Flucht oder Konfrontation: Vom Umgang mit Komplexität

By   /  February 7, 2018  /  Comments Off on Flucht oder Konfrontation: Vom Umgang mit Komplexität

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MIL OSI – Source: Volkswagen Stiftung –

Headline: Flucht oder Konfrontation: Vom Umgang mit Komplexität

Überschaubarkeit und Weltzusammenhang
Diese Konsequenz korrespondiert mit der generellen Haltung, die Sibylle Lewitscharoff zum Thema einnimmt. Sie berichtet von Zeiten, in denen sie sich dem Weltgeschehen durch eingeschränkte Kommunikation entzog: “Die heutige Flut von Informationen führt eher zu Überforderung, Verunsicherung und Apathie.” Sie habe immer öfter Lust, sie abzuschalten. “Ich fühle mich in der Welt nicht mehr behaust”, bekennt sie resigniert und sehnt sich nach der Überschaubarkeit der Bonner Republik zurück – einer Zeit vor wesentlichen Grenzüberschreitungen der Globalisierung. “Der wachsende Weltzusammenhang mit seinen möglichen Katastrophen drückt aufs Hirn”, sagt sie und macht gesellschaftliches Angstpotential in einem zu großen Entscheidungsspektrum aus: “Das immer freiere Leben hat Tücken, weil es weniger soziale Stabilität bietet.” Das Erleben von Komplexität, zu der auch wissenschaftlicher und technischer Fortschritt beitragen, scheint für Lewitscharoff vor allem bedrohlich zu sein.
Technik und Folgenabschätzung
Mit der Entscheidung, eine Schriftstellerin einzuladen, habe sie durchaus auch Neues gewagt, kommentierte Katja Ebeling von der VolkswagenStiftung zuvor bereits in ihrer Begrüßung. Zugleich passt der Schritt gut zum Anspruch, frühzeitig einen begleitenden Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu ermöglichen, um so Ängste vor Fortschritt zu nehmen – aber auch ernst zu nehmen. “In einer Zeit der “Fake News” ist es wesentlich, Debatten mit wissenschaftlichen Positionen anzureichern”, so Ebeling. Das Podium vereint sehr unterschiedliche Zugänge zur Frage nach dem Umgang mit Unbekanntem. Prof. Dr. Elke Seefried ist Professorin für Neueste Geschichte an der Universität Augsburg und stellvertretende Direktorin des Instituts für Zeitgeschichte in München und Berlin. Sie zeigt auf, wie sich Phasen der Skepsis gegenüber technischen Fortschritten mit solchen der Euphorie abwechseln. Heute gehe es vermehrt um eine Technikfolgen-Abschätzung: “Welche Technologie setzen wir wie ein – und wo liegen die Grenzen?”
Immunsystem und Angstsysteme
Volker Stollorz ist Wissenschaftsjournalist und arbeitet für das Science Media Center in Köln. Er betrachtet Wissenschaft als “Werkstatt des Möglichen” und Technologie als “Kunst des Lösbaren”. “Sie können beide einschränken und befreien”, so Stollorz. Wissenschaftsjournalismus sei das Immunsystem der Gesellschaft: “Er springt an, wenn etwas Neues, Unverstandenes ins System gerät.” Dann sei gemeinschaftlich zu fragen: “Was ist möglich? Wollen wir das? Welche Risiken gehen wir ein?” Prof. Dr. Borwin Bandelow ist stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen und Vorsitzender der Gesellschaft für Angstforschung. “Die Kategorien der häufigsten Ängste haben sich verschoben”, erklärt er in einem Impulsvortrag. An die Stelle greifbarer Bedrohungen wie der Altersarmut seien abstraktere wie die des Terrorismus getreten. Am Beispiel der Flugangst erläutert Bandelow Urängste des Menschen wie die Höhenangst: “Das primitive Angstsystem im Gehirn ist winzig, aber stark”, sagt er und fügt an: “Es weiß allerdings nichts von Statistik.”

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