„Der Geist und die Macht der Deutschen“: Die Wahrnehmung des vereinigten Deutschlands in der serbischen Öffentlichkeit

By   /  January 13, 2018  /  Comments Off on „Der Geist und die Macht der Deutschen“: Die Wahrnehmung des vereinigten Deutschlands in der serbischen Öffentlichkeit

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MIL OSI – Source: Bundeszentrale fur politische Bildung –

Headline: „Der Geist und die Macht der Deutschen“: Die Wahrnehmung des vereinigten Deutschlands in der serbischen Öffentlichkeit

In der serbischen Öffentlichkeit bewirkte die Wiedervereinigung Deutschlands eine einschneidende Veränderung in der Wahrnehmung der eigenen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Rolle in Europa. Das Deutschlandbild hingegen blieb stets wechselhaft: In den 1990er Jahren wies man der Bundesrepublik eine wesentliche Rolle beim Zerfall Jugoslawiens zu – was in einer negativen Haltung mündete. Ab 2000 setzte sich die Ansicht durch, dass Serbien von den Beziehungen mit Deutschland profitiert. Serbische Bürgerinnen und Bürger demonstrieren 1999 vor dem Brandenburger Tor in Berlin gegen den NATO-Einsatz in Jugoslawien (&copy picture-alliance / ZB – Fotoreport, Foto: Bernd Settnik)Deutschland als „Naher Westen“ der Serben
Wenngleich sich Deutschland und Serbien nicht in unmittelbaren Nähe zueinander befinden, zeichnen sich ihre historischen Beziehungen durch eine jahrhundertelange Kontinuität und Dynamik aus. Der serbische Historiker Predrag Marković stellte fest, dass die Serben mit keinem anderen westlichen Volk im Laufe der Geschichte derart enge Kontakte hatten wie mit den Deutschen. Diese Kontakte erfolgten auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens. Aus ihnen schöpfen sich die meisten tradierten Deutschlandbilder, die in zahlreichen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen thematisiert werden.
Die Qualität dieser Beziehungen war jedoch in allen Epochen unterschiedlich. Im Allgemeinen spricht man von einer positiven Wahrnehmung der Deutschen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wandelte sich diese Wahrnehmung zum Negativen.
Diese These mag äußerst vereinfacht formuliert sein, sie zeigt aber eine der grundlegenden Tendenzen in den unter den Serben verbreiteten Deutschlandbildern: Die Deutschen wurden und werden fast immer in absoluten, wertgeladenen Kategorien wahrgenommen, unabhängig davon, ob die Kategorien positiv oder negativ aufgeladen sind. Diese stets absoluten Wertungen veranlassten Marković, die Deutschen als „Naher Westen der Serben“ zu beschreiben. In dieser Formulierung spiegelt sich auch die Idee des „Okzidentalismus“ wider. In Anlehnung an das bekannte Konzept eines „Orientalismus“ des Literaturtheoretikers Edward Said beschreibt der „Okzidentalismus“ eine bestimmte Vorstellung vom „Westen“. Nach Marković ist der Westen im „Okzidentalismus“ „sowohl Objekt der Sehnsucht als auch Quelle der Frustration“. Deutschland stellt für Serbien exemplarisch das Sinnbild des Westens dar. Dies galt vor allem in der Zeit nach der Wiedervereinigung.
„Die Mauer ist tot, es leben die Mauern!“
Im Laufe des Jahres 1989 berichtete die jugoslawische Presse ausführlich über die Umwälzungen in ganz Osteuropa, darunter auch über den Mauerfall in Deutschland. Diese Berichterstattung ist ohne Einblicke in die damalige innerjugoslawische Lage allerdings nicht zu verstehen. Die jugoslawische, insbesondere die serbische Öffentlichkeit, sah die europäischen Ereignisse fast ausschließlich durch die Brille der politischen Entwicklungen im eigenen Staat. Dabei bediente sich die Presse bei der Darstellung aller Ereignisse eines sehr wirksamen diskursiven Instrumentes: Sie stellte „das Volk“ als uneingeschränkt positiven Akteur dar. Dieses diskursive Instrument war zunächst für die Vergewisserung des serbischen Selbstbildes eingesetzt worden; ein Muster, das bereits nach der Machtübernahme Slobodan Miloševićs 1987 geprägt wurde und sich nach den Massenkundgebungen in ganz Jugoslawien 1989 etablierte. Die Massenkundgebungen, die das Milošević-Regime unterstützten, wurden metaphorisch „das Sich-Ereignen-des Volkes“ [„događanje naroda“] genannt. „Das Volk hat gesprochen“, „Das Volk ist der beste Richter“, „Das Volk kann nicht mehr leiden“, „Das Volk kennt die Wahrheit“ – dies waren einige der üblichen Parolen bei den Massenkundgebungen. Solche Slogans sollten den angeblich uneingeschränkten Willen des „Volkes“ (der Bevölkerung) zum Ausdruck bringen, mit „eigenen“ Kräften die nicht zufriedenstellende politische und gesellschaftliche Situation zu verändern. Die politische Elite habe diesen Willen zu respektieren, sie könne nur im Einklang mit dem Willen des Volkes handeln. Seit der Machtübernahme Slobodan Miloševićs im jugoslawischen Teilrepublik Serbien 1987 verfolgte dieser in Politik, Gesellschaft und Kultur eine homogene, nationale Ausrichtung. Mit der Strategie einer Propagierung eines angeblichen „Volkswillens“ wurde die politische Elite in diesem Prozess nach eigener Auffassung von jeglicher Verantwortung befreit.
All das schlug sich in Kommunikationsmustern nieder, die sowohl für das Selbstbild als auch für das Bild, welches sich Serben von anderen machen, entwickelt und eingesetzt wurden. Nach seiner Machtübernahme installierte Milošević rasch regimetreue Redakteure in den wichtigsten Medien. Diese folgten der neuen diskursiven Strategie. Der damalige Chefredakteur der einflussreichsten serbischen Tageszeitung Politika, Živorad Minović, betonte, dass die unter seiner Verantwortung stehende Tageszeitung kein Recht habe, anders als das Volk zu denken. Die führenden jugoslawischen und vor allem serbischen Presseerzeugnisse bedienten sich eben jener diskursiven Strategie dann auch bei der Berichterstattung über den Fall der Berliner Mauer. Der serbische Kulturanthropologe Ivan Čolović sagte hierzu:
„Alles wurde so dargestellt, dass der Eindruck erweckt wurde, die Demonstrationen der rebellierenden Bevölkerung auf den Straßen Berlins und der Mauerfall seien die deutsche Version des „Sich-Ereignen-des-Volkes“, was in Serbien bereits vorher stattgefunden hatte.“
So sind auch die unverhüllten Sympathien in der Berichterstattung gegenüber der deutschen Bevölkerung, insbesondere der Bevölkerung Ostdeutschlands, in dieser Zeit zu erklären.
Die intellektuelle Elite Serbiens fasste die Ereignisse um den Mauerfall und deren Folgen allerdings unterschiedlich auf. Manche meinten, es handele sich um eine strukturelle Korrektur eines ansonsten gut funktionierenden Systems (des Sozialismus), das lediglich „reformiert werden sollte“. Andere befürchteten, dass in einem vereinigten Deutschland das Erwachen eines „alten deutschen Expansionismus“ möglich sein würde, und deuteten das Jahr 1989 als Versuch, die Folgen des Ersten und Zweiten Weltkrieges zu tilgen. Es gab zwar durchaus auch Stimmen, die sich nicht dem herrschenden Diskurs und einer der beiden Deutungen unterwarfen und die unter dem Einfluss der Ereignisse in Deutschland nun auch zuhause eine Entwicklung hin zu einer jugoslawischen föderalen Republiken mit Demokratie, Pluralismus und Menschenrechten anstrebten. Diesen Werten, die man als direkte Folge des Mauerfalls betrachtete, wurde in der serbischen Öffentlichkeit jedoch kaum Platz eingeräumt. Sie waren mit dem oben beschriebenen nationalen Muster nicht in Einklang zu bringen.
Von der DDR zur „Ko(h)lonie“?
In der Berichterstattung serbischer Medien über die deutsche Wiedervereinigung 1990 können grundsätzlich drei inhaltliche Schwerpunkte festgestellt werden: An erster Stelle stand die Berichterstattung über die innerdeutschen Beziehungen. Daneben wurde den Reaktionen aus Europa und der Welt große Bedeutung beigemessen, und nicht zuletzt berichtete man über die künftige Rolle des vereinigten Deutschlands in Europa und der Welt.
In der serbischen Presse wurde die deutsche Einheit – aus der Perspektive der Deutschen – vorwiegend als positive Veränderung wiedergegeben: In den Städten, vor allem in Berlin, herrsche eine feierliche Stimmung und niemand trauere um die DDR. Der deutsche Traum von der Wiedervereinigung sei endlich in Erfüllung gegangen. Dennoch wurde auch die Lage der Ostdeutschen im „neuen Staat und im neuen Leben“ reflektiert. So hieß es in der wichtigsten serbischen Tageszeitung Politika:
„Ostdeutschland wird in einer schnellen Aktion, die einem ‚Blitz-Anschluss’ ähnelt, dem westlichen Deutschland angegliedert.“ Ähnlich kommentierte die Wochenzeitung NIN:
„So hat die Wiedervereinigung Deutschlands […] in Wahrheit die Form einer Annexion der DDR durch die BRD angenommen, die BRD hat die DDR einfach verschluckt und versucht, sie jetzt zu verdauen.“
Für die Ostdeutschen bedeute der Verlust ihres Staates auch den Verlust ihrer Identität. Viele seien durch die Angst geprägt, dass sie „zur Ko(h)lonie werden“. Das einzige, was aus dem alten Staat überhaupt geblieben sei und in den neuen Staat mitgenommen werde, seien die Menschen. Sie erschienen in der Darstellung der serbischen Presse allerdings wie Schüler, die in eine neue Schule kommen.
Bemerkenswert ist, dass die beteiligten Politiker weniger Erwähnung fanden als erwartet. Zwar wurde Helmut Kohls Name in den Berichten häufig genannt, in der Auslandsberichterstattung ist es aber durchaus üblich, dass bei großen politischen Umwälzungen die Vertreter der politischen und kulturellen Elite stellvertretend für das Land und die Bevölkerung stehen. Im Fall des sich vereinenden Deutschlands aber rückten die deutschen Bürgerinnen und Bürger, gemäß der beschriebenen Instrumentalisierung des „Volkes“ als Handlungsträger, in den Vordergrund der Berichterstattung. Hinzu kommt, dass die politische Führung in Serbien erst spät eine Position gegenüber der neuen deutschen politischen Elite fand.
Bemerkenswert ist auch, dass die einzige unabhängige – das heißt regierungsoppositionelle – Zeitung, Vreme nur am Rande auf das Großereignis der Wiedervereinigung einging. Daran wird deutlich, dass sich die Teile der serbischen Öffentlichkeit, die sich nicht für die erwähnte diskursive Strategie instrumentalisieren ließen, stärker den inneren Angelegenheiten widmeten, als sich mit den außenpolitischen Veränderungen tiefer auseinanderzusetzen.
„Wie soll man die Wiedervereinigung überleben?“
In der Presse wurden auch die wirtschaftlichen Folgen der Wiedervereinigung intensiv thematisiert, denn die neue politische Situation hatte negative Auswirkungen auf die jugoslawische beziehungsweise serbische Wirtschaft. Viele Verträge, die zwischen der DDR und der Sozialistischen Föderalen Republik Jugoslawien (SFRJ) bestanden, wurden bis auf Weiteres storniert. Dieser Umstand wurde aber relativ sachlich präsentiert, von einer Verantwortung von deutscher Seite war keine Rede.
Bei den Deutschen sah man in Bezug auf die Wiedervereinigung Freude und Zufriedenheit, bei den (west-)europäischen Ländern und der Welt hingegen Ungewissheit und Angst. Das verdeutlichen die Überschriften: „Europäische Mächte wieder alleine“, „Europäische Gemeinschaft: Wie soll man die Wiedervereinigung überleben?“ Mit dem offensichtlich unvermeidlichen Blick in die Vergangenheit wurde festgestellt:
„Es gibt die Deutschen, die Idealisten sind, und die Deutschen, die Gewalttäter sind. […] Dieses Volk hat bis jetzt der Menschheit sowohl das Beste als auch das Schlimmste, was sich nur denken lässt, gegeben.“
Dabei herrschte in der Presse eine Ungewissheit in Bezug darauf, welche Richtung der neue deutsche Staat einschlagen würde:
„Werden sie auch weiterhin, oder in welcher Weise und mit welchem Ziel ‚Deutschland über alles’ singen, bleibt die größte Sorge für Europa in diesem Augenblick, in dem die Deutschen ihre Wiedervereinigung feiern.“
Die Europäische Gemeinschaft, die auch als Gebilde zur Begrenzung übermäßiger deutscher Machtbestrebungen konzipiert war, stünde nun vor folgenden Fragen: Wie sollte man das politische Gleichgewicht in Europa bewahren und gleichzeitig aber die Finanzierung der Europäischen Gemeinschaft durch den von nun an reichsten Staat gewährleisten, der jetzt doch auch seinen östlichen Teil unterstützen musste? Man habe es mit einem Staat zu tun, der als „wirtschaftlicher Riese“ eben auch kein „politischer Zwerg“ mehr sei.
Ungewissheit vor dem Riesen
Die politischen Vertreter des damaligen Gesamtstaates Jugoslawien reagierten zumindest öffentlich überwiegend positiv auf die Wiedervereinigung. In der offiziellen Verlautbarung des föderativen Sekretariats für ausländische Angelegenheiten hieß es, der jugoslawische Staat schließe sich „der allgemeinen Freude über die deutsche Wiedervereinigung“ an. Deutschland wurde in diesem Fall mit einem hoffnungsvollen Blick betrachtet und positiv beurteilt: Das sei „weder Bismarcks noch Hitlers Deutschland“, und man sollte vor ihm keine Angst haben.
Die serbische Presse aber nutzte neben Bezeichnungen wie „das neue Deutschland“, „das vereinigte Deutschland“, „das einheitliche Deutschland“ und „die vereinigten Deutschen“ immer wieder den Ausdruck „Riese“ in verschiedenen Variationen. So sprach man über Deutschland am häufigsten als „Riese im Herzen Europas“. Ausgehend von der neuen geografischen Größe (Fläche und Bevölkerungszahl) wurde dabei vor allem auf die wirtschaftliche Kraft Bezug genommen. Nur sporadisch wurde eine politische Komponente in dieses Bild mit einbezogen. Stellvertretend dafür stand etwa die Bezeichnung „der gutmütige Riese“, welche die Hoffnung auf die zukünftige demokratische Ausrichtung des neuen Staates zum Ausdruck brachte. Man bediente sich, wie erwähnt, eher Ausdrücken wie „kein politischer Zwerg mehr“, was aber keinen Hinweis darauf gab, was das wiedervereinigte Deutschland im politischen Sinne sei oder erst sein würde.
Krieg und „deutscher Drang nach Osten“
Die Ereignisse, die der Wiedervereinigung folgten, führten schließlich dazu, dass ein neues, sehr negatives Bild Deutschlands und der Deutschen in weiten Teilen der serbischen Öffentlichkeit entstand. Zunächst hatte Deutschland als erstes Land der Europäischen Gemeinschaft im Dezember 1991 die Unabhängigkeit Kroatiens und Sloweniens anerkannt. In der Berichterstattung des Jahres 1992 waren einige äußerst propagandistische Artikel zu finden, wie etwa jener aus der Politika, in welchem argumentiert wurde, dass die aktuelle politische Situation – die deutsche Anerkennung der beiden ehemaligen Teilrepubliken – ihren Ursprung im mythischen Germanentum habe. Man sei mit einer „Genscherisierung und All-Kohlisierung von Europa konfrontiert“. In dieser Zeit wurde Deutschland klar und offen die Schuld am Konflikt im ehemaligen Jugoslawien zugewiesen. Von einem Auslandskorrespondenten der Politika wurde dies in der Unterzeile zusammengefasst, die beiden Hauptziele Deutschlands seien „die Zerschlagung Jugoslawiens und die Unterwerfung und Ausschöpfung Serbiens“ gewesen und geblieben.
Der NATO-Angriff auf Serbien im Frühjahr 1999 war der erste Kriegseinsatz der Bundeswehr nach dem Zweiten Weltkrieg. Der damalige deutsche Außenminister Joschka Fischer warf in den Bundestagsdebatten und während der NATO-Angriffe den Serben die Verfolgung einer „großserbischen Idee“ vor. Dagegen argumentierten einige serbischen Intellektuellen, Deutschland hätte seit der Wiedervereinigung nur ein Ziel, den „Drang nach Osten“. Es bildete sich eine Reihe historisch negativ konnotierter Deutschlandbilder. Der deutsch-serbische Konflikt während der NATO-Angriffe im Jahre 1999 verstärkte diese. In allen Zeitungen wurde zu dieser Zeit mindestens einmal explizit erwähnt, dass dies der erste Kampfeinsatz der deutschen Bundeswehr nach dem Zweiten Weltkrieg sei. Man betonte, die deutschen Bomben würden erneut auf Belgrad fallen oder „die Deutschen“ seien wieder auf dem Balkan. Bezugnehmend auf eine grausame Vergeltungsaktion der Wehrmacht in Kragujevac im Jahre 1941 fragte sich ein Leser: „Wird die Wehrmacht zum dritten Mal Serbien niedertreten und werden noch einmal hundert Serben mit ihrem eigenen Leben für einen toten Deutschen zahlen müssen?“
Der Umbruch bringt ein neues Bild der Deutschen
Ein Belgrader Bürger liest im Oktober 2000 vor dem Parlamentsgebäudes die Zeitung “Politika” (&copy picture-alliance / dpa – Fotoreport, Foto: epa S.pikula)Seit der politischen Wende in Serbien 2000 veränderte sich das Bild der Deutschen, da die Bundesrepublik nun sehr aktiv die neue demokratische Regierung und mit ihr auch die wirtschaftliche Erneuerung des Landes unterstützte. Deutschland stellte Serbien seit dem demokratischen Umbruch mehr als 1,5 Milliarden Euro zur Verfügung. Auch zu den EU-Hilfen hat Deutschland rund 20 Prozent, das heißt 825 Millionen Euro beigetragen. Der deutsch-serbische Austausch im kulturellen Bereich blühte wieder auf und sorgte für eine zunehmend positivere Wahrnehmung Deutschlands in der serbischen Öffentlichkeit. Diese war in den ersten Jahren nach der Jahrtausendwende insbesondere mit der Person des Premierministers Zoran Djindjić verbunden. Nach dessen Ermordung 2003 begann eine neue Phase in der serbischen Bewertung Deutschlands und seiner Akteure.
Zurück zu skeptischer Vorsicht
Das überwiegend positive Bild von der wirtschaftlichen Stärke Deutschlands nahm 2005 allerdings erneut Schaden, als die deutsche Mediengruppe WAZ sich um die Übernahme weiterer Presseerzeugnisse – neben der größten serbischen Tageszeitung Politika und der Regionalzeitung Dnevnik – in Serbien bemühte. Die Übernahme stieß auf Kritik und Ablehnung, mutmaßten doch manche, dass die WAZ-Gruppe dank ihrer guten Beziehungen zur serbischen Regierung eine Monopolstellung auf dem serbischen Medienmarkt anstreben würde. Es war von einer „Expansion der deutschen Mediengruppe“ die Rede oder gar von der „Expansion der deutschen Stiefel“. Die Gruppe versuche, den serbischen medialen Raum zu erobern. Damit wird der schon bekannte „Kriegstopos“ zum ersten Mal auch in der Darstellung und Bewertung der deutschen Wirtschaft eingesetzt. Einer der Vorstandsmitglieder der Tageszeitung Politika, der bekannte serbische Regisseur Emir Kusturica, sagte angeblich, schon ein Schnupfen Gerhard Schröders werde zur wichtigsten Nachricht in Serbien und in der Politika. Dennoch ist festzustellen, dass eine Normalisierung des getrübten Deutschlandbildes nach 2000 zum größten Teil durch eine sachliche Berichterstattung über die deutsche wirtschaftliche Unterstützung möglich war.
Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Mauerfalls 2014 berichteten die serbischen Medien meist über wirtschaftliche Folgen der Wiedervereinigung. Es sei die starke Wirtschaft des vereinten Landes, welche die aktuelle politische Stärke Deutschlands begründe. Viele Leserinnen und Leser hingegen werden den Fall der Berliner Mauer aber nach wie vor mit dem „Errichten der Mauer“ auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien – also dem Zerfall des eigenen Landes – verbinden.
Heute bildet Deutschland noch immer eine Projektionsfläche serbischer Hoffnungen und Ängste. Wenngleich beide Länder keine direkten geografischen Nachbarn sind, ist die gemeinsame Geschichte nach wie vor ein Bezugspunkt und Quelle für Diskussionen. Nach Zeiten relativer Stabilität changiert die serbische Sicht auf die Deutschen zwischen positiver und negativer Wahrnehmung. Für die zukünftige Entwicklung des Deutschlandbildes werden sowohl die politische Ausrichtung der deutschen Seite als auch die innere Entwicklung Serbiens eine bedeutende Rolle spielen.
Zitierweise: Aleksandra Salamurović, „Der Geist und die Macht der Deutschen“: Die Wahrnehmung des vereinigten Deutschlands in der serbischen Öffentlichkeit, in: Deutschland Archiv, 5.1.2018, Link: www.bpb.de/262623Fußnoten
Predrag Marković, Die Deutschen als Naher Westen der Serben. Vorstellungen von den Deutschen und Deutschland in der modernen serbischen Geschichte, in: Ulf Brunnbauer (Hg.), Schnittstellen: Gesellschaft, Nation, Konflikt und Erinnerung in Südosteuropa. Festschrift für Holm Sundhaussen zum 65. Geburtstag, München 2007, S. 539–546, hier S. 539.Empfehlenswert: Zoran Konstantinović, Deutsch-serbische Begegnungen. Überlegungen zur Geschichte der gegenseitigen Beziehungen zweier Völker, Berlin, 1997; Zoran Konstantinović und Ulrich Zwiener (Hg.), Serben und Deutsche. Traditionen der Gemeinsamkeit gegen Feindbilder, Jena 2003 und Gabriella Schubert (Hg.), Serben und Deutsche, Band II, Literarische Begegnungen, Jena 2006.Vgl. Predrag Marković, Die Deutschen als Naher Westen der Serben (Anm. 1). Ebd., S. 543.Der vorliegende Beitrag stützt sich zum größten Teil auf Ergebnisse der Untersuchung zu Deutschlandbildern in der serbischen Presse zwischen 1990 und 2006, vgl. Aleksandra Salamurović, Wie viele Gesichter hat Deutschland? Das Deutschlandbild in der serbischen Presse 1990 bis 2006, Wiesbaden 2013. Hierfür wurden drei serbische Tageszeitungen (Politika, Danas und Blic) und zwei Wochenzeitungen (NIN und Vreme), insgesamt 731 Artikel, analysiert. Dieses ist der Titel einer serbischsprachigen Publikation über den Fall der Berliner Mauer und den Zerfall Jugoslawien, herausgegeben vom serbischen Kulturanthropologen Ivan Čolović, im Original: Ivan Čolović (ur.), Zid je mrtav, živeli zidovi! Pad Berlinskog zida i raspad Jugoslavije, Beograd 2009.Ivan Čolović, Kad kažem novine, 2. dop. izdanje. Beograd 2004, S. 49.Holm Sundhaussen, Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten 1943–2011. Eine ungewöhnliche Geschichte des Gewöhnlichen, Wien, Köln Weimar 2014, S. 267.Ebd., S. 267.Zagorka Golubović, Kulture u tranziciji u Istočnoj Evropi i Jugoslaviji: raskorak izmedju kulturnog i nacionalnog obrasca, in: Mirjana Prošić-Dvornić (ur.), Kulture u tranziciji, Beograd 1994, S. 35–45.Stojan Cerović, Am Anfang waren die Medien, in: Irina Šlosar, (Hg.), Verschwiegenes Serbien, Klagenfurt 1997, S. 59–71, hier S. 61.Aleksandar Nenadović, Die Politika im Sturm des Nationalismus, in: Thomas Bremer, Nebojša Popov, Heinz-Günther Stobbe (Hg.), Serbiens Weg in den Krieg: kollektive Erinnerung, nationale Formierung und ideologische Aufrüstung, Berlin 1998, S. 279–298.Nenad Stefanov, Strah od „nemačke Evrope“. Srpski intelektualci i 1989. godina, in: Ivan Čolović (ur.), Zid je mrtav, živeli zidovi! Pad Berlinskog zida i raspad Jugoslavije, Beograd 2009, S. 58–75, hier S. 64f.Ivan Čolović, Sve je počelo u Srbiji? in: Ivan Čolović (ur.), Zid je mrtav, živeli zidovi! S. 38-57, hier S. 42.Stefanov, Strah od „nemačke Evrope“ (Anm. 8), S. 67 ff.Ebd.Diese Bezeichnung kommt in verschiedenen Variationen in fast allen untersuchten Artikel dieser Zeit vor.Od 400 državica do „Četvrtog rajha“ [Von 400 Ländern bis zum ‚Vierten Reich‘], in: Politika, 3.10.1990, S. 4.Nemačka iznad svega [Deutschland über alles], in: NIN, 28.9.1990, S. 63–66.Danas poslednji dan NDR [Heute letzter Tag der DDR], in: Politika, 2.10.1990, S. 3.Vojin Dimitrijević, Die Jugoslawische Krise und die Internationale Gemeinschaft, in: Thomas Bremer (Hg.), Serbiens Weg in den Krieg: kollektive Erinnerung, nationale Formierung und ideologische Aufrüstung, Berlin 1998, S. 461–478, hier S. 470.Vreme, vom 29.10.1990, S. 47.Stopiran izvoz lanaca u Nemačku [Export von Ketten nach Deutschland gestoppt], in: Politika, 3.10.1990, S. 14; Epidemija otkazivanja ugovora [Epidemie der Absage von Verträgen], in Politika, 7.10.1990, S. 18.Wochenzeitung NIN vom 28.9.1990, S. 69–70.Wochenzeitung NIN vom 28.9.1990, S. 72.Od danas jedna Nemačka [Ab heute ein Deutschland], in: Politika, 3.10.1990, S. 2.Nemačka iznad svega [Deutschland über alles], in: NIN, 28.9.1990, S. 63–66.Kol: Ujedinjenje bez nasilja [Kohl: Wiedervereinigung ohne Gewalt], in: Politika, 3.10.1990, S. 5.Politika vom 5.10.1990, S. 5. Das föderative Sekretariat für ausländische Angelegenheiten ist mit dem Auswärtigen Amt in ihrer Funktion und den Befugnissen zu vergleichen.Pangermanska koalcija i Srbija danas [Pangermanische Koalition und Serbien heute], in: Politika, 17.1.1992, S. 14.Nemci menjaju taktiku ali ne i strategiju [Die Deutschen ändern die Taktik, aber nicht die Strategie], in: Politika, 6.3.1992, S. 2.Salamurović, Wie viele Gesichter hat Deutschland? (Anm. 5), S. 232.Hier nur einige wenige Artikel: Očekivana isključivost [Die zu erwartende Einseitigkeit], in: Politika vom 25.3.1999, S. 4; Limena etika [Die Blechethik], in: NIN vom 10.6.1999, S. 17; Pogaženo medjunarodno pravo [Das internationale Recht niedergetreten], in: Danas vom 26.3.1999, S. 4.Am 21. Oktober 1941 wurden in einer Vergeltungsaktion für zuvor geschehene Partisanenaktionen nach einer „Geiselquote“ für jeden getöteten deutschen Soldaten 100 Einwohner ermordet, darunter viele Hundert Schüler und Lehrer einer Grundschule.Hitler je bio realniji [Hitler war realistischer], in: Politika, vom 26.3.1999, S. 12.Daten auf der Webseite der Deutschen Botschaft in Serbien: www.belgrad.diplo.de/Vertretung/belgrad/de/05/Wirtschaftliche__Zusammenarbeit/Wirtschaftliche_20Zusammenarbeit1.html, letzter Zugriff am 8.11.2017.Mnogo zlonamernog, malo tačnog [Viel Böswilliges, wenig Richtiges], in: NIN vom 30.6.2005, S. 30.Kakav Šreder [Welcher Schröder denn], in: NIN vom 14.7.2005, S. 23.Nenad Radičević, Četvrt veka od pada Berlinskog zida. Nemačka najviše profitirala. [25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer. Deutschland hat am meisten profitiert], in: Politika online www.politika.rs/rubrike/Tema-nedelje/Cetvrt-veka-od-pada-Berlinskog-zida/Nemacka-najvise-profitirala.sr.html, letzter Zugriff am 9.11.2017.

Die AutorinAleksandra Salamurović
Dr.; Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Slawistik und Kaukasusstudien, Südosteuropa-Studien.
Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/ Autor: Aleksandra Salamurović für bpb.deUrheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.
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