambivalenz eines Lebens, dem ebenso Größe wie ein gewisses Scheitern zu bescheinigen ist.
Stellt aber ein abschließendes Urteil, zumal wenn es halbwegs zutreffend und gerecht sein soll, vielleicht ohnehin eine Anmaßung dar, könnte man sich zunächst an die Fakten halten. In diesem Sinne ließe sich ein Satz aus dem Manuskript von Daumes „letzten Worten“ im Amt aufgreifen: „Hier geht’s um die Tatsachen und den Blick nach vorn.“ Dann kommt, typisch Daume, Nietzsche und ein von diesem notierter „Wahlspruch“: „Ich habe keine Zeit für mich – also vorwärts!“
Nehmen wir uns also Zeit für ihn und blicken zurück  – mit der Frage, ob Willi Daume uns heute, 25 Jahre nach dem Ende seiner Ära, noch etwas zu sagen hat. Und zwar jenseits griffiger Sentenzen, mit denen sich heutige Verlautbarungen bisweilen gleichsam staatstragend schmücken lassen. So wie sich der Betreffende selbst, stets großen Wert legend auf geschliffene Rhetorik und tiefenscharfe Reflexion, gerne aus einem Kanon einschlägiger Zitate bediente, wobei er besonders gerne etwa auf Karl Popper, Ortega y Gasset oder eben Friedrich Nietzsche zurückgriff.
Mit Pierre de Coubertin, Friedrich Hegel, Hermann Hesse, Lenin, Grimms Wörterbuch, Gerhart Hauptmann, Sophokles, Benjamin Franklin und Erich Kästner findet sich auch in Daumes letzten präsidialen Ausführungen, 33 luftig formatierte Seiten, ein wahrhaft illustrer Kreis potenter Stichwortgeber.
Aufbruch und Abschied
Gleichwohl lässt sich, mit Verlaub, besagte Rede – trotzdem, wenn nicht gerade deswegen lesenswert und aufschlussreich – nicht zu Daumes besten zählen. Dies lag wohl in der Natur der Sache und in der Persönlichkeit des Redners begründet. War seine Sache doch zeit seines Lebens der Aufbruch und nicht der Abschied gewesen. Nun aber musste/sollte/wollte er, bald achtzigjährig, nach ewig langer – nicht wenige meinten, zu langer – Zeit in der Verantwortung, einen Schlussstrich ziehen.
Dass dabei Gefühle im Spiel waren, versteht sich. Auch wenn Daume diese „nicht wie ein Pennäler in Worte fassen“ wollte, bekannte er doch: „Ich habe dieses Komitee geliebt, habe es 1949 mit gegründet, im Museum König in Bonn, zwischen den Skeletten von Dinosauriern. Alle anderen Gebäude waren noch kaputt.“
Welch langen Weg des Wieder- und Neuaufbaus hatte Daume miterlebt und mitgestaltet! Tat-sächlich war seine letzte „ordentliche“ Mitgliederversammlung sage und schreibe seine 44. gewesen, die ersten vier im Amt des Schatzmeisters, die letzten 31 im Amt des Präsidenten. Ja, Willi Daume hatte früh angefangen und lange durchgehalten und er war immer wieder wiedergewählt worden.
1949, im „Jahre Null“ des bundesdeutschen Sports, hatte Daume, inzwischen – erst – 36 Jahre alt, das Spitzenamt im Deutschen Handballbund übernommen, um Ende des folgenden Jahres, durchaus überraschend, zum Gründungspräsidenten des Deutschen Sportbundes gewählt zu werden. Wobei sich der „Kompromiss“ alsbald als ein Glücksgriff erwies. Spätestens 1961, als Daume in Personalunion auch die Präsidentschaft im NOK übernahm, hatte er sich als unumschränkte Führungsfigur etabliert.
Nun also, an jenem 12. Dezember vor 25 Jahren, wurde die vermeintlich ewig tickende Uhr im Rathaus zu Stuttgart zum Stehen gebracht. Was war nun, ein letztes Mal, angesagt? Eine Bilanz, ein Vermächtnis, ein Erbe, eine Mahnung, eine Vision? Von allem etwas oder nichts dergleichen?
Sendungsbewusstsein
Zufriedenheit oder gar Stolz war Daumes Sache nie gewesen, doch an Selbst- und einem gewissen Sendungsbewusstsein hatte es nicht gemangelt. Im O-Ton lautet dies wie folgt: „Was mich angeht, so habe ich auch niemals meine Aufgabe, von der ich nun zurücktrete, in einem überhöhten Sinne verstanden, wohl aber in dem Glauben an den Wert einer viel bescheideneren Sache, den Sport, den olympischen Sport, der olympischen Bewegung, was immer man sich darunter vorstellt.“ Und: „Ich bereue mein Engagement nicht. Ich habe die Olympischen Spiele geliebt, liebe sie noch. Sie waren für mich auch immer der Mittelpunkt des Sports.“
Will man sich nicht über Gebühr in Hermeneutik versuchen, spricht – in Ermangelung eines verfügbaren Ton-Dokuments – aus der Textvorlage doch auch ein Stück Larmoyanz, wenn Daume auf erfolgreiche, aber doch stets auch schwierige Zeiten zurückblickt. Vielleicht ist es auch einer gewissen Vergesslichkeit geschuldet, wenn er – mancher Zuhörer im Saal traute wohl seinen Ohren nicht – beklagt, dass er „selten das Glück (hatte), gute Berater zu haben, die wirklich in der Sache mich kompetent beraten konnten.“ So erklärt sich für ihn: „Es war alles nicht einfach.“
Natürlich war es, mit oder ohne Beratung, nicht einfach. Das war es nie, wenn die zentralen Fragen des Sports, zumal dessen politische Implikationen in Rede standen. Und im Blick auf das geteilte oder das wieder vereinte Deutschland schon gar nicht.
So blickt Daume ausführlich auf die sprichwörtlichen „Querelle d’allemand“ und die quälenden Jahrzehnte des Kalten Krieges als ein zentrales Koordinatensystem seines Wirkens zurück: „Auch der Sport konnte sich aus dem Strudel der Ereignisse nicht heraushalten. Die Optik des Sports war die damals mögliche. Nicht mehr und nicht weniger. Manchmal bekam der deutsche Sport sogar die exemplarische Rolle zugeteilt, scheinbar Unvereinbares, Feuer und Wasser, wie die offizielle DDR-Propaganda immer den Gegensatz zwischen Kapitalismus und Sozialismus bezeichnete, zu vereinigen. Mal ging es, mal ging es nicht. Wir haben im allgemeinen nicht schlecht ausgesehen.“
Dies bescheinigt Daume sich selbst und dem Sport auch im Blick auf den Lauf der Dinge nach dem Fall der Mauer, wobei er – „selten war etwas so sorgfältig durchdacht“ – sicher nicht wenig übertreibt: „Wer ist auch so sehr von der guten Sache überzeugt als dieses Komitee?“ Um dann einzuräumen: „Drei kurze Jahre sind erst vergangenen (…) und doch liegt dazwischen eine Epochenzäsur. (…) Doch haben wir andererseits noch keine wirkliche Gegenwart dafür einge-tauscht.“
Nüchternheit und Idealismus
Geschichte, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur sind die Bezugspunkte von Daumes finaler Tour d’Horizont, die schon durch die Bedeutung des Adressaten Gewicht erhalten und mindestens dem historisch Interessierten zur Lektüre empfohlen werden kann.
Als Leitplanke für den Umgang mit aktuellen und zukünftigen Themen, Fragen und Problemen des Sports, mag vielleicht am ehesten Daumes Skizzierung einer ihn leitenden Haltung dienen: „1989 plädierte ich in Hannover auf der Ethik-Tagung des NOK für einen ’nüchternen Idealismus‘. (…) Idealismus, weil ich glaube, daß unser Handeln sich an bestimmten Werten und Ideen ausrichten sollte. Denn bei aller Einsicht in die Notwendigkeit des Wandels, der sich nicht nur ereignet, sondern von den Menschen selbst gewollt sein muß, darf nicht blinder und bequemer Op-portunismus unser Handeln bestimmen. (…) Nüchtern, weil wir uns der Begrenztheit und Fehlerhaftigkeit dessen, was wir tun, immer bewußt sein sollten, damit wir nicht groß in der Sentimentalität, aber schwach in der Politik sind, wie Hermann Hesse einen Erbfehler des deutschen Wesens benannte.“
P.S.
Daumes Nachfolger wurde in Stuttgart der langjährige Generalsekretär des NOK, Walther Tröger. Nach zehn Jahren im Amt löste ihn der frühere Schwimmer Klaus Steinbach ab. Mit der am 20. Mai 2006 in der Frankfurter Paulskirche vollzogenen Fusion von NOK und DSB zum DOSB wurde Thomas Bach zu dessen Gründungspräsidenten gewählt. Nach dessen Wahl zum neunten Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees am 10. September 2013 wurde das Spitzenamt im deutschen Sport dem vormaligen Präsidenten des Deutschen Skiverbandes, Alfons Hörmann, anvertraut.
(Quelle: DOSB/Andreas Höfer)

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