ETF Magazin: “Marathon in Fernost”

By   /  January 8, 2018  /  Comments Off on ETF Magazin: “Marathon in Fernost”

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MIL OSI – Source: Boerse Frankfurt –

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8. Januar 2018. München (ETF Magazin). Die japanische Regierung um Ministerpräsident Abe hat die Unterhauswahl Ende Oktober mit deutlichem Vorsprung gewonnen. Dieser dritte Sieg in einer Unterhauswahl in Folge wird seine Position stärken. Mit dem guten Wahlergebnis zahlt sich seine Strategie aus, mitten in der Krise um nordkoreanische Kriegsdrohungen kurzfristig Neuwahlen anzusetzen. Die Rechnung ging auf: Die Wähler entschieden sich in dieser Situation für den starken Amtsinhaber als sichere Option. Abe gilt als kompetenter Manager mit viel außenpolitischer Erfahrung.

Mit dem klaren Wahlsieg dürfte es Abe auch leichterfallen, sich im Herbst nächsten Jahres in einem historischen Novum für eine dritte Amtszeit zum Vorsitzenden der LDP wählen zu lassen. Damit wären Japan weitere Jahre der Ära Abe gewiss. Abe regiert seit 2012, nun in seiner dritten Amtszeit. Der lange als große Hoffnungsträgerin gehandelten konservativen Gouverneurin von Tokio, Yuriko Koike, blieb nur der dritte Platz mit ihrer “Partei der Hoffnung” – obwohl es kurz so aussah, als könnte sie für viel Wirbel mit zum Teil national geprägten Slogans sorgen. Im Gegensatz zu Abe spricht Koike Klartext. Aber ihre Positionen sind in vielen Fällen nicht zu unterscheiden.
Da sie eine echte Konkurrentin für Abe werden wollte, ist dieses Ergebnis doch enttäuschend. Nachdem Koike nämlich den Verzicht auf eine Kandidatur für das Unterhaus und damit für den Ministerpräsidentenposten erklärt hatte, ging es in der Wählergunst deutlich bergab. Ein strategischer Fehler.
Der 63-jährige Abe dürfte den Wahlsieg mit einer klaren Zweidrittelmehrheit als eine Bestätigung für seine Wirtschaftspolitik “Abenomics” auffassen. Die Liberaldemokraten stellten in der Wahl ihren Vorschlag zur Debatte, die Einnahmen aus der für Oktober 2019 geplanten Erhöhung der Konsumsteuer teilweise für die Bildung umzuwidmen. Wichtig wäre aber auch, die Sanierung des Staatshaushalts des hochverschuldeten Landes in Angriff zu nehmen. Japan steht derzeit mit knapp 240 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in der Kreide. Dennoch bin ich der Meinung, dass die mit dem Wahlergebnis verbundene Stabilität, Kontinuität und Nachhaltigkeit einer wachstumsorientierten und wirtschaftsfreundlichen Agenda jetzt mit einer “Japan-Prämie” an den Finanzmärkten belohnt werden.
Japan ist gut aufgestellt. Das bedeutet konkret: Die japanischen Aktienmärkte verdienen jetzt eine höhere Bewertung, gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) – denn das KGV der japanischen Titel ist nicht besonders hoch. Als ich 1985 nach Japan kam, herrschte Goldgräberstimmung, und bald zeigten sich auch deutliche Überhitzungserscheinungen. Viele Aktien hatten damals ein KGV von 65. Heute liegt das KGV des Topix bei 16. Eine höhere Bewertung mit einem KGV von 20 bis 21 würde das KGV in den oberen Bereich der letzten zehn Jahre bringen. In dieser Spanne sind die Unternehmen aus meiner Sicht angemessen bewertet, Japan hat eine Vielzahl von kerngesunden, innovativen und gut geführten Unternehmen.
Schon jetzt zeigen sich positive Aspekte des Wahlsiegs. Bekanntlich spielt ja die Psychologie eine wichtige Rolle, und die Politik ist in den letzten Monaten zu einer Art Benzin für die Aktienmärkte geworden. Der alte Spruch, nach dem politische Börsen kurze Beine haben, stimmt längst nicht mehr. Führende japanische Unternehmen wie Canon und Shiseido haben schon angekündigt, dass sie neue Produktionskapazitäten in Japan aufbauen und den Zyklus für kleine und mittlere Unternehmen beschleunigen werden.
Japan ist ja ein sehr exportorientiertes Land. Hier ist man auch strukturell in vielen Bereichen gut aufgestellt, gerade was das Thema Digitalisierung angeht. Fast die Hälfte aller Komponenten eines typischen Smartphone kommt aus Japan. Im Bereich Robotik sind japanische Unternehmen wie Toyota, Honda, Nissan, Hitachi und Sony weltweit vorn, neben dem Bosch-Konzern und der südkoreanische Samsung. Auch bei Patenten im Bereich der Nanotechnologie sind Toshiba, Canon, Hitachi und Panasonic mit an der Spitze. Ähnliches gilt für den 3D-Druck.
Ein gutes Beispiel ist darüber hinaus der derzeitige US-Börsenhochflieger Tesla: Ohne japanische Batterietechnologie funktioniert bei diesen Autos überhaupt nichts. Als besonders attraktiv schätzen wir bei WisdomTree auch den Bankensektor ein. Eine unabhängige Regulierung hat für Klarheit, Stärkung und Transparenz gesorgt. Die Bankenkrise in den 1990er-Jahren wurde für eine weitsichtige und konsequente Konsolidierung und eine Fusion der größten Banken genutzt. Mit Erfolg: Japanische Banken sind seit 2015 der größte Kreditgeber in Asien – und ihre Entwicklung ist positiv.

Politisch interessante Zeiten. Auch wenn das Wahlergebnis der Gouverneurin Yuriko Koike auf den ersten Blick eine Enttäuschung ist, wird sie aus unserer Sicht in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Sie kann und wird Druck auf das “Team Abe” ausüben, um die Programme für die “Sonderwirtschaftszonen” zu beschleunigen, insbesondere in Japans größter Wirtschaftsregion, der Hauptstadtregion Tokio mit rund 30 Millionen Einwohnern.
Weil die neue “Partei der Hoffnung” bei dieser Wahl nicht die größte Oppositionspartei werden konnte, hängt ihre politische Zukunft davon ab, ob das “Team Abe” für eine konkrete und sichtbare Strukturreform-Agenda sorgt und diese auch umsetzt. Wenn nicht, wird Koike den Finger in die Wunde legen.
Ich bin daher der Ansicht, dass die neue Zusammensetzung des japanischen Parlaments die Risiken wirtschaftspolitischer Selbstzufriedenheit verringert hat. Dies gilt umso mehr, als die LDP sich möglicherweise darauf verlassen muss, dass die “Partei der Hoffnung” die Verfassungsreform unterstützt. Zum ersten Mal in der Geschichte war die Reform Teil der offiziellen politischen Agenda der regierenden Parteien, und es besteht kein Zweifel daran, dass das “Team Abe” seine Zweidrittelmehrheit nutzen wird, um jetzt konkrete parlamentarische Verfahren zur Überarbeitung des japanischen Grundgesetzes einzuleiten. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Wirtschaftspolitik zum Stillstand kommt. Abe weiß genau, dass Verfassungsreformen nur dann gelingen können, wenn das japanische Volk sie unterstützt – ein nationales Referendum muss innerhalb von sechs Monaten nach der Zustimmung des Parlaments durchgeführt werden.

Daher ist es für Abe unerlässlich, sich weiterhin auf die Schaffung einer wachstumsfördernden und unternehmensfreundlichen Politik zu konzentrieren. Denn ohne eine breite Zustimmung in der Bevölkerung ist jedes Verfassungsreferendum zum Scheitern verurteilt. Das Risiko besteht, wenn überhaupt, darin, dass der Druck zur Verfassungsreform das “Team Abe” dazu verleitet, steuerlich unverantwortlicher zu werden und die Bank of Japan (BoJ) aus unserer Sicht noch mehr unter Druck zu setzen. Die Verantwortlichen für Japans Geldpolitik sind bereit, sich vom Zinserhöhungszyklus der Fed abzukoppeln und die “Abenomics” weiter zu unterstützen, gleichgültig, wer zum nächsten BoJ-Gouverneur ernannt wird.
Die Entkoppelung der geldpolitischen Zyklen zwischen Japan und den USA ist damit wahrscheinlicher geworden. Erst im Juli hat die Zentralbank bekräftigt, trotz sehr gut laufender Exporte die lockere Geldpolitik mit einem Negativzins fortzuführen und sich damit auch von anderen Industriestaaten abzusetzen. Denn die Zentralbank kommt im Kampf gegen die unerwünscht niedrige Inflation nicht so schnell voran wie erhofft. Aber das viele Geld der Notenbank und die wachsende Beschäftigung zeigten Wirkung: Die gesamtwirtschaftliche Leistung hat in den vergangenen sechs Quartalen jedes Mal zugelegt, insgesamt um 1,5 Prozent im vorigen Jahr. Die Exporte stiegen um real 6,8 Prozent, die Bruttoanlageinvestitionen um 3,1 Prozent, der private Konsum um immerhin 1,7 Prozent.

Abe muss etwas ändern
Als grundlegender Strukturmangel wird oft die Überalterung der japanischen Gesellschaft genannt. Es stimmt natürlich, dass der durchschnittliche Japaner heute schon 47 Jahre alt ist. Doch der Deutsche ist mit 44 Lenzen auch nicht viel jünger. Die Babyboomer in Japan sind eine der reichsten Generationen der Welt. Sie waren immer beschäftigt und haben ihre Kredite abbezahlt. Fast die Hälfte aller Japaner über 20 haben überhaupt keine Schulden, sind aber Eigentümer ihrer Wohnungen. Trotzdem bleibt natürlich die Demografie eine Herausforderung. In China ist die Hälfte der Menschen neun Jahre jünger als in Japan, in Vietnam sind es fast acht Jahre weniger. Daher halten wir Reformen am Arbeitsmarkt für sehr wichtig. Abe hat hier auch schon einiges auf den Weg gebracht. Er sorgte dafür, dass auch Frauen zwischen 25 und 54 Jahren vermehrt in den Arbeitsmarkt einsteigen konnten. Waren 2012 nur 72 Prozent Frauen im arbeitsfähigen Alter beschäftigt, sind es nun 75 Prozent.

Jetzt, wo Abes Bündnis so klar die Wahl gewonnen hat, könnte auch die pazifistisch ausgerichtete Verfassung geändert werden und sich zum Beispiel in höheren Rüstungsausgaben ausdrücken. Hier hat Abe Richtung Nordkorea nach seinem Wahlsieg schon recht eindeutig Stellung bezogen und den Ton deutlich verschärft. Mit einer Änderung der Verfassung, die das Land zum Pazifismus verpflichtet, könnte Abe auch hier eine neue Strategie einschlagen. Der 63-Jährige wünscht sich mehr Spielraum für Japans Streitkräfte. Er sagte aber zu, einen “nationalen Konsens” bei dem umstrittenen Thema suchen zu wollen.
Aktuell ist das Wirtschaftswachstum mit zwischen einem und zwei Prozent zwar nicht überwältigend, aber solide. Doch die Investitionsbereitschaft japanischer Unternehmen ist hoch, sie ist in den letzten sieben Jahren in Folge gestiegen. Ich erwarte, dass die Unternehmensgewinne in diesem Jahr um bis zu 20 Prozent wachsen werden. Denn die Konjunkturpakete von Ministerpräsident Abe zeigen Wirkung, sodass auch die Binnennachfrage ihren Teil beiträgt. Das Vertrauen ist jetzt durch die Wahl gestärkt worden. Die Motivation für Kapitalanlagen im Inland steht oft auch im Zusammenhang mit der Ausrichtung der Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Japaner sind eben keine Sprinter, sondern Marathonläufer.

von Jesper Koll
© 8. Januar 2018, ETF MagazinDieser Artikel stammt aus dem aktuellen ETF Magazin.Das ETF Magazin erscheint quartalsweise in Zusammenarbeit mit Focus Money und richtet sich an Berater, Vermögensverwalter und Portfoliomanager, ist aber sicher auch für informierte Anleger interessant.

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