Solidarität ist Zukunft

By   /  February 23, 2021  /  Comments Off on Solidarität ist Zukunft

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Source: DGB – Bundesvorstand23.02.2021
Was bedeutet Solidarität für Dich?
Solidarität ist Zukunft
Definition, Beispiele, Geschichte, Zahlen und Fakten
Die Idee der Solidarität ist uralt. Doch was macht solidarisches Handelns heute aus – vor allem jetzt, in der größten Krise nach dem zweiten Weltkrieg? Fakt ist: Nur mit Solidarität lässt sich ein Weg aus der aktuellen Situation finden. Wir zeigen, warum Solidarität Zukunft ist.

DGB

Es war Anfang März 2020, als eine junge Bayerin in das Münchner Krankenhaus gebracht wurde: Sie hatte Covid19, eine der ersten Kranken. Es dauerte Wochen, bis sie wieder gesund war – aber jetzt trifft man sie wieder in dem Krankenhaus an. Aber als Stationsassistentin, bis April. Die junge Frau „möchte den Menschen was zurückgeben, die mir so viel gegeben haben, dem Stationspersonal“ sagte sie dem Sender Bayern 2.
Solidarität in der Corona-Pandemie
Es ist nur eines von vielen Beispielen für Solidarität in dieser fürchterlichen Pandemie. Fast jede und jeder kann ein Beispiel dafür nennen, ob die Nachbarschaftshilfe für Ältere, die plötzlich aufblühte, oder die Beutel mit Lebensmitteln für Obdachlose, die an Zäunen hingen, ob das kostenlose Taxi für die PflegerInnen oder der Kinobetreiber, dem die Fans einen neuen Projektor finanzieren, weil der alte kaputt ist: Die Pandemie hat zu einer Welle der Solidarität geführt. Auch wenn diese Bewegung durchsetzt ist mit Querdenkern und Querulanten: Sie sind wenige im Vergleich zu den Millionen, die sich zusammengetan haben, um die Schwachen zu schützen, die Alten, die Vorerkrankten. Und das nicht nur in Deutschland, sondern in den meisten Ländern der Welt.
DGB-Maimotto 2021: Solidarität ist Zukunft
Der DGB hat nicht nur deswegen für den 1. Mai die Solidarität in sein Motto gehoben: „Solidarität ist Zukunft“. Nur mit Solidarität, so der DGB, lässt sich ein Weg aus der Krise finden. Das passende Bild zum Motiv hat der junge Künstler Niklas Apfel von der Berliner Universität der Künste entworfen. „Gerade heute in einer sich immer mehr globalisierenden Welt, und auch in der aktuellen Pandemiesituation, ist es sehr wichtig, dass es Menschen gibt, die sich für die Arbeitsrechte anderer einsetzen. Denn gemeinsam sind wir stärker“, beschreibt er sein Ziel.
Solidarität in der Arbeitswelt
Viele solidarische Handlungen in der Pandemie sind dabei weniger auffällig gewesen als die in den Medien zitierten, aber sie sind genauso substanziell wie die sichtbaren. Wie zum Beispiel die Entscheidung in einem Chemieunternehmen, dass die Belegschaft eine Samstagsschicht leisten muss – die das, diskutiert im Betriebsrat, aber auch möchte, damit alle durch die Schichtwechsel sicher arbeiten können, und das Unternehmen trotzdem weiter produzieren kann. Oder wenn Spenden an wohltätige Organisationen wie Brot für die Welt deutlich ansteigen – statt, wie erwartet, zu sinken.

Individuelle Verwundbarkeit als „Grundmodell der Solidarität“
Der renommierte Soziologe Heinz Bude glaubt, dass diese Welle der Solidarität nicht einmalig und befristet ist. Vor der Pandemie habe es eine Krise des Sozialstaates gegeben, erklärte er in einem Vortrag, und es herrschte die neoliberale Überzeugung vor, dass eine gute Gesellschaft eine mit starken Einzelnen ist, die in der Lage sind, für sich selber zu sorgen. „Das glauben die Menschen nicht mehr. Die Pandemie hat ein neues Motiv geschaffen: Man kann noch so reich, noch so schlau sein: Man kann sich nicht selber schützen, wenn andere sich nicht auch schützen“, sagt er. Dieses Bewusstsein für die individuelle Verwundbarkeit sei „das Grundmodell der Solidarität“. „Eine zukunftsfähige Solidarität muss die Idee des verwundbaren Individuums ernst nehmen“, fordert Bude – und beobachtet in der Pandemie genau das. Zudem habe sich gezeigt, dass vor allem Länder mit funktionierendem Staatswesen die jeweilige Bevölkerung verhältnismäßig erfolgreich durch die Pandemie gesteuert haben. Daraus resultiere, so Bude, für die Zivilgesellschaft ein Bewußtsein für die „Staatsbedürftigkeit“ – ohne den Staat, ohne seine Institutionen wäre die Menschheit dem Virus vollständig hilflos ausgeliefert.
Definition und Zitate

Solidaritätslied: „Vorwärts, und nicht vergessen, / worin uns’re Stärke besteht! / Beim Hungern und beim Essen, / vorwärts und nicht vergessen / die Solidarität!“ Bertholt Brecht, Dichter
„Wer sich solidarisch verhält, nimmt im Vertrauen darauf, dass sich der andere in ähnlichen Situationen ebenso verhalten wird, im langfristigen Eigeninteresse Nachteile in Kauf.“ Jürgen Habermas, Philosoph und Soziologe
„Solidarität ist die Gesinnung einer Gemeinschaft mit starker innerer Verbundenheit“ Alfred Vierkandt, Philosoph und Soziologe
„Solidarität ist das Zusammengehörigkeitsgefühl, das praktisch werden kann und soll.“ Alfred Vierkandt, Philosoph und Soziologe
„Nur eine solidarische Welt kann eine gerechte und friedvolle Welt sein.“ Richard von Weizsäcker, Politiker und ehemaliger Bundespräsident
„Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker.“ Gioconda Belli, nicaraguanische Schriftstellerin

Definition und Ursprung von Solidarität
Die Idee der Solidarität ist dabei uralt – sie ankert im Römischen Recht, entwickelt zwischen dem 5. Jahrhundert vor Christus und dem 3. Jahrhundert nach Christus: Solidus selbst heißt so viel wie gediegen, fest, „in solidum“ hieß es damals: Alle für einen und einer für alle, und beschrieb ein Schuldverhältnis, in dem jeder und alle haften – es gibt eine verbindliche Verpflichtung, eine Gesamtschuld.
Revolutionen, Reformen, Google-Recherche
Seitdem hat diese gegenseitige Verpflichtung, sich zu unterstützen, immer wieder Glanzzeiten erlebt: Mit der französischen Revolution („Einheit, Gleichheit, Solidarität“), mit dem Wiederaufbau nach den beiden Weltkriegen, mit der Errichtung des hochsolidarischen Sozialsystems mit Krankenkasse, Rentenversicherung und Arbeitslosenversicherung. Heute kann man die Attraktivität des Begriffs sogar ganz einfach messen – im März 2020, zu Beginn der Pandemie, wurde der Begriff „Solidarität“ extrem oft gegoogelt (allerdings auch der Begriff „Aktien kaufen“).
Solidarität im Coronajahr
Besonders zu Beginn des ersten Lockdowns im März 2020 wurde häufig nach dem Begriff Solidarität gegoogelt. Vor allem Politikerinnen und Politiker appellierten an den Gemeinschaftssinn in der Bevölkerung.
USA: Black live matters und die Suche nach Solidarität
Am 25. Mai 2020 kam der US-Bürger George Perry Floyd Jr. bei einem Polizeieinsatz ums Leben (der rote Pfeil in der Grafik unten kennzeichnet die Woche nach dem Tod von George Floyd). Daraufhin protestierte die Black lives matters-Bewegung über Monate in vielen US-Städten gegen Polizeigewalt und Rassismus. In den Google-Suchnachfragen zeigt sich, dass es bei den Protesten vor allem auch um Solidarität mit dem Opfer ging.

Alltagshelden haben Solidarität verdient
Dass noch viel Luft nach oben ist, zeigt die Pandemie ebenfalls, und das nicht nur darin, dass in den ersten Wochen des Lockdowns Toilettenpapier ausverkauft war und Desinfektionsmittel gestohlen wurde. Solidarität sieht anders aus. Und während im ersten Lockdown noch für das Pflegepersonal und die Alltagshelden wie LKW-Fahrer und Verkäuferinnen von Balkonen geklatscht wird, hört man davon im derzeitigen Dauerlockdown wenig. Auch für die 60 000 Erntehelfer*innen aus Ost- und Südeuropa, die voraussichtlich dieses Jahr wieder einreisen werden, gibt es bis heute keine soziale Absicherung, heißt, keine Krankenversicherung – mitten in der Pandemie. Im ersten Moment wurde auch der Skandal im Sommer kleingeredet, als die Beschäftigten in den Schlachthöfen wegen mangelnder Hygienekonzepten und schlechten Arbeitsbedingungen dem Virus hilflos ausgeliefert waren.
Historischer Schritt für Pflegepersonal
Aber hier war plötzlich unter dem Druck der Öffentlichkeit möglich, was über Jahre gefordert wurde und angeblich bis dahin nie umsetzbar war: Scharfe gesetzliche Regelungen für die Arbeitsbedingungen und Unterkünfte der meist ost- und südeuropäischen Schlachthofmitarbeiterinnen und -mitarbeiter. Selbst der letzte Versuch der Schlachtindustrie, die gesetzlichen Vorschriften aufzuweichen, scheiterte in der Politik.
Offen ist, ob die solidarische politische Energie ausreicht, um auch beim Pflegepersonal einen historischen Schritt zu gehen. Dass sie mehr verdienen sollten, dass Pflege mehr wert ist als ein paar Prämien, ist durch die Pandemie gesellschaftlicher Konsens geworden. Ein entsprechender Tarifvertrag zwischen Verdi und dem Arbeitgeberverband BVAP steht – doch noch steht aus, wie sich die Kirchen zu dem Tarifvertrag stellen. Erst Ende Februar will man sich in der paritätisch besetzte Arbeitsrechtlichen Kommission zusammensetzen und entscheiden, ob die Kirchen den „Dritten Weg“ aufgeben – und damit die Basis für eine Allgemeinverbindlichkeit des Tarifvertrages ermöglichen.

Solidarität in Europa
Doch nicht nur auf nationaler Ebene hakt es noch mit der Solidarität. Zwar hat die EU gerade deswegen so lange bei den Impfstoffen verhandelt, damit sie alle 27 EU-Länder unter einem (solidarischen) Hut hatte bei der Pandemiebekämpfung. Aber um die Pandemie zu bewältigen, muss sie nicht nur europaweit, sondern weltweit bezwungen werden; schon und auch aus ökonomischen Gründen. Es bringt wenig, wenn die reichen Länder durchgeimpft sind, aber die Wirtschaft in anderen Ländern, sei es Liefer- oder Exportland, still steht, weil das Virus weiter wütet. Trotzdem haben die reichen Ländern bis Mitte Januar 60 Prozent des damals verfügbaren Impfstoffs aufgekauft oder vertraglich gesichert, obwohl sie nur 16 Prozent der Bevölkerung ausmachen, zitiert die „Zeit“ eine Studie. Und obwohl die Impfstoffe mit riesigen staatlichen Hilfen entwickelt wurden – Biontech hat allein 375 Millionen Euro bekommen – unterliegen sie dem Patentschutz, der sie teuer macht. Dabei appellieren bereits 100 Länder an die Welthandelsorganisation, den Patentschutz wenigstens zu lockern, damit die armen Länder günstig an Impfstoff kommen.
1. Mai 2021: Solidarität in der Corona-Krise
Gewerkschaften werden deswegen am 1. Mai wieder für Solidarität eintreten – digital, aber auch persönlich. In Deutschland wollen die Gewerkschafter*innen dort, wo es unter Einhaltung der Hygieneauflagen möglich ist, auf den Plätzen ein Netz der Solidarität spannen – weil Solidarität die Zukunft ist.
Gewerkschafter*Innen können Materialien für den 1. Mai bei der Druckerei bestellen…

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